Münzen oder Scheine: Das Thüringer Rummel-Barometer zum Oktoberfest in Erfurt

Domplatz mit Riesenrad: Familie Oscar Bruch jr. stellt das Wahrzeichen des Erfurter Oktoberfestes. Zum zweiten Mal nach 2014 ist das Schausteller-Unternehmen mit seinem "Wheel of Vision"hier zu Gast. Das Riesenrad in Erfurt überragt das Münchner sogar um fünf Meter. Das Erfurter Oktoberfest geht noch bis zum 9. Oktober. (Foto: Hans P. Szyszka)
 
Dirk Kirchner (48 / links) und Michael Bang (53) beim Volksfest auf dem Platz der Deutschen Einheit in Suhl. Foto: Th. Gräser
 
Auf dem Rollplatz zum Zwiebelmarkt in Weimar.
  Suhl: Platz der deutschen Einheit |

Wieso Schausteller in die Portemonnaies der Volksfestbesucher schauen können und woher der Optimismus im Berufsstand stammt – Dirk Kirchner und Michael Bang klären auf




Mit dem Eisenacher ­Sommergewinn starten die Thüringer Schau­steller in ihre ­Saison.In Deutschland soll laut Deutscher Schaustellerbund die Zahl der Volksfeste in den vergangenen zehn Jahren um 25 Prozent geschrumpft sein. ­Momentan werden noch etwa 10 000 Volksfeste ausgerichtet. Grund genug, sich in Thüringen umzuhören. A­­A-Redakteur ­Thomas Gräser plauderte mit Dirk Kirchner, 1. Vorsitzender vom Thüringer Verband reisender Schau­steller, und Michael Bang, 1. Vorsitzender vom Schaustellerfachverband ­Thüringen.



Hand aufs Herz: Schausteller = Traumberuf?
Kirchner: Was heißt Traumberuf? Ich bin von Kind auf dabei, also familiär reingewachsen.
Bang: Ja, mein Traumberuf.

Wie ist die Situation der Thüringer Schausteller?
Bang: Heute mistig, es regnet ja.
Kirchner: Uns geht’s nicht schlecht. Wir finden noch gutbesuchte Volksfeste vor. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern.
Bang: Die meisten Unternehmen haben eine lange Tradition – bis ins 18. Jahrhundert zurück. Und uns ist keiner bekannt der gesagt hat: Ich muss jetzt aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben. Wir haben auch den Vorteil von 40 Jahren DDR. Da haben wir aus Nichts was gemacht.
Kirchner: Und so ist das heute auch. Man muss sich was einfallen lassen und dann geht’s weiter. Da die Branche zwei Weltkriege und die DDR überlebt hat, wird sie auch nicht untergehen. Egal, ob uns Regierung oder EU strangulieren.

Was hat sich seit DDR-Zeit für Sie verändert?
Kirchner: Der Konkurrenzkampf ist stärker. Die Neben­kosten sind in die Höhe geschossen.
Bang: Fast jeder Schaustellerbetrieb hat nach der Wende Haus und Hof verpfändet als Sicherheiten für Kredite, um zu investieren. Also, mein Haus ist wieder frei. Mir geht es wieder besser.

Was wünschen Sie sich und wo liegen Ihre Haupt­probleme?
Kirchner: Die neue EU-DIN-Norm macht uns Sorgen. Da ist momentan Stillstand, trotz oder wegen unserer Ein­sprüche. Die Frage stellt sich uns: Warum hat Deutschland den Bestandsschutz für ältere Fahrgeschäfte herausge­nommen und andere Länder nicht. Die Statistiken weisen kaum Unfälle aus.
Bang: Die Lebensmittelüberwachung kommt auf jedes Volksfest. Die Geschäfte werden jede Woche oder aller 14 Tage kontrolliert. So ist es auch mit dem TÜV und den Bauabnahmen und der Kontrolle der Bücher. Das ist ein ständiger Kreislauf. Die Kontrollen in Gaststätten und anderen Häusern sind da wohl behördlicherseits laxer. Wir sind doch selber daran interessiert, dass nichts passiert.
Kirchner: Wir nutzen den Winter, um alles zu kontrol­lieren, neu und sicher zu machen.

Schaustellerverbände treten an, um Volksfest zu ­er­halten, zu retten. Wie?

Kirchner: Als Verband suchen wir das Gespräch in städtischen Ämtern. Viele Orte können sich in Anbetracht leerer Kassen kein Volksfest mehr leisten. Dann schlagen wir vor: Das würden wir übernehmen für die Stadt. Wir entrichten eine Summe X für den Platz, organisieren Werbung, Sicherheit und Feuerwerk. Und veranstalten das Fest auf unsere Kosten.
Bang: So können Volksfeste gerettet werden. Große Städte ver­richten ihre Großveranstaltung aber in Eigenregie.

Gibt es überhaupt noch Fahrgeschäfte, Schieß- und Losbuden auf der kleinen Kirmes?
Kirchner: Viele gehen wieder zurück auf kleine Volks­feste und Kirmes. Da sind die Kosten nicht so hoch. Ab 5000 Einwohner kann sich das schon lohnen. Wie in Herbsleben, Büßleben oder Stotterheim.

Welche skurrilen bürokratischen Hürden gibt es noch?
Bang: Mit den Städten, mit ­denen wir zusammenarbeiten, wie Saalfeld, Suhl, Arnstadt, Alten­burg gibt es keine Probleme. Und ein Führungszeugnis reicht man halt nach.

Ist der Mindestlohn ein Thema?
Kirchner: Nein. Wer Aushilfen beschäftigt, hat auch vor dem Mindestlohn mehr bezahlt. Sonst hätte keiner die Arbeiten gemacht.
Bang: Die ständige Dokumentation nervt.

Haben Sie Nachwuchs­sorgen?
Kirchner: Nein. Wenn ich mich auf den Festplätzen umschaue, haben wir ­genügend Nachwuchs. Mein Sohn ist schon kräftig mit dabei. Unsere Geschäfte bleiben in Familienhand.

Höher, schneller, weiter, verrückter… Immer mehr Action auf den größten Plätzen. Nehmen die Ihnen Publikum weg?
Kirchner: Keinesfalls. Es ist auch stadtbedingt. Suhl ist ein Familienfest. Wer hier etwas Verrücktes hinstellt, der verhungert.

Sie als Schausteller scannen also die Gegebenheiten im ­Vorfeld?

Bang: Das sind Erfahrungen.
Kirchner: Wir wissen, dort brauchen wir Attraktionen, hier können wir den Ball flach halten. So ist das Publikum in Arnstadt voll gemischt. Da kommt abends viel Jugend. Da sorgen wir für ein buntes Flair an Fahrgeschäften.

Die Schaustellerei erfordert also viel mehr?
Kirchner: Da muss man sich in den Städten kundig machen. Wie ist die Kaufkraft, wie sind die Leute drauf? Wie ist das Umfeld, was ist bei der Sicherheit zu beachten? Wir reden im Vorfeld mit der Polizei, mit dem Ordnungsamt. Im Hintergrund läuft da einiges.
Bang: Und wir können den Besuchern ins Portemonnaie schauen und fest­stellen, ob es Monatsanfang oder -ende ist – viel Kleingeld oder Scheine. Sozusagen ein ­finanzielles Barometer auf dem Rummel.

Mindern Freizeitparks Ihre Einnahmen?
Bang: Die Tendenz geht wieder zum regionalen Platz. Die Menschen können wieder rechnen. Für das Geld, was sie dort ausgegeben haben, können sie uns vor der Haustür mehrfach besuchen.
Kirchner: Und sie können auch was mitnehmen. So ein besonderes Plüschtier von der Losbude oder am Glücksrad.

Wie viele Volksfest-Termine stehen in Ihren Jahres­kalendern?
Kirchner: Zwischen 15 und 20.

Fährt ein Schausteller eigent­lich noch Walzerbahn, ­Kettenkarussell, Achterbahn, Riesenrad, Auto­skooter oder Spinne?
Kirchner: Das ist eher weniger geworden. Bis vor zehn Jahren haben wir alles mitgenommen. Heute drehen wir höchstens noch Ehrenrunden mit den Bürgermeistern.

Was macht ein Schausteller im Winter?
Kirchner: Bis 22. Dezember stehen wir auf Weihnachtsmärkten. Danach ist meistens eine Woche Ruhe. Und dann startet schon die neue Planung, Preise für Nebenkosten recherchieren, Verhandlungen führen, Verträge schreiben, Instandhaltungen.

Wie lange stehen Sie in der Regel auf einem Festplatz?
Kirchner: Es gibt Feste, die dauern 16 Tage, andere gehen zehn oder drei bis vier Tage.

Ist Sesshaftigkeit ein Fremdwort für Sie?
Kirchner: Das haben wir im Winter. Kontakt zu Freunden gibt es aber auch im Sommer. Ende Oktober bis März sind wir öfter zu Hause anzu­treffen.

Und im Frühjahr zuckt der Reisefinger?
Kirchner: Sobald die ersten Sonnenstrahlen kommen, will man wieder raus, auf Kollegen und Publikum treffen.

Also für immer sesshaft zu werden wäre…?
Kirchner:: ...nicht in meinem Sinn. Ein bisschen raus ins Thüringer Land muss man schon.

Wie sieht ein typischer ­Tagesablauf aus?
Kirchner: Wir sind mit Wohnwagen vor Ort. Morgens aufstehen, Kaffee trinken. Danach Kontrolle der Fahrgeschäfte, abschmieren, putzen. Um 14 Uhr eröffnet der Rummel. Oder man fährt vormittags schnell mal nach Hause, erledigt Behörden­gänge, Besorgungen und Post.

Wird vor Ort gekocht oder tut es auch Fast Food?

Kirchner: Nee, nee. Unsere Frauen kochen.
Bang: Wir haben alles dabei: einen Herd, eine Badewanne und die Toilette.

Also kein Leben aus dem Koffer?
Bang: Nein, wir sind doch ­keine Urlauber auf Campingtour. Wir sind schließlich auf 40 bis 60 Rädern unterwegs.
Kirchner: Wir haben Fern­sehen und Internet an Bord.

Und Haustiere?
Bang: Mein Dackel ist immer mit dabei.
Kirchner: In unserer „Wagenburg“ gibt es viele Hunde.

Wie lange dauert denn ein Aufbau?

Bang: Vier bis fünf Stunden.
Kirchner: Bei mir dauert es etwas länger. Wir fangen um acht Uhr an und sind 19 Uhr fertig. Aber alles ohne Hektik mit Mittagspause und Kaffeetrinken.

Wie viele fassen mit an?
Kirchner: Wir sind stets zu dritt. Soweit es geht macht das die Familie.
Bang: Dreimal Familie fasst an.

Wann machen Sie Urlaub?
Bang: Urlaub machen wir immer, aber nicht jedes Jahr. Mein letzter ist drei Jahre her. Es kommt immer darauf an: Wie ist Saison gelaufen, ist der Winter kurz? Vergangenen Winter waren wir nur zwei Monate zu Hause.

Mussten Sie bei den Weihnachtsmärkten zulegen?
Bang: Wir beide bedienen den Erfurter Weihnachtsmarkt seit DDR-Zeiten schon. Die meisten von uns bauen sich ihre Jahrestour zusammen, haben enge Verbindungen zu den einzelnen Städten, gehören zur Stammbe­schickung: Kinderkarussells, Los- und Schießbude. Die großen Attraktionen werden oft gewechselt: Riesenrad, Wildwasserbahn.

Das klingt alles sehr optimistisch. Zukunftssorgen kennen Sie wohl nicht?

Kirchner: Nein, solange haben wir ja nicht mehr. (Lacht). Im Ernst: Es ging immer alles weiter. Es gibt Höhen und ­Tiefen. Meine Eltern haben stets gesagt: Es gibt sieben gute ­Jahren und danach folgen sieben schlechte Jahre. Und da muss man aufpassen, sich in den guten Jahren etwas für schlechte Zeiten zurücklegen.


Hintergrund

• Bundesweit existieren rund 4950 Schausteller­betriebe mit etwa ­
23 000 Beschäftigten. Der Jahresumsatz liegt bei 3,7 Milliarden Euro.
• Pro Jahr kommen etwa 148 Millionen Besucher zu Volksfesten und weitere ­
85 Millionen zu den Weihnachts­märkten.
• In Thüringen gibt es 80 bis 90 Schaustellerfamilien.
• Der Thüringer Schau­stellerfachverband hat 140 Volksfeste und 70 Weihnachtsmärkte in seinem Kalender gelistet.

Inform@tionen

www.schausteller-fach­verband.de
www.thueringer-verband-­reisender-schausteller.de
www.tsv-ev.de
Deutscher Schaustellerbund
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17 Kommentare
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 15.07.2016 | 18:13  
Thomas Gräser aus Erfurt | 15.07.2016 | 18:17  
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 15.07.2016 | 18:47  
Thomas Gräser aus Erfurt | 15.07.2016 | 20:01  
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Renate Jung aus Erfurt | 16.07.2016 | 09:40  
Thomas Gräser aus Erfurt | 16.07.2016 | 11:34  
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 17.07.2016 | 09:34  
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