"Kunst muss politisch sein"

Stefan Bachmann, Maler & Objektkünstler aus Stedten/Ilm.
 
Weltenbrand

Stefan Bachmann erinnert mit „Weltenbrand“ an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren









Die letzte Farbschicht des jüngsten Werkes von Maler und Objektkünstler Stefan Bachmann ist noch nicht trocken. Im Atelier riecht es leicht und angenehm nach frischer Acrylfarbe. Die Pinselstriche in mehreren Schichten zeugen von Beschwingtheit, die leuchtenden Farben Gelb, Rot, Blau bekunden Fröhlichkeit. Und stehen konträr zu den momentanen Gedanken des 58-Jährigen. Doch Gegensätze sind Motoren in der Kunst.

Die Vielfalt im Atelier in Kranichfeld-Stedten bestätigt das. Arbeiten in verschiedenen Techniken säumen aufgereiht den Gang zum Raum, in dem noch mehr Ausdruckskraft auf Holz und Leinwand dunkeln. Und da steht auch das Werk "Weltenbrand". In Stefan Bachmanns Art Geschehenes - hierbei den Ersten Weltkrieg - aufzuarbeiten.

"Künstler nehmen Anteil an der Zeitgeschichte", sagt der in Radebeul geborene Künstler und streichelt liebevoll den Rahmen seiner Assemblage. Das Relief aus verschiedenen Materialien zeigt Feuer, Zerstörung und Leid. "Der Erste Weltkrieg war der erste Massenvernichtungskrieg eine Technikschmiede, um Menschen zu töten und Werte zu vernichten", sagt Bachmann. Und das fand seine perfide Fortsetzung vor 75 Jahren, beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

Erinnerungen, Schilderungen der Oma, Fotos vom Vater, der Offizier war, blitzen plötzlich bei Stefan Bachmann auf. Er zitiert aus einem Brief von der Front, indem die Freude über die Sonne zum Ausdruck kommt. "Ich habe mich schon immer mit Politik und Geschichte beschäftigt", so Bachmann, der laut Saur Allgemeines Künstlerlexikon, seit 1993 als Autodidakt freischaffend ist.

Bachmann vermisst deutliche Lehren aus der Vergangenheit, aus Fehlern, aus Kriegen. "Unsere Welt ist zu schnelllebig, zu oberflächlich geworden", kritisiert er. "Den Menschen fehlt die Zeit, sich differenziert mit der Welt, mit Dingen auseinanderzusetzen. Kranz niederlegen und fertig." Doch das reicht nicht, um frühere Erzfeindschaften gänzlich verblassen zu lassen.



"Das ganze gesellschaftliche Leben in Deutschland war während beider Weltkriege dafür eingebunden." Das soll nach Bachmann auch heute noch aufgezeigt werden. Und Künstler müssen aktuelle Themen aufgreifen, "um nachwachsenden Generationen Geschehnisse zu überliefern - auch wenn es weh tut". Und Stefan Bachmann stellt nach diesem Satz sein Werk "Weltenbrand" in die Mitte seines Ateliers und ruft aus: "Kunst muss politisch sein - Kunst ist immer politisch!"

Für Stefan Bachmann hat die Menschheit kaum Lehren aus zwei Weltkriegen gezogen. Er unterstreicht diese Aussage mit seinen eigenen Pragmatismus: "Auch Drohnen löschen Leben aus." Und er ergänzt fingerzeigend: "Wir Deutsche sollten uns bei kriegerischen Auseinandersetzungen mehr zurückhalten."



Der Stedtener vermisst in Deutschland Demut. "Dagegen wollen Politiker wieder überheblich bestimmen, was Demokratie und Freiheit sind", sagt Bachmann. "Die Rolle der Saubermänner steht uns nicht." Am Jahresende sieht es Stefan Bachmann als vertane Chance an, dass der Aufarbeitung des Unsegens des Ersten Weltkrieges - der vor 100 Jahren Tod über den Globus säte - so wenig Beachtung in der Kunst geschenkt wurde.



Schwere Kost zur rechten und besinnlichen Zeit. Und da ist es ja noch, das farbenfrohe, lebensbejahende neuste Werk in Acryl am Ausgang des Ateliers. Es bringt ein wenig Hoffnung, von Stedten in die Welt.



Zur Sache

Assemblage = Collage mit plastischen Objekten; Hochrelief, das aus einer Kombination verschiedener Objekte entstanden ist.
• „Weltenbrand“, Mischtechnik-Relief in Acryl und mit verschiedenen Materialien, 115 x 100 cm, zu sehen in der Ausstellung, „In den Schützengräben und zu Hause – Erinnerungen an den 1. Weltkrieg“, Baumbachhaus Kranichfeld, bis 15. März 2015, Dienstag bis Sonntag 14 bis 17 Uhr
• WeitereInformationen: www.bachmann-erfurt.de
• Weitere Ausstellung zum Ersten Weltkrieg: „Schrecklich schön. Kriegserinnerungen aus Munition“, Stadtmuseum Erfurt, bis zum 30. Januar 2015; „Vom Wohnzimmer in den Schützengraben. Eisenach(er) im Ersten Weltkrieg“, Stadtschloss Eisenach, bis 28. Dezember


Zitate


"Um Politik kommt niemand herum, im politischen Vakuum ist keiner."

"Schnelllebigkeit macht die Kunst kaputt."

"Ich war weiß Gott kein einfacher Schüler, sonst wäre ich nicht Künstler geworden."

"Ein Künstler ist immer kreativ. Heute können Künstler alles machen, auch verhungern."

„Auch der Mauerfall ist in Kriegen begründet.“

"Beim Angesicht des Leids zweier globaler Kriege, sind die Befindlichkeiten zu Ossi und Wessi peanuts. Da müsste sich ‚Sport im Osten‘ auch umtaufen.“

(Stefan Bachmann)
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7 Kommentare
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Antje Hellmann aus Jena | 10.12.2014 | 11:08  
Thomas Gräser aus Erfurt | 10.12.2014 | 16:17  
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Antje Hellmann aus Jena | 11.12.2014 | 13:56  
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Antje Hellmann aus Jena | 11.12.2014 | 13:58  
Thomas Gräser aus Erfurt | 12.12.2014 | 22:22  
1.602
Mike Picolin aus Gera | 13.12.2014 | 09:57  
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Antje Hellmann aus Jena | 13.12.2014 | 13:57  
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