Frau Holle und Elisabeth lassen grüßen

  Eine Reise in die Region Werra-Meißner

Schon lange wollten wir einen der geheimnisvollen Seen im Meißnerland besuchen.
Startpunkt ist Erfurt. Über Eisenach, Creuzburg, Eschwege, Germerode und Schwalbenthal geht es zum Ziel unserer Wünsche, dem Hohen Meißner; mit 750 Metern der höchste Berg Hessens. Er ist zugleich der Hausberg von Frau Holle.
Als wir ankommen, liegt der Berg in dichtem Nebel. Die 315 cm Meter hohe Holle-Holzskulptur ist kaum zu erkennen. Hat Frau Holle Waschtag oder kocht sie Mittagessen, weil der Nebel so wabert? Der Holle-Teich ist stark mit Schilf zugewachsen, das Wasser schmücken Seerosen. Trotzdem ist Vorsicht geboten. Ein Schritt zu viel und man kann im Morast versinken. Der Nebel wallert immer weiter und täuscht seltsame Figuren vor.
Die uralten Geschichten, Sagen und Mythen steigen daraus auf. Ganz leise erzählt ein alter Mann über die Muttergöttin. Als ich etwas fragen will, ist er plötzlich im Nebel verschwunden.
Schon seit 2000 Jahren ist diese Region das Frau-Holle-Land. Die Märchen und Sagen wurden von Mund zu Mund weitergegeben. Schließlich schrieben die Gebrüder Grimm das Erzählte auf.
Frau Holle ist eine Art Deckname. Dahinter steht eine Mutter-Gottheit, die seit der Zeit des Christentums verdrängt wurde. Diese Zusammenhänge gerieten in Vergessenheit. Es bedurfte eines langen Erkenntnisweges, um wieder Klarheit zu schaffen. Im 6. Jahrhundert, im Thüringer Königreich, brachte die letzte Königin Amalaberga, eine Nichte des Gotenkönigs Theoderich, das Christentum mit. Es war der athanasische Glaube, der Glaube an einen einzigen Gott. Später setzte sich der Glaube an die Trinität durch.
Aber im Volk wurden nach wie vor die germanischen Hauptgötter Odin und seine Frau Freya verehrt. Freya, in Hessen und Thüringen Frau Holle genannt, gebot über die Natur und die Wasser des Lebens, weshalb ihre Standbilder immer in der Nähe von Brunnen, Quellen, Teichen und Seen standen. Werden und Vergehen lag in der Vorstellung der Menschen in Freyas Hand. Ihr Wesen ist vergleichbar mit der griechischen Göttin Artemis und auch der römischen Gottheit Diana.
Im Holle-Märchen der Gebrüder Grimm stecken diese Botschaften. Die Blumenwiese ist der Frühling, der Backofen der Sommer, der Apfelbaum der Herbst und der Schnee symbolisiert den Winter. Der Weg durchs Jahr ist der Weg der menschlichen Reifung. Ein Weg, der zu Liebe, Glück und Einklang miteinander oder aber auch zu Neid, Egoismus und Pech führen kann. Es liegt in unserer Hand, das Richtige zu wählen.

Da steht ja ganz in der Nähe des Holle-Standbildes ein ihr geweihter Hollerbusch (Holunder). Es ist schon 11 Uhr und die Nebelschwaden wollen nicht weichen. Ich trete an die Skulptur heran und sage leise: „Hohe Frau, segne die Pfade und lasse die Sonne scheinen!“
Glaube ist Herzenssache und hat nichts mit Wissenschaft und Wirklichkeit zu tun. Trotzdem wurde der Naturglauben dämonisiert und aus den Mutter-Gottheiten wurden Hexen. Aber über Jahrtausende hinweg galt ihnen die Verehrung durch das Volk.
Ich kenne Thüringerinnen, die Holles Gebot, in den 12 Raunächten nicht zu arbeiten, speziell nicht zu spinnen, nähen oder Wäsche zu waschen und aufzuhängen, auch heute noch strikt einhalten.

Nach all der Mythologie meldet sich der Magen. Im Berggasthof „Hoher Meißner“ nehmen wir Platz am Tisch zweier munterer 86-jähriger Damen. Helga stammt aus Kassel und musste 16-jährig im Weltkrieg nachts ihrer Mutter helfen, die Luftschutzwartin war und auch später beim Lazarettdienst. Tagsüber schlief sie in der Schule ein. Es gab wenig Freude für Mädchen in dieser Zeit – und dann noch die Angst, ob der Schulfreund gesund von den Volkssturmeinsätzen zurückkäme.
Walburg G., geb. Dix, aus dem Frau-Holle-Ort Hessisch-Lichtenau, ist mit dem Maler Otto Dix verwandt. Sie plant, das Otto-Dix-Haus in Gera zu besuchen, wenn die Kinder mal Zeit finden, sie hinzufahren.
Das bestellte Holle-Schnitzel ist riesengroß und nicht zu bewältigen. Das Format ist vermutlich auf die Ausdauer-Wanderer abgestimmt.

Den Naturpark genießen können auch Rollstuhlfahrer. Vom Startpunkt Berggasthof führt ein 3,8 km langer, barrierefreier Wanderweg rund um den „König“ der Nordhessischen Berge. Wir haben ihn selbst ausprobiert; die Strecke ist empfehlenswert. Auf der Wanderstraße folgt uns strahlender Sonnenschein. Ob die Holle wohl geholfen hat?
Für Familien ist der Berg-Wildpark Meißner angesagt. Besonnenheit beim Umgang mit den heimischen Wildarten ist geraten. Rainer wollte einen großen Rothirsch füttern und wurde in die Hand gebissen und von hinten wurde sein Po von einem eifersüchtigen Steinbock attackiert. Das sieht sehr komisch aus.
Die Wildpark-Anlage umfasst ca. 40 Hektar und ist großzügig angelegt. Für den Besuch des Waldwichtelhauses muss ich sportlich, nur mit Krücken, die hohe Eingangsstufe überwinden. Die Tafeln im Haus sind für Kinder gut begreifbar gestaltet, Schwerpunkt sind Wald und Bergbau.
Anfang September schießen die Pilze aus der Erde. Für den eigenen Bedarf darf täglich
1 Kilogramm Pilze gesammelt werden, um den Jungbestand der Waldflächen nicht zu stören. Die Heilkraft der Bäume erläutert die Waldfee, eine Dienerin von Frau Holle.
Von den immer noch sonnigen, verlockenden Wegen durch die Meißner Natur muss ich Abschied nehmen.
An der historischen Creuzburger Brücke, die einst unter Landgraf IV (1200-1227) erbaut wurde, sind die Tore der Liborius-Kapelle einladend weit geöffnet. Diese Kapelle aus der Spätgotik zieren an den Wänden vierzig Wandmalereien, die wie ein Bilderbuch Geschichten aus Religion, Sagen und der Zeit der Ludowinger darstellen.
Die Creuzburg war, wie die Brandenburg, Sicherungs- und Vorburg der Wartburg. Die Heilige Landgräfin Elisabeth geb. Arpadhazy (1207-1231), gebar 1223 auf der Creuzburg den Thronfolger Hermann.
Die rechte Wand enthält von oben bis unten alle Sagen und Geschichten, rund um die Heilige Elisabeth. Sie wurden aufwendig restauriert, trotzdem ist nur schwach etwas zu erkennen. Meine Blicke streifen zum Bild gegenüber: „Elisabeth und ihre Frauen“. Die Frauen sitzen in einer Runde zusammen. Elisabeth hat ein Brot unter dem Arm. Ist es eine Beratung zur Pflege Kranker, ein Frauentreff oder braucht Elisabeth Entscheidungshilfe für das weitere Leben?
Die heiteren Stimmen von Touristen füllen den Kirchenraum. Eine Fotografin macht Bilder und schiebt mit einen Stuhl zu. So kann ich in Ruhe einen Dialog mit Elisabeth führen. Ob sie wohl Zweifel hatte, ihre Kinder zu verlassen, alle Wurzeln zur Heimat zu kappen, um einzig und allein für den Glauben zu leben, dem sie sich über Pflege und härteste körperliche Strafen näherte? Es war wohl ihr Weg zum Seelenheil.
Ein letzter Sonnenstrahl zeichnet ein Lächeln ins Gesicht der Landgräfin. Es wäre schön, wenn auch in 100 Jahren Touristen sich noch über eine gesunde Natur und stabile Denkmäler freuen könnten. Daran müssen wir heute bauen.
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