Goethe & die Teekanne: Erinnerung an Schloss Stedten aufgetaucht

Hans-Peter Brachmanski und der Freundeskreis freuen sich über die kleine silberne Teekanne. Kunstsachverständige schätzen, dass die Kanne um 1740 gefertigt wurde, sie könnte zur Erstausstattung von Schloss Stedten gehören.
 
Nur noch das einstige Eingangsportal erinnert an das Schloss Stedten in Bischleben bei Erfurt.
Der Freundeskreis „Schloss Stedten“ möchte Erinnerungen an das einstige Anwesen in Bischleben bei Erfurt bewahren und freut sich über eine neue Entdeckung:

Würde die kleine silberne Kanne reden können, vielleicht erführen wir von der erlesenen Runde, die sich einst zur Plauderstunde bei Tee und Gedichten traf. Auch Goethe gehörte zu den Gästen im Schloss Stedten vor den Toren Erfurts, und es könnte sein, dass ihm sein Tee aus genau diesem Kännchen serviert wurde.

„Das ist durchaus möglich, der Dichterfürst verkehrte nachweislich in dem Haus, er soll dort sogar seinen Urfaust vorgetragen haben“, bestätigt Hans-Peter Brachmanski, der vor 17 Jahren den Freundeskreis „Schloss Stedten“ gründete, um die Erinnerungen an ein längst nicht mehr existierendes Gebäudeensemble und die darin lebenden Bewohner – die Familie von Keller – zu bewahren. Das Schloss in dem kleinen Ort Bischleben musste 1945 geräumt werden, anschließend wurde es abgerissen. Familie von Keller konnte so gut wie nichts von ihrem Besitz mitnehmen.

Immer mal taucht etwas aus dem Schloss auf


Heute taucht immer wieder einmal Schlossinventar auf. Bestecke, Serviettenringe, Kerzenleuchter, alte Briefe. Und nun die Kanne. Sehr zur Freude des Freundeskreises. „Man muss erst einmal sehr vorsichtig sein und prüfen, ob die Dinge echt sind“, weiß Hans-Peter Brachmanski. Nicht immer seien die Stücke dem Schloss zuzuordnen. Beim Teekännchen ist es eindeutig, sind sich die Sachverständigen einig, nicht zuletzt durch die aufgebrachte Grafenkrone mit den neun Kugeln und dem großen K, die auch andere Gegenstände von dort zieren.
Materiell wertvoll ist kaum eines der Stücke, die dem Freundeskreis immer wieder einmal zum Kauf angeboten werden, dafür sind sie von großer ideeller Bedeutung für die Erinnerungs-Bewahrer. Sie hoffen, dass noch mehr Exponate auftauchen. Woher sie stammen, sei nicht wichtig mehr als 70 Jahre danach, erklären sie.


Vielleicht lässt sich ja so wieder einmal die eine oder andere kleine Ausstellung gestalten, wie es schon in ein paar Erfurter Museen geschehen ist. Es ist schade, dass in Bischleben kaum auf den Standort des einstigen Schlosses hingewiesen wird, nur ein Schild erinnert an die Begegnungen dort von Wieland und Goethe. Auf dem liebevoll durch den Freundeskreis gepflegten Friedhof finden sich einige Gräber der von Kellers und erzählen so auch von der Geschichte des Ortes. Vielleicht findet sich eines Tages sogar im Ort selbst ein kleiner Raum, in dem dauerhaft von Schloss Stedten zu erfahren ist. Das Teekännchen wäre dafür ein wunderbar geeignetes Exponat.


www.schloss-stedten-erfurt.de


Das Schloss Stedten


• Christoph Dietrich von Keller ließ im Jahr 1737 das Schloss Stedten vor den Toren Erfurts errichten. Er hatte das Gut zwei Jahre zuvor erworben.

• Sohn Gustav wurde in den Grafenstand erhoben.

• Die Familie unterhielt mit Wieland und Goethe freundschaftliche Beziehungen. Schloss Stedten entwickelte sich zu einem Ort der Musen.

• So empfing im Jahre 1776 Juli(an)e, Tochter Christoph Dietrichs und eine enthusiastische Verehrerin der aufkommenden klassischen Literatur, im Schloss illustre Gäste: Wieland und Goethe. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Goethe bei dieser Begegnung seinen Urfaust vorgetragen hat. Diesem Zusammentreffen folgte ein jahrelanger Briefwechsel zwischen Goethe und Julie.

• 1844: Baubeginn der Thüringer Eisenbahn von Erfurt nach Gotha, auch durch die Gemarkung Stedten, Gustav Graf von Keller wurde erster Thüringer Eisenbahndirektor.

• 1938: Franz Graf von Keller übernahm nach dem Tod des alten Grafen Schloss und Rittergut Stedten.

• April 1923: Das bislang selbstständige Stedten gehört von nun an zur Gemeinde Bischleben.

• 1945: Die Grafen von Keller wurden entschädigungslos enteignet und vertrieben, der Grundbesitz aufgeteilt, die Gutsgebäude abgetragen.

• 1948 bis 1949: Das Schloss Stedten wurde abgerissen und gesprengt auf der Grundlage des sowjetischen Befehls zur Beseitigung deutscher Adelssitze.

• Wertvolle Kulturgüter, Gemälde, die Bibliothek und das Archiv gingen in Folge dessen in unbekannten Besitz über oder wurden zerstört.
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