Geliebter Ringelnatz: Ulf Annel ist ganz vernarrt in den Dichter

Kabarettist Ulf Annel
 

In diesem Jahr jährte sich der Todestag von Joachim Ringelnatz zum 80. Mal. Der Erfinder des Kuttel Daddeldu und Schreiber frecher sowie schwebefeiner Gedichte, über den gesagt wurde, er hätte den Stein der Narren entdeckt, lebt auf der Bühne weiter. Kabarettist Ulf Annel widmet ihm ein ganzes Programm und spricht über seine Beziehung zu Ringelnatz:

Wieviel Ringelnatz steckt in Ihnen?



Eine Menge. Allerdings bin ich nicht so flippig wie er. Wer seine Frau mit dem Namen Muschelkalk kost, Zigarrenladenschaufenster mit einem Skelett gestaltet und den mühsam hochgepäppelten Vorgarten vor Asta Nielsens Sommerhaus als Chaos neu gestaltet - so einer muss schon einen kleinen Vogel haben. Aber es muss ein lustig-bunter Vogel sein. Ja, er war samt seiner Hakennase, hinter der ein Gehirn steckte, das sich den Seemann Kuttel Daddeldu ausdachte und die Riesendame vom Rummelplatz, der von einem Elefanten ein Beischlaf angeboten wurde, der Dichter, der Briefwaagen auf dem Meeresgrund genauso genial in seine Reime stellte wie die Not von Menschen nah am sozialen Abgrund. Ringelnatz war einer, der in den zwanziger Jahren eine ganz neue Stimme im vielstimmigen Chor der Dichter war, einer, der seine Texte immer auch gleich selbst vortrug. Er hat gezeigt, was man mit der eigenen Kreativität alles machen kann. Da sehe ich durchaus Parallelen. Zu meinem Ringelnatz.

Ihr Ringelnatz?



Ich liebe diesen Ringelnatz länger als meine Frau. Und sie hat sich längst an die Realität gewöhnt, dass ich neben ihr mit einer weiteren Person verheiratet bin. Außerdem ist die Person Ringelnatz lange genug tot, so dass es keine Verwicklungen gibt. Während meines Studiums in Leipzig begann dieses 'Verhältnis', in einer alten Kneipe erklangen Seemannslieder. Der Kellner, die Hafenschlampe, der Seemann, der Bürger, der Makabre, der Akkordeonspieler - alle Darsteller waren inmitten des Publikums, Ringelnatz-Texte rezitierend. So, als seien ihnen die Worte gerade eben eingefallen.

Das klingt, als sei das gestern gewesen...



Weit über das gewohnte Maß hinaus war damals, in den 70-er Jahren, ein Theaterstück entstanden vom zufälligen Aufeinandertreffen der Figuren, kleinen Geschichten, über die fabelbunten Erzählungen von Kuttel Daddeldu bis hin zu Offenbarungen, wie man größere Tiere so presst, dass sie zweidimensional ausgestellt werden können. Wir haben später dieses Stück auch im Erfurter Kabarett inszeniert, damit sind wir heute noch im ganzen Land unterwegs.

Sie spielen dieses Programm besonders gern, hört man...



Das ist das schönste Programm, bei dem ich mitspiele. Da gibt es nämlich für mich Wein zu trinken, echten! Wein ist gut. Aber keine Angst, der verbrennt sich. Und Saft würde nur der Stimme schaden.

Jetzt aber mal im Ernst...



Das mit dem Wein ist ernst! Aber Joachim Ringelnatz war wirklich ein sehr spannender, faszinierender Dichter, der es verstanden hat, neue Töne in die Dichtung zu bringen. Manchmal ging er mit seinen Worten ganz zart um, dann wieder hat er mit ihnen das Leben in aller Brutalität und Härte eingefangen. Er war einer, der die normalen, kleinen Dinge zu würdigen wusste, war immer sehr in der Gegenwart. Er konnte alles bedichten. Und das Wunderbare: Seine Gedichte sind auch heute nicht alt.

Eltern allerdings sollten sich überlegen, ob sie ihren Kindern das Ringelnatzsche „Geheime Kinder-Spiel-Buch“ in die Hände geben...



Oh ja, das war sogar eine zeitlang verboten. Die Bücher sind Kindern nicht vorzuenthalten, wenn man sie phantasievoll und ein bisschen antiautoritär oder gar amoralisch erziehen will. Als Einstiegsdroge seien die 'Himmelklöße' aus diesem Buch empfohlen. Gucken, Lesen, Niederknien!

Das Beste an Ringelnatz?



Er, der eigentlich Hans Gustav Bötticher hieß, hatte tiefe familiäre Wurzeln in Thüringen. Die Familie seines Vaters kam aus Mühlhausen, er selbst wurde in Frauenprießnitz bei Jena getauft, fand in Eisenach seine Ehefrau, verbrachte als Kind und als Erwachsener viel Zeit in Thüringen. Das hört man auch in einigen seiner Gedichte. Ich finde es sehr schade, dass Thüringen nichts daraus macht.

Was kann uns Ringelnatz heute sagen?



Leute, wenn ihr etwas erleben wollt, dann geht einfach los und tut es! So wie die Ameisen in seinem Gedicht:

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
da taten ihnen die Beinchen weh,
und da verzichteten sie weise
dann auf den letzten Teil der Reise.





Ringelnatz zum Weitergenießen:

Ulf Annel knüpft aus biographischen Fakten und Ringelnatzscher Selbststilisierung mit seinem im Eulenspiegel-Verlag erschienenen Buch „Lass dich ja nicht zum Lachen verleiten“ eine anekdotische Biographie, die eine Verbeugung vor einem großen Poeten ist.


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