Immer mit der Ruhe: Krisengerede hin, Panikmache her. Dieter Nuhr bleibt gelassen.

Dieter Nuhr fordert: "Nuhr die Ruhe". (Foto: Nuhr)
Ob Klima-, Banken- oder Ehekrise, am Ende liegt man auf einem gepflegten Stück Erde unter einem schönen Stein. Warum sich also aufregen, fragt Dieter Nuhr. In der Messehalle Erfurt (November 2010) beschwichtigt der Comedian "Nuhr die Ruhe". Redakteurin Sibylle Reinhardt sprach mit ihm vorab über Hysterie, schlechten Kaffee und den 50. Geburtstag.

Schlechte Nachrichten, wohin man hört. Wie soll ein Mensch dabei die Ruhe bewahren?

Schlechte Nachrichten hat es immer gegeben. Schon in der Steinzeit bekam man regelmäßig vom Nachbar einen mit der Keule auf den damals noch sehr hohlen Schädel. Das wurde dann bloß nicht auf 450 Kanälen verbreitet. Wer deshalb schlechte Laune hat, hat den Charakter unserer Mediengesellschaft nicht verstanden: Panik wird gemacht, weil sonst keiner hinguckt. In der Menschheitsgeschichte hat es wenig Zeiten gegeben, in denen Grundbedürfnisse wie Essen, Wohnung und Fußballgucken mit so wenig Aufwand erfüllt wurden. Warum sollte man also aus der Ruhe kommen?

Trotzdem verfallen wir allzu gern in Hysterie.

Hysterie ist der Aggregatzustand der Mediengesellschaft. Wenn keine Hysterie erzeugt werden kann, werden Druckerzeugnisse nicht verkauft und Sendungen nicht eingeschaltet. Wer kauft schon eine Zeitung, auf der vorne steht: Nix passiert.

Lessing behauptete: Wer über gewissen Dingen den Verstand nicht verliert, hat keinen zu verlieren. Lag er etwa falsch?

Lessing hat wahrscheinlich einfach zu viel Fernsehen geguckt. Mir war allerdings auch gar nicht bekannt, dass er den Verstand verloren hat. Dafür hat er akzeptable Stücke geschrieben.

Welche Themen lassen Sie aus der Haut fahren?

Ich neige nicht zur Unruhe. Aber Gegenwind beim Radfahren macht mich wirklich wütend. Und wenn ich sehe, dass 65 Jahre nach dem totalen Zusammenbruch ernsthaft wieder Naziparolen verbreitet werden. Das ist die Unendlichkeit der Dummheit, leider eine physikalische Konstante.

Was holt Sie wieder runter?

Vom Rad steige ich einfach ab. Und das andere muss man ertragen lernen - ohne es zu verdrängen.

Im nächsten Jahr werden Sie 50. Beschleicht Sie deshalb Panik?

Man muss Realist sein. Dann ist das erste Drittel rum. Das ist schon beängstigend.

Wollten Sie jemals einen Aufstand anzetteln?

Aus der Geschichte kann man lernen: Revolutionen passieren, wenn es eine Alternative zum Bestehenden gibt. Da ich glaube, dass es uns in ein paar Millionen Jahren Menschheitsgeschichte nie besser gegangen ist, liegt mir die Revolution fern. Zum Aufstand bringt mich höchstens schlechter Kaffee, verknotete Kabel oder Leute, die mit 35 durch die Stadt schleichen. Da sind die Alternativen vorstellbar und keine utopistischen Visionen.

Grün beruhigt. Wie steht‘s um Ihre Gärtnerqualitäten?

Rasen sollte frisch gemäht sein, an allen vier Ecken eine Fahne haben und gegenüber jeweils ein Tor, dann hat er einen Sinn. Ansonsten bin ich Anhänger des japanischen Gartendenkens. Schön karg, dann muss im Herbst nicht viel geharkt werden.

Wie steht es um Ihre innere Ausgeglichenheit im kilometerlangen Stau?

Da bleibe ich ruhig, wenn man von konvulsivischen, hysterischen Anfällen absieht. Außerdem: Wenn man sich erstmal trocken geweint hat, kehrt die Ruhe von allein zurück...
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