Froh und friedlich in Friedrichswerth

    In der Sonderbeilage der Thüringer Zeitungsgruppe zum Tag des offenen Denkmals mit dem Jahresthema Holz gab es eine große Auswahl. Da hatten wir die Qual der Wahl. Schließlich stand es fest, wir besuchen das barocke Schloss Friedrichswerth. Uwe Zerbst hatte 2011 darüber ausführlich berichtet und auch ein kleines Video mit prächtigen Stuckdecken aufgenommen.
In diesem Jahr war es für Schloss Friedrichswerth der „Tag des geschlossenen Denkmals“, schade! Aber vielleicht passte es nicht zum Jahresthema Holz?
In diesem Nesse-Sumpfgebiet errichteten um 859 die Herren von Erffa als Stammsitz eine Wasserburg. Kaiser Heinrich vergab Rechte an diesem Gebiet an das Kloster Fulda. Die Adelsgeschlechter Eberstädt, Sonneborn, Goldbach und Wangenheim begleiteten ab dem
13. Jahrhundert hohe Ämter am thüringisch-landgräflichen Hof. Sie hatten ein komfortables Leben. Für die Bauern dieser Region war der Arbeitsalltag unerträglich hart. Deshalb beteiligten Sie sich 1525 am Bauernkrieg. Nach der Niederlage der Bauern nahmen die Herren gnadenlos Rache.
1677 kam Herzog Friedrich I. von Gotha-Sachsen-Altenburg zu Besuch. Was er sah gefiel ihm. Er kaufte Erffas Wasserburg. Nach dem Abriss der alten Burg entstand das heutige Schloss Friedrichswerth. Zur DDR-Zeit soll es ein Jugendwerkhof gewesen sein. Heute ist es ein Jugendheim und eine Ausbildungsstätte des Landes Thüringen.
Zum Schloss gehört ein Barockgarten und im Südflügel wurde eine Schlosskirche im Erdgeschoss eingebaut. Beides hätte ich gut besichtigen können, aber alle Türen, Tore und Eingänge waren verrammelt. Enttäuscht trabten die „Sehleute“ auf der Wiese herum. Von einem älteren Ehepaar erhielten Rainer und ich den Tipp, zum ehemaligen Waisenhaus zu gehen. In der Tat, das lohnte sich. Der Heimatverein Friedrichswerth war rührend um die Gäste bemüht. Gelbes T-Shirt mit eingesticktem Vornamen und rückwärts den Schriftzug „Heimatverein“ machten die Vereinsmitglieder für die Besucher als Ansprechpartner kenntlich. Eine freundliche hilfreiche Dame erzählte von der Geschichte Friedrichswerths und zeigte uns die ebenerdigen Museumsräume.
Das heutige 522zig-Seelendorf Friedrichswerth liegt am rechten Ufer der Nesse. Das Tal wird umschlossen vom sagenhaften Großen Hörselberg und dem Inselsberg. Dieser fruchtbare Boden war Anlass einer sehr frühen Besiedlung durch das Volk der „Linienbandkeramiker“.
Zu Beginn des 9. Jahrhunderts wurde der Ort „Erphohi“ im Güterverzeichnis von Kloster Hersfeld erwähnt. Der Begriff „Erphohi“, „Erffa“ bedeutet dunkel. Früher hieß die Gera Erph, weil sie dunkles, lehmiges Wasser führte. Der heutige Ortsname „Friedrichswerth“ bezieht sich auf den Herzog und lautet „Friedrichs-Insel“, weil das Schloss von Wassergräben umzogen ist. Die Dörfler deuten es anders: „Weil dem Herzog der Ort so viel „werth“ war, heißt er Friedrichswerth.“

Das Waisenhaus ist heute Sitz des Gemeinderates im Erdgeschoss. In der ersten Etage befindet sich das Heimatmuseum und Wohnräume. Die zweite Etage soll noch ausgebaut werden. Es gefiel mir, dass an allen denkmalgeschützten Gebäuden Schilder mit wichtigen Informationen angebracht sind. Im Jahr 1712 begann der Bau des Hauses. Das Stifterehepaar Otto Christoph Schulze besaß Schloss Molsdorf. Hier wurde am 06.02.1773 die Stiftungsurkunde ausgestellt. Am 10.07.1724 zogen die ersten 12 Waisenkinder in das Haus. Bis 1945 diente es als Waisenhaus. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde es Wohnraum für Flüchtlinge aus dem Osten. Von 1960 – 1990 war das Gebäude eine Polytechnische Oberschule.

Wir stehen auf der rechten Seite des Nebenraumes, welcher historische landwirtschaftliche Geräte beherbergt, wie Pflugschare, Rechen, Egge und einen großen Holzkasten, dessen Funktion ich nicht kenne. Wir erhalten schnell freundliche Auskunft. Oben werden die Weizenkörner eingefüllt. Dann wird an einer Kurbel das Räderwerk in Gang gesetzt. Es trennt die Spreu vom Weizen. Die Weizenkörner rutschen in einen Sack und werden zu Mehl weiter verarbeitet. Aus der Schulzeit gibt es Anschauungsmaterial über die Verwendung von Zuckerrüben. Daraus wurde Rohzucker, Raffinade, Flüssigsüße zum Hinzufügen für Lebensmittelprodukte und vielem mehr hergestellt. Ausgestopfte heimische Tiere und Vögel schauen uns aus Regalen stumm aber würdevoll an. Eine solide Holztreppe führt nach oben zu einem Erntekranz und vielen ländlichen Geräten. Das konnte aber nur Rainer besichtigen.
Im linken Nebenraum gibt es ein Schlafzimmer zu sehen, wie es Ende des 19. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhundertsüblich war. Der unvermeintliche Elfenreigen über wuchtigen Betten. Entzückt sagt unsere Begleitung: „Der große Schrank stammt von uns.“ In der Puppenwiege schläft eine Gummipuppe und im Bettchen ein Baby, dem man Puppenmuttis Liebe deutlich ansieht. Viele kleine Dinge, wie das bemalte Nachttöpfchen, zeigen die Herzlichkeit mit der sich der Heimatverein seines kleinen Museums annimmt.

Ich warf dann auch noch einen Blick in die Gustav-Adolf-Kirche. Sie wurde 1855-1860 im neogotischen Stil errichtet. Stifter war der Domänerat Eduard von Hagen und seine Frau. Die Pastorin Marianne Schmidt, hat viel zu tun. Sie betreut fünf Gemeinden und Kirchen:

 Gustav-Adolf-Kirche in Friedrichswerth
 Vitus Kirche in Brühheim
 St. Peter und Paul Kirche in Sonneborn
 Die Kirche in Eberstädt
 Die Kirche in Haina

Diese Kirchgemeinden beteiligen sich an der Friedensdekade 2012, was meinen Respekt hat. Wir überlegen zur Zeit noch, welche Beiträge der Aktionskreis Frieden e. V. anlässlich der Ökumenischen Friedensdekade des Evangelischen Kirchenkreises Erfurt einbringen kann.

So klein der Ort auch ist, könnte man noch viel über die Geschichte sagen. Ich möchte hier nur den Kartographen Hermann Haack erwähnen, der am 24.10.1872 in Friedrichswerth geboren wurde.

Wir gehen zurück zum „Waisenhaus“. Der Heimatverein hat vor dem Haus Bänke aufgestellt. Auf dem Grill liegen Bratwürste und im Gemeinderatbüro gibt es Kaffee und Kuchen. Nicht nur einfach Kuchen, sondern solche köstliche Bauernkuchen, die in meiner Kindheit bei Hochzeiten an die Überbringer von Blumen und Karten verteilt wurden. Automatisch hatte ich den Duft von Kindheit in meiner Nase. Es war ein tolles Gefühl.
An die drei Herren, die mit mir heftig diskutiert haben, geht ein Dankeschön. Es war ein schöner Tag in Friedrichswerth.
1
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Lesen Sie auch die Bildkommentare zum Beitrag
2 Kommentare
10
Dirk Bräuer aus Gotha | 03.10.2012 | 11:42  
10
Dirk Bräuer aus Gotha | 03.10.2012 | 11:51  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige