Me and Pascal Repie

Es war wieder Mühlenmarkt in der Heiligen Mühle. Diesmal habe ich mir die Zeit genommen und die Ausstellung, Stücke und Texte des Thüringer Mühlenvereins e. V. gründlich betrachtet.
Die verkleinerten Nachbildungen der Kriegsgefangenenlager von 1870/71 und 1914/18 haben Schüler der Integrierten Gesamtschule am Erfurter Johannesplatz geschaffen.
Als ich hinzutrete, steht da schon jemand, in seine Betrachtungen vertieft. Jetzt dreht er sich langsam um. „Ich heiße Pascal. Und du?“
Nachdem ich auch meinen Namen nannte, erklärt er sachlich und sehr überzeugend seine Überlegungen zu diesem Modellbau. „Diese blauen Soldaten sind doch Wachen. Die haben da, wo sie stehen, keinen Gesamtüberblick. Ich würde sie an dieser Stelle aufstellen.“
Er tippt mit dem Finger auf den seiner Meinung nach günstigeren Platz und schaut mich an.
Ich sage: „Die blauen Soldaten sind Preußen.“
Der Junge fragt zurück: „Was ist Preußen?“
„Ein deutsches Land, das es mal gab“, ist meine Erwiderung. Nach einer Denkpause fragt er zurück: „So wie Bayern?“ „Ja, richtig.“
Pascal hätte vieles ganz anders gemacht, wenn er 1914 das militärische Sagen gehabt hätte. Und noch ein Gedanke treibt ihn um. „Wäre doch schön, wenn man über die Zeit hüpfen könnte, von 1870 zu 1914 und zurück. Vielleicht auch in andere Jahrhunderte hineinhopsen, und wieder raus. Was denkst du, ob das mal möglich sein wird?“
Die Antwort muss ich ihm schuldig bleiben. Unbemerkt sind Pascals Oma und Mutti hinter mich getreten und hören voller Stolz, was ihr Junge so selbstbewusst alles erzählt. Sie unterbrechen ihr Militärgenie nicht.
Erst als er sagt: „Mit mir hätten die Deutschen 1914 den Krieg gewonnen“, hakt die Oma ein.
„Calli, wünsche dir keinen Krieg. Viele Menschen müssen dann sterben.“
Mir teilt sie mit, dass der Pascal erst fünf Jahre alt ist. Die bayrische Familie will weitergehen und der kleine Kavalier verabschiedet sich. „Tschüß, wir sehen uns sicher mal wieder.“
Aus der Musikkonserve ist Janis Joplins „Me and Bobby McGee“ aus meiner Jugendzeit zu hören.

Ilversgehofen ist ein weites Feld. Einst Küchendorf, hat der Stadtteil heute durch die Heilige Mühle, eine Wassermühle, regelmäßig Zulauf.
Hier gab es die Saline, ein Salzbergwerk, eine Grubenfabrikation, eine Malzfabrik und eine Ziegelei.
1885 siedelte Eduard Lingel hier eine Schuhfabrik an. Ilversgehofen wurde mit der Gründung der Maschinenfabrik Henry Pels & Co. und der Lokomotiven-Fabrik Christian Hagans Industriestandort.
1925 wurde der Verkehrsflughafen südlich vom Roten Berg eröffnet, der leider 1939 wieder geschlossen wurde. Von 1956 – 1974 diente er als Segelflugplatz.

Seit 1928 gab es das Union-Kino (später „Kino der Jugend“, abgerissen in den 90-er Jahren). Wie konnte man da immer schön kuscheln.
Mitglieder des Bürgerbeirates, die sich insbesondere für die Geschichte Ilversgehofen interessieren, führten durch die Ausstellung. Hier fiel uns besonders die Sammlung alter Filmprospekte auf. Auch ich schwärme für die Leinwandstars von gestern. „Ich und Du“, mit Hardy Krüger (Senior) und Lilo Pulver. „Der träumende Mund“, mit Maria Schell.
„Fanfan, der Husar“, mit Gerard Philippe. Hach, und Luise Ulrich als patente moderne Frau.
Wau, als totale Rarität das „Fräulein von Scuderie“ mit der Stummfilmgöttin Henny Porten. Der unwiderstehliche O. W. Fischer und diverse andere Stars und Sternchen tauchen auf und sind präsent, so, als hätten sie erst gestern auf dem Plan des Union Kinos gestanden.

1959 wurde der Thüringer Zoopark eröffnet.

Während die Industrieansiedelungen den Zeitläufen unterworfen waren, treiben die Erfurter Wasserläufe immer noch die Heiligen Mühle und damals noch zwei weitere Papiermühlen an.
1587 wird die Heiligen Mühle erstmalig als Papiermühle erwähnt.
1781 war J. Friedrich Lüdemann der letzte „Papierer“. Heute ist diese Mühle im Besitz der Familie Naue.

Zum Mühlenmarkt gibt es auch immer noch allerlei Angebote: Brote, Schmalzgebäck, Seifen, Holzspielzeug, Schneekugeln, Trödel und Bücher. Wer will, stöbert herum, trinkt und isst etwas oder hört einfach nur der Live-Musik zu.
Das Mühlenrad dreht sich, das Wasser rauscht – auch im nächsten Jahr wieder.

Ute Hinkeldein

Adresse: Heiligen Mühle
Mittelhäuser Str. 16
99089 Erfurt-Ilversgehofen
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