Mittag mit Ausblick in den Patientengarten

(Letzter Teil von meinen Krankenhaus-Gedanken)

Martchen und ich sitzen erstmals am Tisch und genießen die Aussicht in den Patientengarten . Die Sonne scheint! Kurze Visite! Der Doktor mahnt an, ich muss mehr trinken.
Eine Reha-Kur ist angedacht, aber Konkretes steht noch nicht fest.
Vormittags beantworte ich Post von der Autorin Sylvia Weigelt und Frau L. vom Frauenzentrum. Die Projekttermine 2013 müssen abgesprochen werden. Im Februar muss ich pausieren. Am liebsten stopfe ich aber meine Träume in die Himmelslöcher, dabei habe ich so ein richtig gutes Gefühl. Heute laufen die Sternsinger durch alle Etagen und segnen sie. An den Türen steht jetzt „20+C+M+B+13.“ Das soll heißen: Christos manisonem benefikat – Gott segne dieses Haus.“
Herr M. wird heute entlassen und geht mit seiner Frau zur Reha nach Bad Liebenstein. Es bleibt uns noch Zeit für Gespräche:
Träumer und Techniker, passen manchmal zusammen, manchmal auch nicht. Bei einem Abschied fehlen oft die richtigen Worte. Alles Gute wünschen wir uns, das ist doch klar, aber sonst? In Alach und Kerspleben warten Schulklassen sehnsüchtig auf ihren Schachunterricht. Herr M. ist in einem Schachverein, der diese Kinder fördert. Es ist wichtig, sich im Alter Ziele zu setzen. Sich selbst fördern, baut der gefürchteten Demenz vor.
Im Zimmer 72 hatte ich es mit echten Grenzfällen zu tun. Frau R., Mitte 50, kommt heute in die Psychiatrie. Sie hatte manive Suizidgedanken. Martchen geht zurück in ihr Pflegeheim. Heute ist sie vom Einpackfieber geplagt. „Ist das hier mein Hemd? Ein Handtuch fehlt. Wo ist denn jetzt…“ Sie hält mich in Trapp.
Meine Nierenwerte haben sich durch den Einsatz eines Kontrastmittels für den Herzkatheder verschlechtert, meint Dr. Schmidt bei der Visite. Fräulein K. hat ihre Tabletten in die Tasche geschüttet und lächelt süß. Da kann sie die Tabletten ja nicht schlucken. Das scheint sie sehr zu erleichtern.
Heute laufe ich aber immer und immer wieder Herrn M. und seiner Frau über den Weg. Als Bau-Ingenieur hat er mir die Architektur des Hauses erklärt, vor allem, was ihn an der Glas-Apsis in der Kapelle besonders gut gefällt. Aber es gibt auch noch andere, unauffällige Begleiter in meinem Krankenzimmer, nämlich die „Steinbeißer.“ Ein 6-füßiges Untier soll meinen Rollstuhl anknabbern. Martchen K. ist ganz aufgeregt. „Wie schnell sich das Tier bewegt!“ Jetzt ist es schon an der Lehne! Auch wenn ich gar nichts sehen kann, schreite ich zur Tat und werfe den Steinbeißer in die Toilette. Leider beruhigt sich Martchen nicht. Sie verweigert die Tabletten und das Essen. Nudeln und Tomatensoße landen auf meinem Bett. „Weil ich immer mache, was der Arzt will“, meint Martha erbost. Die alte Dame aus dem Seniorenheim „Steigerwald“ ist angriffslustig.
Heute rennt hier jeder rum. Frau M. kauft Blumen für die Schwestern. Meine eigenen Sehnsüchte gehen auf Null zu. Zum Abschied soll ich doch jetzt einfach mal Fräulein Martha zuhören. Es steht fest, wir räumen heute beide das Zimmer.
Marthas Liebe
Das ältere Fräulein ist Jahrgang 1926 und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Meinigen. 1933 verstarb ihre Mutter und sie kam zu einer Pflegestelle: Mutter, Großmutter, Sohn. Sie alle führten eine kleine Pension. Es gab viel zu tun. Als der Sohn mit 17 Jahren als Volkssturmmann ums Leben kam, hinterließ er eine verzweifelte Mutter. Mit ebenfalls 17 lernte Martha einen netten Soldaten kennen. So lange er in Meinigen war, gingen sie in ihrer Freizeit spazieren oder ins Kino. Dann musste er an die Front und ist in Stalingrad „gefallen“, wie es damals hieß. Nach dem Krieg waren die Männer knapp. Es ist ihr nicht mehr gelungen, einen guten Ehemann zu finden. „Im Grunde hatte ich doch gar keine Chance, die Männer waren doch alle tot“, ihre Stimme klingt bitter.

Wie oft habe ich solche Geschichten von der Kriegsgeneration gehört. Maria von Wedemeyer, die Braut von Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, blieb einsam zurück und mit ihr hunderte von Frauen. Der Krieg hatte sie um ihr Lebensglück gebracht, als Trümmerfrauen fristeten sie das Dasein.
Der II. Weltkrieg liegt schon 68 Jahre zurück, der Afghanistan-Krieg ist 12 Jahre alt und immer noch hat Europa nur einen Entwurf: „Krieg und Militäreinsätze, koste es was es wolle!“
Im Rathaus, im Alten Archiv, führte ich 2011/2012 Schulklassen durch eine Holocaust-Ausstellung. „In welchem Krieg bist du denn geboren“, fragte mich eine 10-Jährige und fuhr fort: „Ich bin nur ein Jahr jünger als der Afghanistan-Krieg. Ich stand neben meinem Onkel, als er von einem NATO-Soldaten erschossen wurde.“ Was die Kinder vom Töten erzählten, völlig emotionslos, machte mich sehr betroffen. Mit kriegsähnlichen Ereignissen kam ich als junges Mädchen erstmalig im August 1968 im „Prager Frühling“ in Berührung. Es wurde mir schlagartig klar, mit Panzern kann weder Demokratie noch Frieden erhalten werden. Ich meldete mich freiwillig, um verwundete Vietnam-Soldaten zu pflegen. Die Napalm-Verletzungen waren schwierig zu behandeln, weil sie Verbrennungen gleich kamen.
Im Ex-Jugoslawien-Krieg 1999 brachten wir insgesamt sieben Hilfskonvois in das Kosovo, in Serbien, in Städte wie Kovin u.a. Ein Notstromaggregat kam in eine Frauenklinik in Belgrad. Die Frauen lagen von Splitterbomben durchlöchert neben ihren toten Babys, die zum Teil nur halb geboren waren, in den Betten. Mein Herz ist schwach geworden und ich leide an Alpträumen.
Ich werde eine Reha in Bad Kösen bis 11. Februar antreten. Was soll ich hoffen, was kann ich hoffen?
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