Emotion statt Perfektion: Julie Pecquet unterrichtet derzeit in Erfurt – Samstag in der Alten Oper

Von Axel Heyder

Ihre Vita liest sich wie das Logbuch der Santa Maria: Schier kein Ort der Welt, an dem Julie Livia Pecquet noch nicht getanzt hat, eine Ausbildung absolviert oder selbst ausgebildet hat. Sie war in Berlin, Köln, München, Paris, Toulouse, Los Angeles, Moskau, London; dozierte in Österreich, USA, Italien, Russland, Polen, den Niederlanden, Frankreich oder Kolumbien. Und weil man sie für eine Frau Ende 20 halten könnte, kommt die Frage auf, wann sie das denn alles gemacht haben will?

Sie ist nicht nur eine der besten Tanzlehrerinnen weltweit, sondern zudem Schauspielerin, Synchronsprecherin und hat eine Stuntausbildung gestemmt. Nicht bei irgendwem, für sie muss es schon die Meisterklasse im Stuntfighting bei Tony Wolf sein (Stunt-Coordinator „Herr der Ringe“). Sie tanzte in einem Modern Talking-Video, bei Mr. President und Wyclef Jean, war bei „Das Supertalent“ und „You can dance“ mit von der Partie.

In dieser Woche ist sie als Dozentin bei den Sommertanztagen in Erfurt. Was die Schüler bei ihr erleben, ist jedoch ganz anders, als sie es angesichts dieser Vita vermuten könnten. „Nicht das perfekte hohe Bein will ich sehen, sondern den Menschen. So wie er ist. Jeder hat dabei seine eigene Handschrift. Es zählt nicht die Perfektion“, sagt die 1973 in Paris geborene heutige Choreographin. Aber: Sie treibt ihre Schüler gern in eine Ecke, führt sie an den Abgrund und darüber hinaus, um sie dann sanft aufzufangen. „Ich möchte nicht, dass mir die Menschen in den Kursen etwas vorspielen. So, wie es heutzutage üblich ist, immer eine Rolle zu geben um jemand zu sein. Warum nur trennen so viele Privatperson und Tänzerin?“

Pecquet schätze vor allem eines, Ehrlichkeit in der Bewegung und wahre Emotionen. Das sei weit besser als die Perfektion des Schrittes.
Die Leidenschaft fürs Tanzen hat früh begonnen: „Mit dreieinhalb habe ich angefangen“, erinnert sie sich. „Mein Vater war Tanzlehrer, hat zudem Jambé (afrikanische Trommel Anm. d. Red.) gespielt. Diese ursprünglichen Töne sind mir bis heute im Gehör geblieben“. Und haben sie geprägt. „Meinen ersten größeren Schreikrampf habe ich wohl bekommen, als eines Tages mein rosafarbenes Tutu aus Crép­papier kaputt ging. Meine erste Choreographie habe ich mit sieben Jahren zu John Lennons Song ‚Imagine‘ kreiert. Der Song hat mich bewegt!“ Aufgeregt sei sie damals gewesen, obwohl nur ihre Tanzlehrerin zugeschaut habe.

Inzwischen sind es andere, die aufgeregt sind, wenn sie bei ihr vortanzen sollen. Müssen sie aber gar nicht, nimmt man Julie Livia Pecquet beim Wort. Denn Ehrlichkeit ist ihr allemal lieber, als das perfekte gestreckte Bein oder die beste Technik ohne Herz.

Trotz aller Vielseitigkeit: Einen Traum hat sie sich noch nicht erfüllt: „Ich wollte Ethnologie studieren und in Südamerika alte Tänze wieder aufleben lassen“. Wer die quirlige Frau erlebt, traut ihr das ohne zu zögern auch noch zu. Live zu erleben ist sie mit drei ihrer Choreografien an diesem Samstag in der Alten Oper.
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