„Martin Luther ist einmalig“

Kurator Lothar Schmelz in der Kirche des Augustinerklosters. Am Altar hat schon Martin Luther gepredigt.
 
Gedanken im Kreuzgang: „Den Reformationstag sollte man nutzen, um sich über gewisse Dinge klar zu werden. Warum glaube ich? Warum bin ich ein Christ?“
 
Halloween am 31. Oktober findet Schmelz "nicht so dolle".
Erfurt: Augustinerkloster | Als Kurator vertritt Lothar Schmelz das Erfurter Augustinerkloster nach innen und nach außen. Im Interview erklärt er die besondere Bedeutung des Reformationstages am 31. Oktober.


Was ist für Sie das Besondere am Reformationstag?
Gute Frage. Auf jeden Fall ist es einer der wichtigsten Tage der evangelischen Kirche. Viele evangelische Christen sagen, dass der 31. Oktober die Geburtsstunde der evangelischen Kirche ist. Ich bin da ein bisschen zurückhaltender, weil ich denke, dass Martin Luther die 95 Thesen am 31. Oktober 1517 veröffentlicht hat, ohne zu wissen, welche Konsequenzen letztlich daraus entstehen würden. Für mich ist auch immer wichtig zu sagen, dass Martin Luther überhaupt nie die Kirche spalten wollte. Und das sagen auch die 95 Thesen. Er setzt sich ja kritisch mit der Institution Kirche und dem Papsttum auseinander. Und das ist ein großer Unterschied. Heute wird auch noch viel um irgendwelche Institutionen diskutiert. Und das war das Anliegen von Martin Luther, das Wort Gottes wieder in den Vordergrund zu stellen und dass Kirche den Auftrag hat, das Evangelium zu verkünden und nicht den Auftrag hat, nur Geld einzunehmen und große Prunkbauten dahinzustellen.


Wie gerade der Limburger Bischof Tebartz-van Elst?
Das ist ein schönes Beispiel. Die Frage ist ja: Was haben wir Christen für eine Verantwortung? Und warum sind wir überhaupt Christen? Wir sind mit Sicherheit nicht Christen, um nur das Weltliche zu sehen. Pfarrerinnen und Pfarrer und Christen allgemein haben diesen Verkündigungsauftrag. Was nicht mit einem missionarischen Auftrag zu verwechseln ist. Verkündigungsauftrag heißt, das Wort Gottes weiterzugeben. Wir hatten jetzt gerade so ein schönes Treffen in Halle. Und da haben wir genau über dieses Thema gesprochen: Kirche in der Diaspora. Was ist unser Auftrag? Was können wir eigentlich bewegen? Das ist für mich so eine Folge als Lutheraner, zu sagen: Wenn sich alle Menschen nach den zehn Geboten richten würden, dann bräuchten wir überhaupt keine Gesetze mehr. In den zehn Geboten ist alles drin, was wir zu einem gemeinsamen Leben brauchen und was überhaupt die Grundlage eines jeden Gemeinwesens überhaupt ist. Es würde vieles erleichtern.
Und das ist mit Sicherheit auch ein Punkt, auf den Martin Luther noch einmal hingewiesen hat. Der 31. Oktober ist für mich auch so ein Tag, darüber nachzudenken: Warum? Weshalb? Wieso sind wir da? Warum glauben wir eigentlich an Gott?
Ich werde oft gefragt: Was hast du davon? Warum glaubst du an Gott? Spannende Frage. Kann man nicht in einem Satz beantworten, weil es jeder im Prinzip für sich alleine klären muss. Der 31. Oktober ist ein Tag, an dem man darüber nachdenken soll, was bedeutet Kirche, was bedeutet die Institution Kirche und was bedeutet diese glaubende Kirche?
Man kommt auch gut ohne die Institution Kirche aus. Ich brauche keine Institution Kirche, um an Gott zu glauben. Die hat es früher auch nicht gegeben. Die hat sich entwickelt. Natürlich ist die Institution Kirche wichtig, um Sachen voranzutreiben, Impulse zu geben. Aber grundlegend für meinen Glauben ist sie eigentlich nicht so wichtig.

Wie begeht man den Reformationstag aus Ihrer Sicht am besten?
Der Tag ist wichtig, um die Menschen auf den Inhalt des reformatorischen Gedankens hinzuweisen. Was haben wir eigentlich durch die Reformation erreicht? Abgesehen davon, dass die Kirche gespalten wurde. Es sind wesentliche Punkte geändert worden. Ohne Martin Luther hätten wir keine Kirchenmusik. Ohne Martin Luther gäbe es keine Orgel in der Kirche. Ohne Martin Luther gäbe es heute noch keine Kirchenbänke und keine Kanzel. Das sind ja so die herausragenden Dinge, die wichtig sind, um das Wort zu verkünden. Ohne Martin Luther und die Reformation gäbe es nicht das klare deutsche Wort in der Kirche. In der Vergangenheit wurden Messen grundsätzlich in Latein gelesen. Der normale Bürger hat gar nicht verstanden, worum es ging. Er hat es nachgesprochen, aber nicht wahrlich begriffen. Und das ist heute anders. Das finde ich einen ganz wesentlichen Aspekt, darauf noch einmal hinzuweisen. Was hat sich denn in der Kirche geändert? Mit Sicherheit sagen auch viele katholische Theologen und Professoren, dass die Reformation auch für die katholische Kirche Fortschritte erbracht hat. Auch da hat sich das Denken nach dem 31. Oktober gewandelt. Darauf hinzuweisen, das finde ich schon schön und vielleicht verstehen dann auch die Menschen, warum für uns evangelische Christen der 31. Oktober so wichtig geworden ist. Darum finde ich es auch schade, dass in einigen Bundesländern der 31. Oktober als Feiertag abgeschafft wurde. Für mich das gleiche wie mit dem Buß- und Bettag. Das sind so wichtige kirchliche Tage zum Nachdenken, zu sich selbst finden, zu Inhalten etwas sagen.

Nur nachdenken oder auch etwas unternehmen?
Unternehmen schon. Bei uns im Kloster ist der 31. Oktober ein ganz wichtiger Tag. Außer den normalen Führungen mache ich zum Beispiel mit einem Kollegen zusammen eine Spezialführung Reformationsgeschichte - Martin Luther, Johannes Lang. Weil ich glaube, dass Johannes Lang für Erfurt eine Riesengeschichte hat. Er war mit im Kloster, er war der Reformator der Stadt. Dr. Michael Ludscheidt, der Leiter der Historischen Bibliothek im Augustinerkloster, wird Lutherschriften präsentieren und erklären. Dann haben wir einen großen Vortrag mit Professor Dr. Schilling, der sich mit der Biografie von Martin Luther auseinandersetzt. Luther ist ja nicht in allen Punkten der große Kirchenmensch. Er hat ja auch diverse Schwächen gezeigt. Ich denke an den Bauernkrieg und wie er mit Thomas Müntzer nachher umgesprungen ist. Oder ich denke an das Verhältnis zu den Türken und den Juden. Im Alter war Luther ein großer Antisemit. Es ist ein spannender Tag, auch um darüber nachzudenken: Was hat Martin Luther nicht richtig gemacht?

Der Reformationstag ist nur in fünf von 16 Bundesländern ein Feiertag. Reicht das, um diesem Tag gerecht zu werden?
Nein. Denn man sollte solche Tage immer nutzen, um sich über gewisse Dinge klar zu werden. Es ist einfach, immer zu sagen: Ich lehne es ab. Ganz simpel. Sich aber mit der Frage schlechthin zu beschäftigen: Warum lehne ich es ab? Was spricht dagegen? Oder auch: Warum bin ich dafür? Warum glaube ich? Warum bin ich ein Christ? Bei 365 Tagen sollte man sich mal ein, zwei Tage nehmen, um das zu reflektieren. Vielleicht auch, damit - das hört sich jetzt etwas pathetisch an - das gemeinsame Leben zu erleichtern und verständlicher zu machen. Die Werte noch einmal zu überdenken. Heute spricht ja kaum einer gerne über Werte. Ich finde Werte in unserer Gesellschaft sehr wichtig. Weil ich überzeugt bin, dass ohne grundlegende Werte kein Gemeinwesen entstehen kann.

Hat der Tag in Erfurt bzw. in Thüringen eine besondere Bedeutung? Denn hier studierte Luther, wurde Mönch, übersetzte auf der Wartburg die Bibel.
Das ist die historische Seite. Für Mitteldeutschland ist Luther schon absolut top. Aber ich würde es nicht nur auf Thüringen und Sachsen-Anhalt fokussieren. Diese beiden Länder haben auch die Aufgabe, es weiter nach außen zu tragen, ihre Geschichte weiter nach außen zu tragen, Was wir ja jetzt mit der Reformationsdekade wunderbar tun, finde ich einen guten Ansatz. Ich plädiere dafür, dass der Tag ein genereller Feiertag wird.
Es wird ja derzeit gefragt: Warum sollen die katholischen Christen mit uns die Reformationsdekade feiern? Es wird ja viel gemacht. An der Basis ist die Ökumene schon richtig groß. Ich sehe es ja auch bei uns hier. Wir haben ja in der Woche die Stundengebete mittags um 12 und abends um 18 Uhr. Und die werden ja überwiegend von Ehrenamtlichen vom Domberg gestaltet. Wir haben die Luthermeile ökumenisch gegründet. Die Georgenburse ist ein ökumenisches Projekt. Der Papst war hier mit großer Freude.

Also kein Tag der Trennung?
Ich finde, es ist ein Tag der Gemeinsamkeiten, des miteinander darüber Nachdenkens, warum ist es so gekommen? Wo lag die Ursache? Und wie gehen wir miteinander um? Dass es mit Sicherheit nicht mehr eine große Kirche geben wird, das ist klar. Aber dieses Verständnis miteinander füreinander, das ist der wesentliche Punkt dabei.

Mit dem Halloweenfest hat die evangelische Kirche am 31. Oktober starke Konkurrenz bekommen. Ist Platz für beide Feiern?
Ich persönlich finde es etwas beschwerlich. An so einem Tag Halloween zu feiern, darüber jubele ich als Lutheraner nicht gerade. Aber das ist auch so ein Zeichen dieser Zeit, dass viele grundlegende Tage wie der Reformationstag durch irgendwelche wirtschaftlichen Dinge ausgehebelt werden, die auf einmal in den Vordergrund rutschen. Das sind für mich genau solche Tage wie Muttertag oder der Valentinstag. Das sind so vorgegebene und verordnete Tage. Ich denke, man sollte zu seiner Mutter nicht nur an einem Sonntag im Mai nett und freundlich sein. Aber das ist meine persönliche Meinung. Um ihre Frage konkret zu beantworten: Ich finde es nicht dolle, dass an dem Tag auch Halloween ist.

Es ist 497 Jahre her, dass Luther seine Thesen an die Wittenberger Kirchentür hämmerte. Das ist eine ganz schön lange Zeit. Braucht die Kirche wieder einen neuen Luther? Einen Reformer?
Seit 500 Jahren hält dieser Mann die Weltgeschichte in Atem. Das muss man sich mal vorstellen. 500 Jahre - und es wird noch weitere 500 Jahre so gehen - im Gespräch zu bleiben, Menschen an solchen Tagen zum Nachdenken anzuregen, alleine das ist schon Weltgeschichte. In dieser Nachhaltigkeit finde ich Martin Luther mit seinem Thesenanschlag schon fast einmalig.

Heißt das, Luther wirkt immer noch? Oder heißt das: Reformer wie Luther findet man nicht wie Sand am Strand?
Luther hat Denkanstöße gegeben und war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Viele vergessen immer, welche tollen Freunde er um sich herum hatte: Melanchthon, Friedrich den Weisen, Johannes Lang. Ohne diese Menschen wäre er nie so weit gekommen. Ich finde es interessant in der Weltgeschichte, dass immer so eine Ära da ist, in der alles ineinander übergreift. In der Menschen sich treffen, sich gut verstehen, eine Linie haben, ein Ziel vor sich haben und dieses Ziel gemeinsam umsetzen.
Nehmen Sie mal die deutsche Einheit: Es war ein ganz kleines Zeitfenster, in dem sich Politiker getroffen haben, die sich verstanden haben. Ohne Gorbatschow, ohne Bush, wäre wahrscheinlich die Einheit so nicht gekommen.

Sind die großen Schachten geschlagen und reformiert sich die Kirche jetzt eher im Stillen?
Die Menschen sind selbstständiger geworden, sie sind selbstbewusster geworden. Sie haben ganz andere Kommunikationsmöglichkeiten als vor 500 Jahren. Natürlich ist es viel schwieriger, jetzt etwas Weltbewegendes zu machen. Man darf auch nie vergessen: Ohne Kirchen, ohne Klöster hätten wir nicht diese gesellschaftlichen Grundlagen, die wir heute haben. Viele vergessen: Wenn es keine Klöster gegeben hätte, gäbe es keine Schriften. Oder die ganzen Denker, die Philosophen - das ist hauptsächlich in diesen klösterlichen Bereichen entstanden. Von daher hat die Kirche unheimlich die letzten Hunderte Jahre geprägt mit ihrer Grundhaftigkeit.
Was sind christliche Werte? Für mich ist Christentum Verständnis. Auch gerade, was arme Menschen betrifft. Ich finde es unsäglich, was gerade mit den Flüchtlingen passiert vor Lampedusa. Da gibt es nur zwei, drei Tage einen großen Aufschrei. Dieses nachhaltige Überlegen, was machen wir eigentlich in der Welt, auch kritisch, diese Grundfesten nicht zu verlassen, finde ich ein wichtiges Element.




Hintergrund
Reformationstag: Im Jahr 1517 schlug der Mönch und Theologieprofessor Martin Luther 95 Thesen zu Ablass und Buße an die Wittenberger Kirchentür. Damit leitete er die Reformation der Kirche ein. Das Christentum spaltete sich in verschiedene Konfessionen wie katholisch, lutherisch oder reformiert. Auf der Internetseite der Evangelischen Kirche Deutschland wird die Reformation in einem Zwei-Minuten-Film erklärt: www.ekd.de

Kurator: Das Wort kommt aus dem Lateinischen und heißt Verwalter. Lothar Schmelz ist als Kurator zuständig für die gesamte Organisationsstruktur, die betriebswirtschaftliche Seite, die Denkmalpflege und die Öffentlichkeitsarbeit.

Termine:
www.ekmd.de
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Grit Löwe aus Gera | 02.11.2013 | 17:23  
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