Gefühlvoller Pressraum-Rock

 
Joseph Parsons (vocals, acoustic guitar)
US Rails stellt zweites Album in Weimar vor


Gute ehrliche handgemachte Musik gibt es auf der ganzen Erde. Doch es ist stets individuell wie eine kleine Insel. Und wenn die Mischung ganz speziell wie bei US Rails ist, kommt etwas Einzigartiges, Berauschendes heraus.

So geschehen im Pressraum der Weinkellerei Appenrodt in Weimar am 6. Oktober. Die Musikern Ben Arnold, Scott Bricklin, Tom Gillam, Matt Muir und Joseph Parsons scheuen nicht große Bühne, aber sie lieben die kleine. Das kam zu jeder Zeit bei dem über zweistündigen Klubkonzert hautnah rüber. Da reichten auch schon mal Gäste die Musikern das Bierchen. Da zwinkerten sich beide Fraktion auch schon mal zu. Und die Begeisterung der Zuhörer übertrug sich auf die Musiker wie der Sound und die Performance auf die Konzert-Besucher. Alles war in Bewegung!

US Rails tragen eine kräftige Handschrift, haben Charakter und versprühen jede Menge Charisma. Selbstverständlich bekommt jeder der vier Frontmänner ganz demokratisch den gleichen Anteil von je drei eigenen Kompositionen, sogar Drummer Muir hat einen Song - Don‘t Take Me Now - untergebracht und singt den auch.

Aus diesem sehr flexiblen, komplexen, geschickt gekoppelten Gebilde - mit Stimmen von Bariton bis Reibeisen - einzelne Beiträge hervorzuheben, ist fast eine unlösbare Aufgabe, zu gleichmäßig hoch ist das Level.

Sicher ist der dynamische Opener, Scott Bricklins ‚Heart Don‘t Lie‘, eine besondere Nummer, weil dort alle Songwhriter als Leadsänger einzelner Strophen agieren. Auch seine mit einem unwiderstehlichen Chorus ausgestattete Power-Ballade ‚Carry Your Weight‘ hätte das Potenzial zu einem Hit.

Auf ‚Same Old You (Same Old Me)‘ erinnert uns Gillam mal wieder an die längst vergessenen Qualitäten eines Joe Walsh, um auf der abschließenden, von Piano und elektrischer Gitarre geprägten Ballade ‚Old Song On The Radio‘ in den herrlichsten Eagles-Harmonien zu schwelgen.

Auf dem semiakustisch / elektrisch rockenden ‚Do What You Love‘ singt Ben Arnold mit seiner Reibeisenstimme in einer Mischung aus Randy Newman und Gary Brooker. Nicht ganz unerwartet beschert uns Joseph Parsons mit dem langsamen, schleichenden ‚Take A Long Time‘ den ruhigsten Moment des ganzen Albums "Southern Canon". Dass er natürlich auch ein offensiverer Troubadour sein kann, bestätigt er nachhaltig mit dem einprägsamen ‚Night Bird‘.

Die allürenlosen amerikanischen Jungs beherrschen die Improvisationskunst. Da reicht ein Colakasten als Ablage oder eine Transportkiste als Sitz. Sie haben Spaß auf der Bühne, die gar nicht da ist, und verschenken diesen Spaß großzügig an die Gäste.

"Mit wechselnden Führungsfiguren bei Gesang und Gitarrenspiel liefern sie eine knackige Mixtur aus Folk-Rock, hymnenartigem Rock’n’Roll und inhaltsstarkem Singer- / Songwriter-Rock, oft getragen von starken Gesangsharmonien", schrieb die Good Times.

Fünf fantastisch singende und spielende Musiker geben dreizehn bemerkenswerte Visitenkarten ihrer Kunst ab. Die Songs erreichen den Zuhörer tief in der Seele. Wenn man von Eingängigkeit spricht, dann geschieht es hier auf ganz hohem Niveau.

Dabei gehen alle fünf Musiker ihren eigenen Karrieren nach und veröffentlichen Solo-Tonträger. Aber wenn das Gruppenfeuer entfacht ist, wenn die Flamme der musikalischen Verbundenheit heftig lodert, wenn in dieser Gruppe noch längst nicht alles gesagt ist, sondern ungebrochen ein jugendlicher Avantgardismus herrscht, dann darf man als Musikkonsument auf Weiteres gespannt sein.

Mit einem untrügerischen Gefühl für gute Musik überzeugen US Rails vom ersten bis zum letzten Ton der Platte. Der Fünfer stellt sich als Team von Frontmännern dar, die auf einer Höhe agieren. Vom Songwriting über die Arrangements, die Präsentation bis hin zum Sound passt hier alles zusammen.


Eine Veranstaltung vom Beat-Club Weimar. Danke Dirk!
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