Mini-Traumhäuser

Noch 1977 stapelten sich bei uns die Anträge auf Wohnraum. Unsere Tochter wurde schon drei Jahre alt und noch immer tat sich nichts. Da begannen wir im Spätsommer 1977 mit dem Bau unserer „Mini-Eigentumswohnung“. Wenigstens Haike sollte zu Weihnachten Freude haben...
Daran musste ich denken, als die TLZ im Juni 2012 die Erfurter Puppenstuben-Sammlerin Steffi Rebettge-Schneider vorstellte. Sie stellte am Karl-Marx-Platz 3 erstmalig ihre komplette Sammlung aus. Das hat mich sehr interessiert, aber leider, in die Erste Etage rollt kein Rollstuhl. Die nette Sammlerin war gleich bereit, mir per mail ihre schönsten Bilder von Puppenstuben und Kaufmannsläden zu schicken. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Jetzt liegen die Bilder der Sammlung vor mir und ich habe meine helle Freude daran. Diese Mini-Welten sind ein Spiegel ihrer Zeit und zeigen, was einst notwendig oder schick war. Hundert Jahre Puppenhausgeschichte breiten sich vor mir aus. All die kleinen, liebevollen Zubehörteile wie Tassen, Bestecke, Bettwäsche, Lampen, Bilder, Spiegel, Deckchen usw. entzücken den Betrachter. Wegen des Erfolges kann diese Ausstellung am 19.7. und 28.8. jeweils 15 Uhr im gleichen Gebäude besichtigt werden.
Im September wird die Sammlung im Freilichtmuseum Hohenfelden ausgestellt. Leider sind da auch Treppen! Ich warte auf 2013, dann werden die Puppenhäuser auf Schloss Friedenstein in Gotha gezeigt. Dort gibt es einen Fahrstuhl.
Es muss ein reges Interesse an Puppenmöbeln und –häusern bestehen, denn der Weltbild-Verlag bietet eine historische Edition an; sogar ein Nähzimmer mit Nähmaschine und Bügelbrett.
Ich habe lange suchen müssen, bis ich wenigstens einige Fotos von unserem Waldkaufhaus „Eichhörnchen“ und der Puppenstube fand.
Wir hatten wenig Geld und Rainer brachte die Hülle zu einem ehemaligen Spielzeug-Bauernhof mit. Ein stabiles Holzhaus, nur die eine Dachseite war total kaputt. Wir machten aus der Not eine Tugend und bauten für Puppenkinder das Schlaf- und Spielzimmer hinein.
Unten bestand der Laden aus einem Kompromiss. Einerseits noch Schüttkästen, die nur die Verkäuferin bedienen konnte, andererseits offene Warenschalen aus Plexiglas mit Eigenproduktionen (Fimo) an Obst, Bäckerei- und Fleischwaren ausgestaltet. Eine Waage, eine Registrierkasse und Geld dürfen natürlich nicht fehlen. Wie sollte sonst gehandelt werden?
Damals gab es recht preiswertes Kaufmannsladen-Zubehör. Die Füllung für den Mini-Markt kostete 3,50 DDR-Mark und wurde im VEB Spiel- und Festartikel Leipzig hergestellt.
Sehr schön waren die farbigen Einkaufstüten für Lebensmittel, Obst und Gemüse, Fleisch- und Backwaren. Wer es verlangte, erhielt einen korrekten Kassenblock mit auf den Weg. Aus Gips waren Gurken, Wurst, Weintrauben, Blumenkohl, Torten, Butter und ein Schweinskopf. Die Verpackungen von Freitaler Kloßmehl, Hafer- und Reismehl, Zucker, Milchbrei, Combi oder Kina entsprachen genau den großen Originalen in der Kaufhalle, ebenso wie Reinigungs- und Putzmittel. Beliebt waren die Einkaufskörbe aus Metallgeflecht und die Getränkeflaschen aus Glas.
Auch wenn das Land, das diese Spielwaren produzierte, unterging, die Enkel spielen trotzdem gern damit. Die Puppenstuben und Kaufmannsläden berichten über geschichtliche Ereignisse und wichtige Epochen der Zeit. Ein gutes Beispiel dazu ist der Puppenstaat „Mon plaisir“ im Arnstädter Museum. Die Fürstin Auguste Dorothea von Schwarzburg-Arnstadt (1666-1751) schguf dieses Puppenfürstentum. Wir können diese Puppenstaat im Schlossmuseum Arnstadt besichtigen. Manchmal kommt mir das seltsam vor, denn es sind mir bereits zwei Staaten abhanden gekommen, die in den Mini-Welten geruhsam weiterleben.
Frau Rebettge-Schneider zeigt den DDR-Naschkatzen-Kaufmannsladen. Genau diese Zutaten befinden sich auch in unserem Waldkaufhaus.
Wir sind damals durch die ganze Republik gereist, um die schönsten Details zu finden, angefangen vom Lauschaer Mini-Glassatz bis hin zum Babyhochstühlchen war alles da, auch Weihnachtsgestecke und Tannenbäumchen. Ich kann jetzt nicht mehr so genau sagen, welche Details schwieriger zu finden bzw. mehr Kraft gekostet haben.
Beide Häuser sind Jahrgang 1977, also 35 Jahre alt. Leider ist im Foto von der Puppenstube nicht viel zu sehen. Das schönste Zimmer ist das Bad (links vorn) mit funktionierendem Wasserboiler. Nicht immer blieb da alles trocken.
Dahinter liegt die Küche mit Schachbrettmuster im Fußboden, mit Spüle, allen möglichen Küchengeräten und Mini-Bestecken.
Die „gute Stube“ hat genau die Sitzgarnitur wie in der Sammlung von Frau Steffi (50-er Jahre-Stil). Dazu gab es noch bemalte Bauernschränke und Kommoden. Die Lampen hat Rainer in jedem Zimmer angebracht und natürlich elektrifiziert. Das sieht abends romantisch aus.
Das Schlafzimmer hatte neben den Ehebetten noch ein Doppelstockbett für die Kinder. Die Terrasse war als Hausgarten angelegt, mit Pflanzen, Schaukel, Sonnenschirm und Gartenmöbeln.
Erst ein Jahr später erhielten wir eine Zweieinhalb-Raum-Wohnung in der Ulan-Bator-Straße, im 4. Stock. Dachgarten oder Terrasse gab es da natürlich nicht, aber wir haben 1981 noch einen Schrebergarten bekommen.
Glück ist etwas, das man selbst gestaltet; andere tun es nicht.
In diesem Sinne hinein in die Traum-Miniwelten. Es kann nicht schaden, denn gespielt wurde seit es Kinder gibt, und es wird auch nie aufhören.
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1 Kommentar
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Hannelore Grünler aus Artern | 15.07.2012 | 21:30  
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