Getarnte Weisheit - Der Wolf im Schafspelz und andere Redensarten stammen aus der Bibel

Wann? 21.08.2014 19:30 Uhr

Wo? Garten des Bischofs, Herrmannsplatz 9, 99084 Erfurt DE
Sieht friedlich aus, ist er aber womöglich nicht. Der Wolf im Schafspelz stammt aus der Bibel. (Foto: Lars Heims/Pixelio)
 
Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Was kaum einer weiß: Dieses Sprichwort stammt aus der Bibel. Warum solche 2500 Jahre alte Weisheiten bis heute im Sprachgebrauch überlebt haben, weiß der Berliner Theologe und Publizist Uwe Birnstein. (Foto: Die Hoffotografen GmbH Berlin)
 
Sprichwörter aus der Bibel dienen heute immer noch dazu, die Gefühlslage auszudrücken oder Worte in überraschenden Situationen zu finden. (Foto: Ferdinand Ohms/Pixelio)
Erfurt: Garten des Bischofs |

Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Was kaum einer weiß: Dieses Sprichwort stammt aus der Bibel. Warum solche 2500 Jahre alte Weisheiten bis heute im Sprachgebrauch überlebt haben, weiß der Berliner Theologe und Publizist Uwe Birnstein. Vor seinem Vortrag mit einem Quiz und viel Musik in Erfurt sprach er mit AA-Autor Michael Steinfeld.

Welche bekannten Sprichwörter stehen in der Bibel?
Es gibt dort die Sündenböcke, von denen man auch in den Zeitungen öfter liest. Wenn jemand vor Angst bibbert, dann sagt man: „Das ist ein Heulen und Zähneklappern.“ Das kommt ebenfalls aus der Bibel. Man schickt jemanden in die Wüste - ein biblischer Spruch. Suchet, so werdet ihr finden. Der Wolf im Schafspelz. Bis hier hin und nicht weiter. Das Buch mit sieben Siegeln. Diese bunte Mischung von Sprüchen und Redewendungen spiegelt die Lebenserfahrung der Menschen zu biblischen Zeiten wieder. Die Sprüche dienen heute immer noch dazu, die Gefühlslage auszudrücken oder Worte in überraschenden Situationen zu finden.


Warum haben die Sprüche so sehr im Sprachgebrauch überlebt, obwohl der überwiegende Teil der Thüringer nicht gerade bibelfest ist?
Die Bibel gehört zum Volksgedächtnis. Luther hat sie wortmächtig übersetzt ins Deutsche. Er hat tolle Worte gefunden, die so volksnah waren, dass sie sich eingeprägt haben. Es ist immer wieder so, dass viele Leute denken, die Bibel sei ein antiquiertes Buch. Sie steht im Regal, da kann sie auch gerne weiter verstauben. Man hat sie gerne dort stehen, aber man denkt: Es geht um Heilige und Moral und den erhobenen Zeigefinger. Aber es ist ganz anders: Es geht um Menschen wie du und ich. Sie lebten nur in einer anderen Zeit, kannten aber dieselben Nöte, Ängste und Freuden. Sie mussten mit sehr ähnlichen Problemen hantieren. Deswegen kann man vieler dieser Sprüche, die damals entstanden sind, auch heute noch 1:1 übertragen. Sie versuchen das innere Erleben in Worte zu fassen.

Die Hiobsbotschaft ist beispielsweise auch ein bekannter biblischer Begriff: Es geht um einen Mann, der gottgefällig gelebt hat, aber trotzdem mit viel Leid geschlagen wurde. Seine Kinder starben, sein Vieh fand den Tod auf der Weide. Trotz allen Bemühens erleidet man Schicksalsschläge. Dafür steht der Begriff Hiobsbotschaft. Er wird heute noch von Menschen genutzt, die nicht die Bibel kennen. Denn viele kennen die Situation: Ich habe mich bemüht und trotzdem klappt nichts oder ich habe handfeste Nachteile oder das Schicksal schlägt mich besonders hart.


Sie haben Luther erwähnt, der viel in Thüringen gewirkt hat. Wie groß ist sein Anteil daran, dass die Sprache der Bibel so volksnah ist?
Sein Anteil ist sehr groß. Zu Luthers Zeiten gab es in verschiedenen Regionen verschiedene Sprachen. Da haben sich ein Ostfriese und ein Thüringer gar nicht verstanden. Luther hat zum ersten Mal überhaupt eine Vision von einer einheitlichen deutschen Sprache gehabt. Er hat so tolle Worte geprägt: Schandfleck zum Beispiel. Die Bibel kommt aus einem sehr anderen Kulturkreis. Aber er hat Worte benutzt, wo es gar nicht mehr wichtig ist, ob Menschen als Nomaden in Palästina lebten, oder im mittelalterlichen Deutschland. Luthers Derbheit, die man auch in seinen Tischreden spürt, hat er nicht einer theologischen Ehrfurcht gegenüber der Bibel aufgegeben. Er hat die Volkssprache in die Bibel hineingebracht und die Bibel damit viel verständlicher gemacht als Theologen das auch heutzutage noch könnten.


Die meisten Sprichwörter drehen sich um Wahrheit und Ehrlichkeit oder um Schuld. Zum Beispiel: etwas auf Herz und Nieren prüfen, die Hände in Unschuld waschen, der Wolf im Schafspelz. Waren das die Themen der Zeit oder haben sich vor allem diese Redewendungen gehalten?
Die Redewendungen drehen sich um Schuld und Sühne, Liebe, Betrug, Verrat. Auch über gesellschaftliche Erfahrungen: Die fetten Jahre sind vorbei, auf keinen grünen Zweig kommen, das Land, in dem Milch und Honig fließen, es geschehen noch Zeichen und Wunder.

Die Sprüche gehen durch alle Lebensbereiche. Man greift heute noch auf diese Redewendungen zurück, weil man weiß, dass diese Worte schon durch so viele Münder so vieler Generationen gegangen sind, dass sie einfach tragen. Diese Redewendungen können große Hilfe in der Alltagssprache sein. Ich habe mich neulich dabei ertappt, als ich ins Zimmer meiner Tochter kam und es war mal wieder grenzenlos unaufgeräumt, dass mir das Wort Tohuwabohu entfuhr. Ganz am Anfang der Bibel steht es für den Zustand vor der Schöpfung, bevor Gott die Welt erschaffen hat. Da gab es dieses Tohuwabohu. Selbst hebräische Begriffe, die Luther stehen gelassen hat, oder eingedeutscht hat, selbst die sind heute noch in vielen Familien zu Hause.


Warum kommen denn so wenig neue Sprichwörter hinzu?
Es kommen immer wieder neue hinzu, die auf irgendeine Weise auch biblischen Geist transportieren, aber neu formuliert sind. Am Abend in Erfurt wird es dazu einige Musikbeispiele geben. Zum Beispiel: Hinterm Horizont geht es weiter. Diese Aussage kommt aus dem Mund von Udo Lindenberg etwas schnodderig daher, aber man sollte mal darüber nachdenken. Die Botschaft lenkt über den Tellerrand des Irdischen hinaus und ist insofern im weitesten Sinne eine religiöse Formulierung.



Es entnehmen ja viele Musiker biblische Redewendungen. Zum Beispiel die Puhdys mit: „Alles hat seine Zeit“.
Auch Xavier Naidoo macht das mit Vorliebe: „Auf Herz und Nieren“ ist von ihm. „Der Geist ist willig" hat er auch gesungen. Oder die ganze volkstümliche Musik: Florian Silbereisen & Co. bedienen sich kräftig am biblischen Wörterpool, zum Beispiel „auf Händen tragen“. Auch Glaube, Liebe, Hoffnung, Zeichen und Wunder werden immer wieder gern genommen. Das ist aus meiner Sicht eine nicht immer statthafte Verwendung dieser alten Worte, weil sie die Erfahrungen, die dahinter stehen, banalisieren oder einfach und süßlich verbiegen. Damit verkennen sie, dass dies Worte sind, die in der meist sehr harten Lebenswirklichkeit entstanden sind.


Wo finde ich in der Bibel die besten Sprüche?
Die Bibel ist eine Zusammenschau vieler einzelner Bücher und hat ein Inhaltsverzeichnis. Ich würde zum Beispiel das Buch Prediger empfehlen. Im dritten Kapitel finden Sie dann sehr schnell „Alles hat seine Zeit“. Denn das Leben ist kein eindimensionaler Strahl immer in Richtung Freude, Erfolg oder Glück. Es gibt gegenläufige Erfahrungen, aber ohne Sorge wäre die Freude nicht so sehr erlebbar. Aber auch im Buch der Sprüche stecken, wie der Name schon verrät, die allermeisten Lebensweisheiten.


Viele dieser Lebensweisheiten erschließen sich dem Leser sofort. Aber warum werden einem die Leviten gelesen?
Die Leviten waren ein Priestergeschlecht zur Zeit des Mose. Sie waren dafür bekannt und berüchtigt, dass sie sehr strenge Gesetze hatten. Wenn ich jemandem die Leviten lese, schimpfe ich ihn aus. Das heißt, ich halte ihm viele Dinge vor, die er nicht nach irgendwelchen Vorschriften gemacht hat. Es ist eine kräftige Standpauke.


Und warum gehen wir von Pontius bis Pilatus? Das war doch ein und derselbe Mann.

Das ist ein bisschen verballhornt und eines jener Beispiele, die zwar Bezug auf die Bibel nehmen, aber eigentlich sinnlos sind. Denn dieser Mensch hießt Pontius Pilatus. Doch es gab mehrere Gänge zwischen Pontius Pilatus und dem jüdischen Synedrium (der Ratsversammlung) gab. Das sorgte für viel Bewegung in Jerusalem. Deswegen hat sich das aus irgendwelchen Gründen so eingebürgert.


Haben Sie ein Lieblingssprichwort aus der Bibel?
Ich schätze den Spruch „Jemanden unter seine Fittiche nehmen“ als Zeichen für geschenkte Geborgenheit. „Ich nehme dich auf Adlers Fittiche“ - Gott als großer Vogel, als große Glucke im besten Sinne, der seine Kinder beschützt, warm hält, ein Nest für sie baut. Das ist eine beruhigende Vorstellung. Dieses Wort „Fittiche“ ist ein tolles altes Wort, das leider immer mehr in Vergessenheit gerät.


Wie sind Sie dazu gekommen, sich über biblische Sprichwörter Gedanken zu machen?
Ich habe Theologie studiert, bin dann aber in den Journalismus gegangen. Ich komme auch aus keinem religiösen Elternhaus, habe die Bibel also erst später kennengelernt durch Konfirmandenunterricht. Es war für mich absolut frappierend, was ich für ein Klischee von der Bibel hatte. Nämlich, dass sie weltfremd ist und mit dem heutigen Leben nichts mehr zu tun hat. Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr erkenne ich, dass die Bibel dermaßen hilfreich ist, das eigene Leben zu erkennen. Ich finde es sehr schade, dass Menschen das nicht wissen. Ich versuche, ihnen auf freundliche Weise die Bibel näher zu bringen - als Lebenshilfe, nicht als moralischen Zeigefinger. Die freundliche Weise der Bibel hilft mir.


Termin & Twitter
- Termin: „Auge um Auge, Zahn um Zahn - Sprichwörter und ihre biblischen Ursprünge“,21. August, 19.30 Uhr, Garten des Bischofs, Herrmannsplatz 9, Erfurt

- Mittwittern: unter dem Hashtag #bibelspruch
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige