Im Herzen den Willrodaer Mitsommer

Die weißen Nächte sind gut vorstellbar in Schweden und in St. Petersburg, aber bei uns im Willrodaer Forst? Aber der 24.06. wird im Willrodaer Forsthaus gefeiert.
Am 24.06., auch Johannistag genannt, soll der Apostel Johannes getauft worden sein. Diese Sonnenwendetaufen sind sehr viel älter. Sie gehen auf germanisches Brauchtum zurück. Mit Feuerrädern, großen Feuern im Dorf und Beschwörungen wurde der Winter- und der Sommersonnenwende in der Natur gedacht.
Das Willrodaer Forsthaus ist eine der ältesten Familienstiftungen. Geheimrat Prof. Dr. Johannes Biereye war Ehrenvorsitzender des Vereins „Willröder Familie“.
Die erste Erwähnung erfährt der Ort 1299. Der Ritter Henricus de Wildenrode war ein Gefolgsmann des Grafen Heinrich von Gleichen. Die Hofanlage gehörte zu einem großen Rodungsgebiet. Das Dorf Roda erinnert heute noch daran. Das heutige „Gebiet Willrodaer Forst“ entstand aus den Dörfern „Wildenrode“ und „Schelminroda“. Um 1379 wurde das Anwesen vom Rat der Stadt erworben.
Der Eigentümer des Landgutes „Wildenrode“, mit vollem Namen Henricus del gratia Comes de Gleichenstein, verkaufte dieses an den Frauen-Convent (Kloster) „Novi operis“ für
20 Silbermark.
Ein Krieg folgte dem anderen. Willrode war zur Wüstung geworden. 1450 erhielt der Erfurter Bürger Claus Hildebrant vom Kloster die Wüstung zum Lehen auf Lebenszeit und 1477 übernahm sein Sohn Fridang das Gut von Wildenrode. Er zahlte im Jahr 1495 100 Rheinische Gulden, damit das Gut in ein erbliches Lehen umgewandelt wurde. Der Erbzins betrug jährlich vier Malter Hafer (1 Malter = 100 Liter) oder 60 Meißensche Gulden. Als Dank für den guten Handel lies Fridang in eine Mauernische die Kapelle einrichten.
Fridang wurde der Gründer der „Willröder Stiftung“, die in veränderter Form heute noch existiert.
Ab 1806 gehörten Erfurt und das Gut Willroda dem siegreichen Napoleon. Dieser schenkte das Gut dem Grafen Tascher de la Pagerie.
Am 23. Mai 1822 erkannte die Regierung zu Erfurt die ehemalige Kaufsumme von 9000 Gulden als Staatsschuld an. Der größte Teil des Vermögens der Willrodaer Erben fielen als Kriegsanleihen der Inflation zum Opfer.
Nach der Auflösung des Neuwerkklosters 1818 übernahm der Kirchen- und Schulfonds die Rechte am Gut Willroda.
Gerade am Beispiel Willrodas bewahrheitet sich der Spruch:
„Krieg zerstört – Frieden ernährt.“

Heute ist im Hauptgebäude der Sitz des Thüringer Forstamtes. Dieses übernahm auch die Waldbewirtschaftung und die Sicherung der Lebensräume von Flora und Fauna vor Ort.
Dem aufmerksamen Wanderer entgehen das Knabenkraut und andere Orchideenarten nicht. „Eigenwillige“ Tierchen, Hirsch- und Nashornkäfer krabbeln herum.
Schautafeln informieren über die Besonderheiten der Erfurter Wälder. Die Waldjugendspiele im Willrodaer Forst am 7. Juni verbuchten eine Rekordteilnahme von 600 Kindern aus Erfurt und dem Ilmkreis. Forstamtsleiter Dr. Chris Freise hatte sich stark engagiert für die Planung und Gestaltung der Jugendspiele.
Nach der geglückten Renovierung der Gebäude gibt es jährlich viele Feste, so z. B. im April das Bärlauchfest mit Tipps für die heimische Küche, z. B. Bärlauch als Brotaufstrich.
Brote und die Produkte aus der Wilrodaer Backstube und die Angebote im Wildladen sind regelmäßig ausverkauft. Der gut bewirtschaftete Wald erreichte beim Verkauf von Holz Spitzenpreise. Der Stamm eines geringelten Bergahorns brachte 12 500 Euro ein.
Viel Wert wurde auf sachgerechte Restaurierung der Deckenmalereien in der Kapelle und die Wandgemälde im Jagdsaal aus dem Jahr 1769 gelegt.
Die Jagdszenen der Parforce-Jagd wurden von dem Bayreuther Hofmaler Rudolf Christian Löhner geschaffen. Die Hunde hetzen durch´s Bild, sie haben wohl ein Wildschwein aufgespürt. Die adlige Jagdgesellschaft mit Dreispitzen und roten Jacken setzt ihnen auf rassigen Rössern nach. Dahinter der Wald, dunkel und schweigend. Das Bild lebt richtig.
Heute werden vom Weihnachtsmarkt an alle möglichen Feste durch das ganze Jahr gefeiert und unter dem Namen „Wildgut“ Wildspezialitäten sowie der Schnaps „Willroder Wildapfel“ und anderes den Bürgern präsentiert.
Zwischen Willroda und Riechheimer Berg gibt es jetzt eine stabile hölzerne Brücke für Wanderer über die Autobahn.
Eine weiteres Kleinod ist das Bild „Maria am Wege“ aus einer Nürnberger Werkstatt. Es steht heute im Altarraum in der Kapelle von Erfurt-Hochheim, stand aber ursprünglich in der Kapelle des Willrodaer Gutes.
1994 führte mich ein Ostermarsch zum ersten Mal hierher. Ich hatte Körbe mit bunten Eiern für die Kinder mitgeschleppt und eine Andacht für die Willrodaer Kapelle vorbereitet.
Bevor wir Kerzen und Schmuck auf den Altar stellten, musste hier erst mal sauber gemacht werden. Die Gebäude im Gelände waren damals fast Ruinen. In der Nähe befand sich ein Truppenübungsplatz.
An dem Schutzzaun des Übungsplatzes haben wir schön und ordentlich unsere Transparente hingehängt. Plötzlich stand da ein Militär und wollte den Verantwortlichen sprechen. Er war schon sehr überrascht, dass ich es war, obwohl ich mich „richtig revoluzzerisch“ angezogen hatte, mit Lederjacke und so. Aber meine Stupsnase sah eher niedlich als gefährlich aus. Der Mann strahlte und fuhr mich auf den Truppenübungsplatz, um mir „seinen“ Öko-Teich zu zeigen, den er hegte und pflegte. Das freundliche Quaken der Frösche habe ich heute noch im Ohr. Seitdem war ich schon sehr oft in Willroda und trage diesen Ort im Herzen. Und „Frösche“ haben in der Tat auch in meinem späteren Leben eine Rolle gespielt.
Auch diesmal war das Forstamt Willroda sehr gut besucht. Vier Chöre gaben ein Konzert im Hof, so dass alle, ob mit oder ohne Behinderung, teilnehmen konnten. Die Gesamtleitung lag in den Händen von Helmut Wald. Ein Name, der für musikalische Qualität steht.
Aber es war auch eine kreative Betätigung möglich, z. B. Körbe flechten oder sich über Steine, Bienen usw. zu informieren. Einige Gruppen, wie die Vertreter vom Abenteuerspielplatz „Kasper“, sieht man auch bei anderen Festen.
Aber das Einmalige ist hier der Wald und die damit verbundenen Gerüche.

Ute Hinkeldein

Quelle
Hans Schuchardt, Lehrer in Erfurt;
„Willroda und die Willröder – ein Bericht über die älteste deutsche Familienstiftung“,
herausgegeben vom Verein zur Erhaltung und Förderung des Forsthauses Willr
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