Krajamines Kreaturen - Junge Künstlerin begeistert auf Instagram & Co.

Als sie den Stuhl auf einem verlassenen Dachboden fotografierte, hatte die Erfurter Künstlerin Krajamine die beiden Geschöpfe im Geiste schon entdeckt. Sie selbst tritt nicht für ein Porträt vor die Kamera. Ihre Werke sollen für sie sprechen. (Foto: Krajamine)
 
Der Tod steht ihm gut, dem Luchs. Statt Hasen oder Rehe zu jagen, hat sich dieses Exemplar so einige Likes eingefangen. Fell auf der einen Seite, Verfall auf der ­anderen. Dieser Kontrast kommt gut an bei Kunstfans im Internet. (Foto: Krajamine)
 
Symbiotisch verläuft auch die Zusammenarbeit mit der Dresdner Hochzeitsfotografin Juliana Socher. Auf ihren Fotos von Paaren entdeckt Krajamine zielsicher Sternenbilder und Geister, versteckte Muster, einen geheimen Sinn. (Foto: Krajamine)

Die Bilder der Erfurter Künstlerin Christin Schonert wirken zunächst düster, sind aber von märchenhafter Magie. Mit ihren Werken begeistert sie auf Instagram und Facebook.

Aus dem Haarschopf der jungen Frau recken sich Insektenfühler gen Himmel. Das kuschelnde Liebespaar auf dem Vorsprung der Felswand glaubt sich vielleicht allein – doch es wird umringt von seinen Geistern. Und aus dem Schatten der Ruine hat sich eine albtraumhafte Kreatur mit gehörntem Tierschädel gelöst.

Willkommen in der ­bizarren Welt von Krajamine. Hinter diesem Pseudonym steckt die Erfurter Künstlerin Christin Schonert. Manche Figuren ihrer Zeichnungen und Foto­montagen scheinen einem Horrorfilm entsprungen zu sein, mindestens doch einem düsteren Märchen oder einer kafkaesken Erzählung.

Morbide? Nein, nein, mit der Bezeichnung ihrer Kunst fühlt sich die 29-Jährige missverstanden. „Ich sehe die Bilder gar nicht so finster.“ Schwarz muss nur ihr ­Kaffee sein, sagt sie und nippt ­bestätigend an der Tasse. O.k., lange war sie Teil der Gothic-Szene. Vielleicht zu lange, scherzt sie. Tierschädel und andere tote Dinge faszinieren sie halt, Hundewelpen aber ebenso. „Ich habe keine ­besondere Beziehung zum Tod. Für mich ist die Gesamtheit wichtig.“

„Ich spiele gerne mit Zeit und Zeiträumen.“



An der Wand lehnt ihr Bild vom Luchs. Sein Gesicht ist geteilt, die eine Hälfte nur noch Skelett. „Die Zeit an sich ist nicht an Anfang und Ende gebunden. Wir nehmen es nur so wahr.“ Alles ist im Fluss, beweglich, lebendig. Nicht die Vergänglichkeit steht im Fokus ihrer Kunst, betont sie, sondern die Metamorphose. Aus allen Dingen könne etwas Neues entstehen.

Diese Lebensweisheit lässt sich leicht auf das Leben der Christin Schonert übertragen. Ihr Wappentier sei der Phönix, der sich aus der Asche erhebt, immer wieder neu beginnt zu leuchten. Viel mag sie nicht erzählen über Privates abseits der Kunst. Erfolgreiche Studienabbrecherin, Mutter, einige Zeit psychologische Beraterin an einer Schule, Umzüge. Alles ein bisschen holprig.

Als sie mal wieder dabei war, ihr Leben komplett umzukrempeln, klopfte die Kunst an die Hintertür und Schonert folgte ihrer Intuition. „Ich verspürte das Bedürfnis, zu malen und mich auf diese Weise auszudrücken. Nicht um der Kunst willen, sondern weil es meine Sprache ist, die ich auch gerne kommunizieren würde.“ Manche sprechen laut oder leise, schnell oder langsam. Ihre Sprache sei eben die Reduktion von Helligkeit und Farbintensität. Sie konzentriert sich aufs Ätherische, auf etwas Geheimes, Tieferes.

„Ich würde gerne tätowieren können, sodass meine Bilder mit den Menschen umherlaufen. Ich selbst habe keine Tattoos. Meine Bilder sind in mir und verändern sich ständig.“



Autor Michael Ende (Momo, Die unendliche ­Geschichte) hat sie inspiriert mit seinen Worten, dass wir leider immer entzauberter leben. „Unsere Welt baut auf Effizienz und Erfolg. Da ist nicht viel Platz für Schnörkel, für Märchen. Das gestehen wir nur den Kindern zu“, bedauert sie. Krajamine hingegen möchte Mythos erschaffen, wo Logos (die Vernunft) existiert.

Analog mit Kreide und Stiften oder digital mit Fotomontagen schafft sie neue Zwischenwelten – mit seltsamen, angsteinflößenden Kreaturen, mit guten Geistern und zauberhaften Sternen­bildern.

Im Netz wird sie dafür gefeiert. Aber ist ein Like nicht schnell vergeben? „Ich sehe Social Media gar nicht so oberflächlich. Für mich hat es nicht mehr den Kontext, dass es eine Alternative zu unserer Kommunikationswelt ist, sondern die digitale Welt wird immer mehr ein genetischer Teil von uns. Viel Sinnhaftes geht über diese Plattformen: ernsthafte Kommunikation, professionelle Zusammen­arbeiten. Es ist ein Kennenlernen, Geben und Nehmen.“

„Es ist ein Abenteuer.“



Und so benötigt die 29-jährige ­Erfurterin für ihre Kunst auch keine Ausstellungen in austauschbaren Räumen, in denen die Menschen vielleicht nur an ihren Bildern vorbeigehen. Ihre Galerie ist das Internet, ihre Vernissagen sind vielbeachtet auf Instagram und Facebook.

Noch kann sie nicht von der Kunst allein leben. „Ich versuche es einfach. Mal ­sehen, wohin es mich führt. Es ist ein Abenteuer. Ich glaube, dass gerade durch Abenteuer viele neue Wege gefunden werden, viele neue Dinge entstehen.“

In ihrem Fall beispiels­weise der Kontakt zu diversen Bands, die ihre Musik in Krajamines Symbolik wiederfinden und sich ihre Kunst wünschen – auf T-Shirts oder in Musikvideos. Gerne übersetzt die Thüringerin Melodien in Malerei. „Ich weiß, es klingt bescheuert, aber ich höre Farben.“

Mit dem Namen einer ostgotischen Prinzessin



Symbiotisch verläuft auch die Zusammenarbeit mit der Dresdner Hochzeitsfotografin Juliana Socher. Auf ihren Fotos von Paaren entdeckt Krajamine zielsicher Sternenbilder und Geister, versteckte Muster, einen geheimen Sinn. Unterwegs ist sie ebenso mit Thüringer Urbexern. In Ruinen, leer stehenden Häusern und an anderen verlassenen Orten sucht sie Fantasiegestalten in der Realität. „Es ist aber nicht so, dass ich durch die Gegend laufe und überall kleine Märchenfiguren sehe und völlig esoterisch drauf bin“, schränkt sie ein. Doch sie ändert eben gern die Perspektive – und dies mit einem großen Herz fürs Fantastische.

Märchenhaft ist auch ihr Künstlername, der einer ostgotischen Prinzessin gehörte, die im frühen Mittelalter durch Thüringen gereist sein soll. Zugleich sei Kraja die Namensstifterin ihres Heimatortes in Nordthüringen. Zu guter Letzt bedeute Kraja im Samischen, der indigenen Sprache der Finnen, „Ort, nach dem man sich sehnt.“ Und das passt, findet sie.

Krajamine wohnt erst seit knapp drei Monaten in Erfurt. Am offenen Fenster ihrer Stadtwohnung rauscht immer wieder ein Zug vorbei. Sie quittiert es mit Seufzen oder Augenrollen. Die Wände sind nackt wie ihre Füße. Keine Bilder, nicht einmal ihre eigenen. Mit Zeitmangel hat dies nicht zu tun, erklärt sie. „Horror vacui ist die Angst vor der leeren Wand, die ich nicht habe. Deshalb sind meine Wände weiß. Darauf könnte ich alles malen. Das ist die Potenzialität allen Seins.“ Das Leben als Leinwand.

Kontakt

www.instagram.com/krajamine
www.facebook.com/krajamine
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