Nicht gejammert - Matthias Reim spricht über sein Comeback nach der Insolvenz

Matthias Reim: "Ich habe die ganze Scheiße hinter mir. Und jetzt komme ich nochmal." (Foto: www.matthiasreim.net)
 
"Eine Ballade über eine Steuererklärung interessiert niemanden." (Foto: www.matthiasreim.net)
 
"Ich habe nicht ständig gejammert: Oh, das schöne Geld." (Foto: www.matthiasreim.net)
 
"Ich habe gelernt, dass man bestimmte Verantwortung einfach nicht abgeben kann." (Foto: www.matthiasreim.net)
AA-Redakteur Michael Steinfeld sprach mit Matthias Reim über sein aktuelles Album, sein neues Buch, seine durchlebte Insolvenz und den Neubeginn.

Ihr aktuelles Album, mit dem Sie auch nach Erfurt kommen, heißt „Sieben Leben“. Wann haben Sie Ihre sechs bisherigen Leben verwirkt?
Das sechste Leben endete mit dem Ende meiner Insolvenz. Dann fing mein siebtes, mein bisher glücklichstes, stabilstes, erfolgreichste und hoffentlich längstes an. Sieben ist ja auch eine Glückzahl.


Auf das Album haben Sie Ihre Fans vier Jahre warten lassen. Sie haben mal gesagt: Sie hatten die CD schon zweimal fertig, fanden sie aber doof. Was fehlte denn?
Meine Songs. Irgendwie waren die Antennen zum Himmel gestört, auch durch die vielen Probleme, die ich hatte. Ich hatte das Album fertig und es war so schlecht, dass ich mich geweigert hatte, es zu veröffentlichen. Ich habe gesagt: Sorry, offensichtlich fällt mir im Moment nichts ein. Das war auch so. Ich kopierte nur anderes, war gar nicht mehr ich selber.

Das hörte Gott sei Dank schlagartig auf, als ich meine Finanzprobleme los war. Zwei Wochen später bin ich ins Studio gegangen und habe Songs schreiben können wie „Du bist mein Glück groß wie ein Planet“, der einer meiner erfolgreichsten Songs der letzten 16 Jahre ist. Plötzlich lief alles wie geschmiert. Ich hatte Themen, konnte voller Stolz schreiben. Mir ging es wieder gut. Ich musste mich nicht mehr verneigen, nicht mehr auf die Knie gehen. Ich kann aufrecht gehen. Ich habe die ganze Scheiße hinter mir. Und jetzt komme ich nochmal. Das war das Grundgefühl, voller Optimismus.


Sie schreiben Ihre Texte zum großen Teil selbst. Fast jedes Lied Ihrer neuen CD dreht sich um die Liebe. Ein großes Thema für Sie?
Um emotionale Schräglagen zu beschreiben, kann man immer die Liebe hinzuziehen. Wir arbeiten mit Dur und Moll und Stimmungen. Eine Ballade über eine Steuererklärung interessiert niemanden.

Ich spiele mit den Themen, die wir nicht steuern können, wo unsere Vernunft aussetzt, denen wir hilflos ausgeliefert sind. Wir sehen uns nach Liebe, da können wir noch so reich oder arm sein. Liebe können wir weder kaufen, noch verkaufen, noch wegschieben, noch medikamentös behandeln. Sie ist ein Teil von uns. Und diese Art von Geschichten mit Musik zu verpacken und zu erzählen, ist das, was ich am allerliebsten mache.


Texte über die Liebe zu schreiben, das kann schnell kitschig klingen. Haben Sie eine innere Kitschgrenze, die nicht überschritten werden darf?
Den Satz „Ich liebe dich“ kann man so oder so schreiben, interpretieren und einpacken. Ich verweigere mich, banal zu werden - auch bei einer Ballade wie „Warum so“, die durchaus eine traurige Geschichte erzählt, aber diese typische Situation, die jeder kennt. Wenn der andere nicht mehr ans Telefon geht. Das hat jeder schon mal erlebt. Jeder weiß, egal ob er sich besäuft oder was auch immer macht: Du kannst dich davon nicht ablenken. Du musst da durch. Das sind die spannensten Geschichten im Leben.

Alles andere: Ob man sich ein neues Auto kauft oder in den Urlaub fährt, das sind keine Themen für mich. Die machen mir keinen Spaß, denn ich kann keine Geschichte erzählen und kann mich nicht reiben an der unvernünftigsten Form aller Emotionen.


Sie sind jetzt seit einem Jahr schuldenfrei. Wie gut fühlt sich das an?
Ich bin neu geboren. Ich hätte nicht gedacht, dass mich das so beeinflusst. Ich habe diese zehn Jahre, die es mich insgesamt gekostet hat, durchgestanden. Ich habe mich immer auf das konzentriert, was an Gutem in meinem Leben kam. Ich habe nicht ständig gejammert: Oh, das schöne Geld. Ich spiele schon wieder 100 Konzerte für den Insolvenzberater. Dass es mich bedrückt hat, ist völlig klar. Ich habe so unterbewusste Mechanismen in Gang gesetzt, so gut wie möglich damit zu leben.


Ihr Insolvenzberater nahm Ihnen alles ab: das Geld, aber auch die Sorgen mit dem Gerichtsvollzieher. Wie war Ihr Verhältnis zu ihm in der Zeit? Wie heute? Haben Sie noch Kontakt?
Am Anfang ist es sehr unangenehm. Man muss die Hosen ausziehen. Das sind gut ausgebildete Leute. Mit dem Hintergedanken „Mal gucken, wie ich den bescheißen kann“ brauchst du gar nicht erst rauszugehen. Das funktioniert nicht. Ich kann ohnehin unheimlich schlecht lügen. Also, es hatte gar keinen Zweck.

So nach zwei drei Jahren war es kein freundschaftliches Verhältnis, aber gegenseitiger Respekt. Man redet nach zwei drei Jahren ganz anders miteinander als in den ersten Wochen. Da musste man durch und ich kann nur jedem sagen: Das ist nicht angenehm.


Sie gehen sehr offen mit Ihrem Bankrott um, werden in Interviews ständig darauf angesprochen. Ist Ihr neues Buch „Verdammt ich leb noch“ eine Abrechnung mit Ihrem damaligen Manager, dem Sie die Schuld an Ihrer Pleite geben?
Ja, aber es ist vor allem eine Abrechnung mit mir selber. Wie ich mit solcher Naivität in eine solche Situation gekommen bin. Wenn jemand das Buch liest: Es geht ja nicht nur um Insolvenz, sondern um ein richtig aufregendes Leben von „Verdammt ich lieb dich“ bis heute.

Ich habe das Buch aus der Position des Happy-Ends geschrieben. Deswegen ist es ein fast schon fröhliches Buch, mit einem Augenzwinkern. Und ständig jemandem Vorwürfe zu machen, hat ja auch keinen Sinn. Natürlich mache ich ihm Vorwürfe. Aber erst einmal muss ich mir den Schuh anziehen und fragen: Wie kann man nur so naiv sein? Jemandem alles, was man hat, anzuvertrauen und zu fragen: "Kannst du das bitte sicher für mich anlegen?" Und dann nicht mehr nachzufragen. Das war dumm und ich habe dafür eine unglaubliche Quittung gekriegt.


Wie bescheiden war Ihr Leben in der Zeit der Insolvenz?
Mein wohlhabender Bruder kam zu mir und sagte: Ich bau dir ein Haus. Ich bau dir ein Studio. Ich gebe dir alles, was du brauchst, Hauptsache du gibst nicht auf. Dadurch habe ich das selber nicht gespürt. Ich musste nicht mit dem Fahrrad zum Konzert fahren, sondern konnte ein Flugzeug nehmen. Ich habe immer im anständigen Hotel übernachtet und konnte mich an meiner Arbeit erfreuen. Ich konnte mich auf die Konzerte freuen, das war alles o.k. Ich durfte nur nicht auf der Bühne stehen und sagen: Heute verdiene ich Geld, sondern heute verdiene ich mir Respekt. Heute bringe ich 50 Leute dazu, die zum Schnuppern gekommen sind, die nächsten zehn Jahre in jedes Konzert zu kommen.

So habe ich das gesehen und einfach genossen, den schönsten Beruf der Welt machen zu dürfen. Und das Schritt für Schritt wieder erfolgreicher.


Haben Sie sich für das Buch an Episoden aus Ihrem Leben erinnert, die Sie eigentlich verdrängen wollten?
Wenn man sich aus der Position des Happy Ends erinnert, ist das teilweise witzig. Zum Beispiel dieses legendäre Open-Air-Konzert in Dresden, wo wirklich zwölf Leute hockten. Das hatte ich wirklich vergessen. Das ist mir während des Schreibens eingefallen. Das musste ich wirklich drüber schmunzeln. Wenn ich mir heute vorstelle, so unterzugehen, da darf ich gar nicht drüber nachdenken.
Ich habe es überlebt und es hat stattgefunden. Das hatte ich verdrängt. Das hatte ich aus meinem Gehirn verbannt. Man kann es mit einem Augenzwinkern und Grinsen erzählen.


Eine Katze hat sieben Leben. Es wäre also auch für Sie das letzte. Glauben Sie, dass Sie noch einmal in so einen Schlamassel geraten können?
Also ganz ehrlich, wenn ich nicht daraus gelernt hätte, müsste man mich einweisen. Man kann noch so doof oder verträumt sein oder jenseits aller Realitäten leben, wenn jemand aus so einer Nummer nichts lernt, ist er für mich indiskutabel. Ich habe gelernt, dass man bestimmte Verantwortung einfach nicht abgeben kann.

Wenn man Geld verdient, sollte man auf sich und sein Herz hören. Die alten Traditionen bewahren: Lieber das Geld in den Sparstrumpf als irgendwo anlegen lassen. Wenn ich wieder Geld verdiene und etwas übrig bleibt, dann will ich mich mit meinem kleinen Arsch draufsetzen und sagen das habe ich.


Sie gehen ganz offen mit dem Thema um. Andere könnten sich vielleicht schämen, über so ein Thema zu reden. Haben Sie sich auch geschämt?
Ich habe mich geschämt, als es so öffentlich wurde. Und dass man es eigentlich nicht erklären konnte, weil es schon sehr komplex war. Es tat mir nur leid, dass meine Eltern, die in einer Kleinstadt leben, drauf angesprochen wurden, was man in Bild und Bunte an Schlagzeilen gelesen hat. Das war schon unangenehm. Ich selber hatte keinen Grund, mich zu schämen, denn ich hatte es nicht verbockt. In meiner Gutgläubigkeit habe ich ein paar Sachen unterschrieben. Ich bin keinem normalen Menschen etwas schuldig geblieben und kann aufrecht gehen. Am Ende waren es Banken, die Kreditverträge unterschrieben haben, mich nie gesehen haben. Geschweige denn, mit mir gesprochen. Sie haben sich eine Generalvollmacht genommen und alle haben sich die Hände gerieben und gesagt: Jetzt verdienen wir uns dumm und dämlich an dem.

Das ganze ist passiert. Das kriege ich nie wieder weg. Ich schäme mich schon für meine Naivität. Ich war Musiker und Superstar und hatte andere Sachen im Kopf.


Sie spielen in großen Hallen. Auf Mallorca, wo sie leben, spielen Sie auch kleine Kneipenauftritte vor angeheiterten Urlaubern.
Ab und zu mache ich eine kleine Mitternachtsshow. Ganz ehrlich: Ich freue mich jedes Jahr drauf. Das sind Begegnungen, die kriegst du sonst nirgendwo. Jede Woche sind da 3000 neue Menschen. Ich muss den Ort nicht wechseln. Ich fahre von zu Hause 20 Minuten da hin, habe zwei Stunden einen Riesenspaß, weil ich auch gerne mit den Leuten ein Bierchen trinke und über Gott und die Welt plaudere. Ich bekomme einen Bezug zur musikalischen Realität des deutschen Schlagers.

Das Bild, das die Menschen von El Arenal auf Mallorca haben – diese Sangria-Eimer saufenden Vollidioten – denen bin ich noch nicht begegnet.


Als es stiller um sie geworden ist, haben Sie im Osten Ihre Fans gefunden und hier Konzerte gegeben.
Die haben mir den Arsch gerettet. Anfang 2000 waren die Sachsen, die Thüringer und die Brandenburger eine völlig neue Generation, die in meine Konzerte gegangen ist. Ich war fassungslos erstaunt, wie viele junge Menschen meine Musik kennen und hören wollen.


Wie kamen die gerade auf Sie?
Das habe ich mich auch immer gefragt. Keine Ahnung. Irgendwie hat sich das so durchgesetzt – ohne Hit. Die kamen wegen den Geschichten, die ich erzähle über völlig normale Menschen mit völlig normalen Emotionen. Und dass gerade ich die Geschichte erzähle. Ich bin ja der coolste Typ...


Natürlich....
...dass so eine coole Sau untergehen kann. "Ich hatte mal ein Haus, ich lebte echt in Saus und Braus." Das haben die geliebt.


Sie versprechen bei Ihren Konzerten, Ihre größten Hits zu spielen. Können Sie „Verdammt', ich lieb dich“ noch hören?
Mich können alle totschlagen, aber ich liebe diesen Song und bin auch stolz darauf. Meine Songs sind alle älter geworden. Aber „Verdammt', Ich lieb dich“ ist zeitlos. Ich spiele in meistens am Ende des Konzertes. Ich fange an „Ich ziehe durch die Straßen bis nach Mitternacht“ und lege das Mikrofon hin. Ich brauche nichts mehr machen. Ob dass die Fünfjährige ist, ihre Oma oder der 25-jährige Muckibuden-Fetischist – die stehen alle da und feiern zusammen. Und keiner schämt sich für diese Freude.


Zu „Verdammt', ich lieb dich“ habe ich eine schöne Erinnerung. Ich hatte kurz zuvor einen CD-Player geschenkt bekommen. Das Album „Reim“ war meine erste selbst gekaufte CD. Wissen Sie noch, von welchem Künstler Ihre erste CD war?
Da Kann ich mich nicht mehr daran erinnern. Meine erste Platte war von "Black Sabbath". Jeder erinnert sich an sein erstes Album. Ich habe meins gehütet wie einen Schatz. Ich bin der größte Ozzy-Osbourne-Fan in ganz Deutschland.


Und klauen bei ihm auch gerne ein bisschen. Ein Stück ihrer neuen CD klingt verdächtig nach "Dreamer".
Ich gebe zu, ich lasse mich beeinflussen. Die Form, wie der Melodien baut, mag ich. Wenn man einen ähnlichen Song auf deutsch machen kann, der nicht lächerlich ist, geht doch auch. Auch auf Deutsch kann man Rockballaden machen, die einen Text haben, wo man zuhört und sagt: Es ist 'ne geile Nummer. Es geht doch.

Wir müssen nicht alle über Sonnenuntergänge auf irgendwelchen dämlichen Südseeinseln singen. Es gibt so viele Geschichten aus dem emotionalen Alltag. Das ist, was ich leidenschaftlich gerne mache und was mein Publikum von mir erwartet: Erzähl uns unsere Geschichte.
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3 Kommentare
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Gerald Kohl aus Erfurt | 21.04.2011 | 00:11  
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 22.04.2011 | 03:00  
13.445
Uwe Zerbst aus Gotha | 28.04.2011 | 09:43  
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