Lyrik & Prosa von Uta-Christine Breitenstein: Die Drachenfrau.

Erfurt: Uta-Christine Breitenstein | Fantasie. Kurzgeschichte

Die Drachenfrau



Das Land der dunklen Schatten liegt im tiefen Schlaf. Wie schwere Seide schlagen Flügel, die fast unsichtbar sind. Da ist sie wieder, diese Melodie. Sie nähert sich den Stadtmauern. Und mit ihr die Drachenfrau in den Farben der Nacht.
Schon als Kind schien die Drachenfrau Unheimliches in sich zu tragen. Doch erst später, als ihr Hellsein die Schattenmenschen zu irritieren begann, wurde sie als Hexe verfolgt. Schließlich fing man sie und brannte ihr ein Schandmal auf die nackte Haut. Danach lebte sie, von der Gemeinschaft ausgestoßen, versteckt in den Wäldern. Doch die Schattenmenschen hielten keine Ruhe. Für jedes Unheil gaben sie der Lamia, wie sie sie nannten, die Schuld.
Diesmal hatten sie die junge Frau mit Hunden aufgespürt und in den Kerker geworfen.
Sie machten ihr den Prozess. Bereits nach einem Tag wurde sie schuldig gesprochen und man errichtete den Scheiterhaufen. Ihr wunderschönes langes Haar schnitten sie grob mit einem Messer ab. Angekettet und auf Stroh gestoßen, fühlte sie sich schmutzig und allein. Sie war nur mit einem Büßerhemd bekleidet und saß barfuß, frierend im düsteren, nasskalten Gemäuer. In ihrer Hilflosigkeit begann sie zu weinen. Niemand hatte sie anhören wollen und niemand hatte für sie gesprochen, als sie zu Unrecht beschuldigt und zum Tode verurteilt worden war. Die Stunden der Nacht wichen dem Tag und die Umrisse des Kerkers wurden deutlich. Der Tag erwachte mit seiner Geschäftigkeit. Gleich würden sie kommen, um sie auf den Marktplatz zu bringen, dorthin, wo die Gerichtbarkeit sich aufge-baut hatte und viele Schaulustige schon ungeduldig auf das Spektakel warteten. Laut und hasserfüllt riefen sie nach ihr: „Lamia, Lamia! Tod der Lamia! Verbrennt die dämonische Hexe!“
Als sie in Ketten hinausgeführt wurde, traf sie ein Stein. Sie taumelte und stürzte. „Wo sind denn deine Zauberkräfte?“, bedrängten sie die Spötter. Beschimpft und bespuckt wurde sie über den Platz auf den Scheiterhaufen geschleift und an den Pfahl gekettet. Schon spürte sie, wie die Flammen gleich spitzen, heißen Zungen lechzend nach ihr griffen. Der quälende Schmerz erstickte ihren Schrei und raubte ihr die Besinnung. Im selben Moment begann die Erde zu beben. Ein Krater öffnete sich rings um den Scheiterhaufen. Peitschender Regen prasselte hernieder. Und das Feuer erlosch genauso schnell, wie die Flammen nach ihrem Opfer gegriffen hatten. Donner, Blitz und Hagel trieben die Peiniger auseinander. Schreiend vor Angst rannten die ungerechten Schattenmenschen um ihr Leben.
Als sich die Drachenfrau in die Lüfte erhob, fielen ihre zersprungenen Eisenketten auf das verkohlte, nasse Holz. Sie hatte sich kraftvoll verwandelt und konnte fliegen. Sie war frei! So frei wie der Wind, der ihren Namen rief: „Kira, Kira, vertrau uns und flieg mir nach!“
In ihrer größten Not waren die Naturgewalten gekommen, um die Drachenfrau zu retten. Kira konnte vertrauen und folgte dem Wind zu einem heiligen Ort, an dem Mutter Erde und das Göttliche schon seit Urzeiten in Harmonie vereint waren. Der Wächter dieses Ortes war der Seltsame Fürst. Die Drachenfrau spürte erstmalig Wurzeln und vollkommene Sicherheit.
„Du wirst erschöpft und müde sein. Hab keine Angst“, sagte der Wind freundlich und führte Kira in seine Gemächer.
Als die Drachenfrau ihr Hemd ablegte, sah der Wind die schmerzenden Wunden. Er unterdrückte seine Tränen und kühlte besorgt Kiras Verbrennungen. Er pflegte sie voller Hingabe, doch verbarg die Liebe, die er schon seit langer Zeit für die Drachenfrau empfand. Er hatte Kira schon als Kind gerngehabt. Und als plötzlich diese strahlend junge Frau vor ihm stand, verliebte er sich unsterblich in sie. Er liebte sie, doch war bis zu diesem Tag nur ein unsichtbarer Freund geblieben. 
Auch der Seltsame Fürst war von der Schönheit der Drachenfrau angetan, aber noch mehr schätzte er ihre Weisheit. Nach ihrer Genesung trat sie in seine Dienste. Die Drachenfrau konnte in die Zukunft sehen und begleitete ihn bei all seinen Vorhaben mit sanftem Rat. Aus Wertschätzung überließ er der Drachenfrau eine seiner schönsten Burgen. Von dort konnte sie über das herrliche Land mit seinen Seen zwischen all den bewachsenen Felsen blicken. Dieser Blick vom Bergfried der Burg erfreute ihr Herz täglich aufs Neue. Kira liebte es, dem Himmel so nahe zu sein. Die wärmende Sonne am Tag, der Mond und die Sterne in der Nacht, das waren ihre Vertrauten.
Wenn sie so stand, eingehüllt in ihre seidigen Gewänder, streichelte der Wind das schillernd grüne Haar der Drachenfrau und löste es aus der goldenen Spange. Auch Kira hatte ihn liebgewonnen. In den Armen des Liebsten fühlte sie sich geborgen. Sie verstanden einander und genossen sich mit allen Sinnen. Auf den 
gemeinsamen Flügen tanzte die Drachenfrau mit dem Wind. Er sang dann seine herrliche Melodie und umspielte zärtlich ihren Körper. Der Zauber des Tanzes so hoch in den Lüften war reine Liebe.
Die Drachenfrau lebte im Einklang mit allem, was sie umgab. Natur, Mensch und Tier waren ihr zugetan. Sie brachte dem Land Frieden. Mit ein wenig Zauberei und den wilden Kräutern ihres Burggartens konnte Kira heilen und helfen, was ihrem Leben Sinn gab. Sie liebte den Wandel der Natur: Das Frühlingserwachen, die Sommerreife, die bunten Wälder im Herbst und den leisen Schnee, unter dem die Natur ausruhen konnte.
So vergingen die Jahre im Leben der Drachenfrau, bis der Tag kam, an dem sie eine besondere Vision hatte. Sie sah ihre Nichte Penelope in einer eisigen Winternacht Zwillinge zur Welt bringen. Und sie sah auch zwei wunderschöne Mädchen mit schillernd grünem Haar und strahlenden Augen heranwachsen. Die Drachenfrau erkannte, dass ihr Blut in den Adern der Mädchen floss. Sie hatte aus der eigenen Geschichte schmerzlich lernen müssen und wusste um die große Gefahr, die ihren Großnichten im Land der Schattenmenschen drohte. Kira erzählte ihrem Gefährten, dem Wind, von ihrer Vorhersehung. Beide wussten, dass sie rechtzeitig handeln mussten. Kira hatte sich damals geschworen, das Schattenland nie wieder zu betreten, die Erinnerungen lagen noch zu schwer auf ihrer Seele. Nur war die Sorge um die Zwillingsmädchen und Penelope schließlich größer als die hemmende Kraft der Gedanken.
Die Drachenfrau und der Wind begannen die werdende Mutter nach all ihren Möglichkeiten zu beschützen. Bisher hatten sie sich noch nicht zu erkennen gegeben, doch es wurde Zeit. Im Land des Seltsamen Fürsten fielen schon die ersten Schneeflocken.
„Es ist so weit“, sagte der Wind, „wir müssen Penelope in Sicherheit bringen, bevor die Wehen einsetzen.“
„Du hast recht, mein Liebster. Aber wird sie auch mit uns kommen?“, erwiderte Kira.
Beide vertrauten darauf, dass Penelope mit dem Herzen der werdenden Mutter entscheiden würde. Sie würde es fühlen, dass sie und ihre Kinder nur im Land des Seltsamen Fürsten ein beschütztes und glückliches Leben führen konnten. Fern von der Bosheit und Dummheit der Schattenmenschen würde die kleine Familie eine Zukunft haben. Zudem hatte die Drachenfrau das liebevolle Bedürfnis, sie in der großen Kunst des Heilens zu unterrichten und ihnen Zugang zur Weisheit zu eröffnen. Der warmherzige, kluge Wind und die weise Drachenfrau brachen mit Zuversicht auf. Die Konfrontation mit der Wahrheit sollte Penelope zur Entscheidung bewegen.
Das Land der dunklen Schatten liegt im tiefen Schlaf. Wie schwere Seide schlagen fast unsichtbare Flügel, begleitet von dieser Melodie, über den Stadtmauern. Bewacht von guten Mächten fliegen dort der Wind und die Drachenfrau. Auf ihrem Rücken liegt Penelope im tiefen Vertrauen auf das, was kommen wird.

(Aus dem Buch "Auf einer Bank" TURRICULA VERLAG ERFURT 2016,
E-Book by Amazon 2016)

Ihre
Uta-Christine Breitenstein

Weitere Kurzgeschichten im Buch "Schloss aus Eis und Schnee" TURRICULA VERLAG ERFURT 2016, Paperbacks bei Hugendubel, E-Books by Amazon 2016)

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