In Extremo kommt am 28. Oktober in die Erfurter Thüringenhalle - Der Sänger Deutschlands erfolgreichster Mittelalter-Rockband im Interview

Wann? 28.10.2016 19:00 Uhr

Wo? Thüringenhalle , Werner-Seelenbinder-Straße 2, 99096 Erfurt DE
„In Extremo“ kommt Ende Oktober nach Thüringen. Vorher sprach ich mit Sänger Michael Robert Rhein (lehnt vorne am Reifen). (Foto: Robert Eikelpoth)
Erfurt: Thüringenhalle |

Mit rund 1,6 Millionen verkauften Tonträgern ist „In Extremo“ die erfolgreichste deutsche Mittelalter-Rockband. Ende Oktober kommt die Gruppe auf ihrer Europatournee nach Erfurt. Sänger Michael Robert Rhein, der in Thüringen geboren und aufgewachsen ist, spricht zuvor über seine Liebe zu Russland, die Sorge um die Welt, seine Freude an Inkognito-Auftritten und seine Wut über Thüringer Radiosender.

Dein Künstlername ist „Das Letzte Einhorn“. Redet dich denn irgendjemand mit diesem Namen an?
Nein, das ist schon ganz selten. Es ist ja auch albern, wenn man dich bei einer Ü50-Party mit Einhorn anspricht. Das ist einfach ein Spitzname, den ich auf dem Mittelaltermarkt bekommen habe, weil am Anfang keiner wusste, wie ich heiße. Ich habe T-Shirts mit dem Foto von Klaus Kinski verkauft, weil ich keine Kohle hatte, und habe einfach „Das Letzte Einhorn“ darüber geschrieben. Daher kommt der Spitzname. Ganz einfach.


Ihr kommt mit dem zwölften Studioalbum nach Erfurt. Es heißt „Quid Pro Quo“ und ist irre erfolgreich. Platin-Auszeichnungen, Platz eins in den Charts, ausverkaufte Hallen - es läuft ganz gut, oder?
Wir können überhaupt nicht meckern. Wir sind echt dankbar. Hammer! Es ist schon verrückt.


Dabei habt ihr gerade erst euer aufregendes Feierjahr zum 20-jährigen Bestehen überstanden.
Ja, das hat uns noch einmal beflügelt. Wir hatten fast ein Jahr Vorbereitung und das Konzert an der Loreley war an zwei Tagen ausverkauft. Das war der Hammer. Wir sind sehr dankbar, welche treuen Fans wir haben. So motiviert gehst du natürlich ganz anders an ein Album ran.


Ein Wort zum Album: Es soll ein wenig rockiger sein, gleichzeitig kehren traditionelle Melodien und Fremdsprachen zurück und es sind ein paar neue Mittelalter-Instrumente zu hören. Alles gut zusammengefasst?
Ja, kann man so stehen lassen.


Wie kommt ihr denn immer an die seltenen Instrumente und wie groß ist schon der Fundus?
Wenn wir ins Studio fahren, kommt so ein Siebentonner mit, der voll ist mit unserem alten Kram, den wir normalerweise in Berlin lagern. Das ist schon verrückt manchmal. Der Lkw ist pickepackevoll. Tja, woher das alles kommt: Wir haben früher die Instrumente selber gebaut. Aber wir spielen ja auch in ganz vielen Ländern, fast weltweit. Da entdeckst du, wenn du mit offenen Augen durch die Straßen gehst, immer mal wieder einheimische Instrumente. Die nimmst du einfach mit und stimmst sie um, so wie du das brauchst, und fummelst und beschäftigst dich damit und dann hast du wieder ein neues Instrument.

„In Deutschland herrscht ein Dudelsackboom.“




Zum Selberbauen wird heutzutage wohl die Zeit fehlen. Ihr habt früher sogar die Kostüme selbst genäht. Das macht ihr nicht mehr, oder?

Doch, zum Teil. Wir geben natürlich auch viel in Auftrag, das sind schon unsere Ideen. Ich habe aber keine Zeit mehr, mich wie früher drei, vier Wochen an die Nähmaschine zu setzen.


Zurück zu den Instrumenten. Welches ist das ungewöhnlichste?
Vielleicht die Nyckelharpa, die wir spielen. Das ist eine schwedische Schlüsselfiedel. Die spielt wirklich kaum jemand. Und die Dudelsäcke sowieso. Ich meine, im Moment herrscht in Deutschland ein Dudelsackboom. Aber als wir vor 28 Jahren auf den Mittelaltermärkten standen, da gab es so etwas noch nicht. Ich würde den Dudelsack weiterhin als ungewöhnliches Instrument bezeichnen.


„Das Meer ist das größte Land der Erde.“ So lautet deine Liebeserklärung ans Meer und über euern neuen Song „Störtebeker“. Woher kommt die Liebe zum Meer?
Naja, Dr. Pymonte (Bandmitglied André Strugala) lebt zum Beispiel auf Rügen. Und jeder, der das Meer nicht gesehen hat, der hat was verpasst in seinem Leben. Ich persönlich verbringe jede freie Minute im Jahr in Kroatien direkt am Meer. Das ist meine zweite Heimat. Störtebeker war ein Revoluzzer. Dass wir den nicht schon eher angefasst haben, wundert mich sowieso. Eigentlich lag das immer auf der Hand. Aber irgendwie kam uns das nie in den Sinn. Jetzt passte es einfach mal.


Apropos Heimat: Wo bist du denn neben Kroatien noch zu Hause?

Schon in Thüringen und Berlin. Ich bin so ein Weltenbummler. Ich lebe mittlerweile in der Nähe von Köln, richtig auf dem offenen Land. Ich bin in Thüringen geboren und dort groß geworden. Meine Familie, Verwandte, Freunde leben alle noch in Thüringen. Ich bin sehr oft hier. Das ist immer ein Stück Heimat und wird es immer bleiben. Ich kenne Erfurt wie meine Westentasche. Auch Eisenach und die ganzen Städte kenne ich alle sehr gut. Ja, ich habe viele Heimaten.


Ihr seid mit „In Extremo“ vor zehn Jahren für Thüringen beim Bundesvision Songcontest angetreten.
Ja. Das macht man natürlich nicht ohne Grund. Das macht man, weil man logischerweise eine Beziehung zu dem Bundesland hat.

„Was auf der Welt passiert, macht einen traurig und auch sehr ängstlich.“



Ebenfalls verliebt bist du in Russland, wohin es euch auch wieder auf eurer Tournee verschlagen hat.
Wir sind seit zwei Wochen zurück. Wir spielen sehr oft in Russland. Es ist einfach ein schönes Land. Die Leute sind echt fantastisch. Es ist nicht immer alles so, wie es politisch immer dargestellt wird. Ob nun der Putin ein Diktator ist oder nicht, das sei dahingestellt. Das muss jeder für sich selber wissen. Ich bin auch kein großer Fan davon, überhaupt von der ganzen Politsache. Aber es ist ein fantastisches Land. Und da zieht es uns immer wieder hin. Wenn man das Glück hat, in so vielen anderen Ländern zu spielen, das ist doch klasse.


Verfolgst du denn das aktuelle politische Geschehen?
Klar, bekomme ich das mit. Man muss ja nur den Fernseher anmachen. Man kommt ja gar nicht mehr darum herum. Was auf der Welt passiert, macht einen traurig und auch sehr ängstlich. Wer sich davor verschließt, hat nicht alle Latten am Zaun.


Ist dies beim Konzert ein Thema?
Nein, überhaupt nicht. Wir sind Entertainer. Wir haben eine Aussage gemacht, auch mit den Titeln „Quid Pro Quo“ und „Lieb Vaterland, magst ruhig sein“. Man kann einfach nicht mehr die Augen verschließen, was hier abgeht. Irgendwelche 15-, 16-Jährigen werden in den Kriegsdienst gezogen oder gehen freiwillig hin. Es wird alles schlimmer irgendwie. Überall sind Krisenherde. Überall krepieren Menschen oder sind auf der Flucht. Ich komme selber aus der DDR. Als vor 26 Jahren die Mauer fiel, hat der ganze Osten auf irgendwelchen Plätzen gestanden, „Endlich frei“ gerufen und alle haben sich gefreut wie die Schneekönige. Wenn sie heute mal Hilfe anbieten können, rufen sie „Raus mit dem Dreck“. Da sind Kinder dabei, da sind Frauen, Mütter. Das ist alles nicht mehr zu fassen. Das macht mich schon traurig.


Ihr bekommt einiges mit, reist um die ganze Welt. Besonders exotisch stelle ich mir dabei die Konzerte vor, die ihr in der Karibik gespielt habt.
Wir haben auf diesem Schiff gespielt, beim 70.000-Tons-Of-Metal-Festival. Wir waren jetzt schon dreimal dort, erst auf den Cayman-Island, diesmal bei Jamaika. Das war ein Traum. Nicht jeder kann sich das leisten, in die Karibik zu fahren. Und wir fahren als Band dort hin und spielen dort auch noch. Das ist doch ein Geschenk des Himmels. Da kann man einfach nur Dankeschön sagen. Wir hatten einen Tag frei. Da haben wir uns direkt ein Großraumtaxi geschnappt und sind an den Strand gefahren mit Wodka und viel Tralala. Das war einfach der Hammer!


„Ich habe echt Flugangst.“



Ist das noch Arbeit, Urlaub oder Party?
Das ist alles zusammen. Einfach unbeschreiblich. Aber auch wenn wir in Kroatien spielen, in Polen, in der Tschechei oder in China, Spanien oder Frankreich - das ist immer wieder klasse, wie die Leute deine Songs mitsingen, ohne dass du damit rechnest. Die singen komplett die ganzen Songs mit. Einfach irre!


Mit dem Schiff unterwegs zu sein, dürfte dir viel mehr liegen. Denn du hast mit Flugangst zu kämpfen.
Ja, ich habe echt Flugangst. Jetzt in Russland sind wir bestimmt 15-mal gestartet und gelandet. Mittlerweile stelle ich mir vor, dass ich in einem Bus sitze. Ich versuche, ruhig zu bleiben. Ich hatte mir Tabletten gegen Flugangst besorgt, aber ich habe sie nicht genommen, sonst bin ich den ganzen Tag nicht bei der Sache. Es waren zum Glück relativ gelassene Flüge.


Ihr spielt auf riesigen Festivals wie beim Wacken oder bei Rock am Ring oder dem Woodstock-Festival in Polen vor einer halben Million Menschen Vermisst ihr manchmal die kleinen Mittelaltermärkte? Ihr versucht ja, immer wieder heimlich dort aufzutreten.
Das mache ich heute noch. Ich spiele mit einem Kumpel einmal im Jahr auf einem Burgfestival ein richtig mittelalterliches Programm. Völlig inkognito. Manche wundern sich dann: „Das ist doch der... Das glaube ich jetzt nicht.“ Wir haben es auch gemacht, bevor die Platte herauskam. Da haben wir eine Warm-Up-Show gespielt, acht Tage in kleinen Clubs, so 400er-, 500er-Besucher-Läden, in denen nach einer Minute das Schweißwasser von der Decke tropft. Das macht einfach so einen Spaß. Festivals zu spielen, in einer Halle, in kleinen Clubs - diese Abwechslung macht einfach Spaß.

„Man sollte die Fans nicht unterschätzen.“



Ist die Rückkehr nach Thüringen auf so einer Europatour dennoch etwas Besonderes?
Wir waren schon im Juni, als die Platte herauskam, in Jena im F-Haus. Das war der Knaller, kann ich nur sagen. Die standen da alle eng an eng. Es gab keinen Platz auf der Bühne, wir konnten uns nicht bewegen. Aber es macht Spaß.


Ihr singt ja isländisch, gälisch, hebräisch, sogar auf Latein. Fällt dem Publikum bei euern Tourneen dabei auf, dass ihr nicht wirklich alle Sprachen sprecht?

Man sollte die Fans nicht unterschätzen. Die beschäftigen sich mit den Texten, was sie bedeuten usw. Und wir müssen auch wissen, was sie bedeuten. Nicht, dass wir irgendeinen Scheiß singen und wissen nicht, was es ist. Das hat alles Hand und Fuß. Unser Gälisch zum Beispiel ist wirklich verständlich. Das weiß ich von Iren, die die alte Sprache noch verstehen.


Ihr arbeitet immer wieder mit anderen Künstlern zusammen - auch auf dem aktuellen Album. Die kommen auch gar nicht unbedingt aus der Mittelalter-Rock-Szene wie Thomas D. oder Teile der Kelly-Familie. Wie kommt so etwas zustande?

Wir haben durch die Festivals wirklich viele Freunde. Du lernst Gott und die Welt kennen. Und wenn du die einfach fragst, sagen die: „Natürlich machen wir das.“ Das ist wie ein großes Klassentreffen und es hat auch etwas mit Respekt zu tun. Diese Musiker zollen uns Respekt damit. Musik ist nicht nur einseitig, man muss auch mal andere Sparten zulassen. Zum Beispiel „Heaven Shall Burn“ aus Saalfeld, das sind alte Freunde von uns. Das lag einfach auf der Hand, sie bei „Flaschenteufel“ mitmachen zu lassen. Ich habe sie angerufen: „Mensch habt ihr Lust?“ - „Na, logisch machen wir das.“ Das ist so ein Geben und Nehmen. Da wird auch keine Plattenfirma gefragt. Ein Mann, ein Wort, ein Handschlag. Fertig.


„Wir sind alte Hasen und lassen uns nicht mehr ans Bein pissen.“



Wie unabhängig seid ihr von eurer Plattenfirma?
Wir sind bei der Universal. Aber was so etwas betrifft, das ist alles unser eigenes Ding. Wir schreiben unsere Sachen selber, wir lassen uns auch nicht reinreden. Das haben wir schon alles auf dem Schirm. Das war von Anfang an so. Lehrgeld hat wahrscheinlich schon jeder bezahlt. Wir sind alte Hasen und lassen uns nicht mehr ans Bein pissen. Die wissen, was sie an uns haben. Und wir wissen, was wir an Universal haben. Bands, die jetzt neu ins Leben gerufen werden, sollten schon zweimal hingucken, was sie unterschreiben. Selbst wir gucken zweimal hin. So etwas ist auch Pflicht. Aber wir können machen, was wir wollen.


Bei allen Freundschaften mit Musikern querbeet scheint die Mittelalter-Rock-Szene doch immer so für sich zu sein.
Das kann sein. Wir haben die Musik schon salonfähig gemacht und spielen wirklich auf der ganzen Welt. Ich weiß nicht, was die anderen Kapellen so machen. Die Konkurrenz beläuft sich auf 30.000 verkaufte Platten im Gegensatz zu 1,6 Millionen bei uns. Das kann man ja mal so stolz verkünden. Da gibt es keine Konkurrenz für uns. Ob die anderen Kapellen nur in ihrer Szene spielen, da stecke ich nicht drin. Man sieht sie manchmal auf dem Festival, sagt sich freundlich „Guten Tag“. Manchmal trinkt man auch ein Bier zusammen. Das war es dann aber auch. Wir passen schon auf, dass wir unser eigenes Ding machen.


„Antenne Thüringen kann uns am Arsch lecken.“



Zum Beispiel ein sehr cooles 360-Grad-Video zu eurem neuen Titel „Sternhagelvoll“. Apropos Musikvideo: Warum findet ihr trotz eures Erfolges bei MTV und auch im Radio so selten statt?
Das war bei uns schon immer so. Dabei verkaufen wir mehr Platten als mancher, der den ganzen Tag im Radio gespielt wird. Warum das in Deutschland so ist, das haben wir uns 20 Jahre lang gefragt. Wenn sie uns spielen, dann freuen wir uns. Es gibt einen Radiosender, der uns wirklich unterstützt, das ist „Rock Antenne Bayern“. Auch „Star FM“ in Berlin unterstützt uns einigermaßen. Das war es aber schon. Als wir beim Bundesvision Songcontest angetreten sind, hat uns Antenne Thüringen überhaupt nicht unterstützt. Und die können mich - auf gut deutsch gesagt - auch ganz groß am Arsch lecken. Heute noch. Selbst das 15-jährige Bestehen, das wir in Erfurt auf dem Petersberg gefeiert haben, wo einfach mal 10.000 Menschen die Stadt belagert haben, da gab es noch nicht einmal einen Hinweis. Wir mussten uns mit dem Bürgermeister streiten, ob und wie überhaupt Toiletten aufgestellt werden. Wenn ich was zu sagen hätte in der Stadt und da kommt jemand, der uns auf einen Schlag 17.000 Touristen bringt, die auch übernachten und Geld in der Stadt lassen, dann kümmere ich mich darum. Da kommt eins zum anderen. Aber wir stören uns nicht mehr da daran. Wenn sie uns helfen, freuen wir uns. Und wenn nicht, dann ist das eben so. Da stehen wir mittlerweile drüber.


Wurmt es euch denn, dass ihr sechsmal für den Echo nominiert gewesen seid, den Preis aber nie gewonnen habt?
Vielleicht bekommen wir ja irgendwann einmal den Echo für die meisten Nominierungen. Wir sind immer mit Rammstein nominiert worden. Da hatten wir keine Chance. Aber mittlerweile schmunzeln wir darüber. Das ist schon ein Running Gag bei uns.


Habt ihr sonst alle eure Ziele erreicht?
Ja, nur den Echo wollen wir noch haben. Ne, Quatsch. Wir wünschen uns einfach, dass wir alle gesund bleiben, dass wir noch viel spielen, arbeiten und umher reisen können. Das ist wirklich ein großer Wunsch.


Termin & Tickets:

„In Extremo“, 28. Oktober, Einlass: 19 Uhr, Thüringenhalle Erfurt, Karten im Ticketshop-Thüringen unter 03 61 / 22 75 2 27, www.ticketshop-thueringen.de

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1 Kommentar
5.076
Joachim Kerst aus Erfurt | 13.10.2016 | 17:39  
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