Olm auf Kuschelkurs

Hans Werner Olm ist einer der bekanntesten Komiker in Deutschland. Mit seinem neuen Bühnenprogramm „Kuschelkurs“ ist er nun auf Tour und macht auch Halt in Thüringen. AA-Autorin Melanie Lal sprach mit ihm über Selbstzweifel und das Älterwerden.

30 Jahre auf Tour, mit dem 17. Bühnenprogramm unterwegs. Und jetzt mit 58 Jahren werden Sie plötzlich kuschelig?
Ältere Männer werden sentimental. Sie werden immer leicht weinerlich, weil sie denken, dass sie etwas verpasst haben. Dabei haben sie nichts verpasst, sie haben nur zu sehr geprasst im Leben und denken: Irgendwas muss doch noch sein. Ich war immer hart drauf, habe immer ganz genau gesagt,  wo’s lang geht und bin manchmal auf Unverständnis gestoßen. Da dachte ich, dass da etwas mit den Leuten nicht stimmt oder mit mir. Vielleicht stimmt ja auch bei uns beiden alles. Nur man muss da eine andere ­Herangehensweise haben. Das heißt ich bin jetzt ein „Olm 3.0“ geworden, kuschelig, soft – und dass das nach hinten losgeht, ist natürlich vorausgesetzt bei einem wie mir. Also wer zu mir ins Programm kommt, hat den Wolf im Schafspelz. Klar, ich versuche alles gut zu machen, aber tapse dabei immer ins Fettnäpfchen.

Sie geraten ja richtig in Selbstzweifel, ob das jahrelange bewusste Anecken so richtig war. Sind Sie so harmoniebedürftig?

Ich glaube, diese Harmoniebedürftigkeit ist bei jedem Menschen vorhanden. Auch bei Leuten, die sich als „Raubein“ erweisen. Nur sie haben eine andere Herangehensweise, eine andere Sichtweise auf Dinge – die muss nicht falsch sein. Exoten hatten es immer schwer in der Gesellschaft weitzukommen. ­­Die haben erst im Nachhinein ihre Anerkennung erfahren. Es ist eine Art Selbst­reflexion: Habe ich alles richtig gemacht? Aber am Ende ­­habe ich alles richtig gemacht, weil ich ja damit sehr zufrieden bin. Und weil ich von meinem bisschen, was ich weiß gerne etwas weiter geben möchte. Zumindest Ansichten auf Dinge, die vielleicht etwas krumm sind oder um die Ecke gedacht, aber auch zu einem Ziel führen. Ich sehe, dass die Gesellschaft nicht so glücklich ist. Ob das jetzt Politiker sind, ob das Schauspieler sind oder die ganzen ‚Laufstegschwalbensternchen‘, die andauernd die Präsenz auf dem roten Teppich brauchen um vielleicht auch als etwas zu gelten. Und ich frage mich immer: Mensch was ist mit dir wenn man dich auszieht, dir alles wegnimmt und Sie ganz nackig dastehen – Was bleibt dann noch? Wer bist du? Wer bist du jetzt? Kannst du das erklären? Das heißt, wir machen uns ganz abhängig von Außen, von Komplimenten, stellen unser Ego zu sehr durch. Ich versuche auf diese Art und Weise zu sagen: Gucken Sie auf sich selbst, haben Sie doch eine eigene Meinung, machen Sie sich nicht abhängig von dem was man Ihnen sagt!

Sie sind ja berühmt für ihre Rollen: Luise Koschinsky, Paul Schraada. Sind die jetzt auch alle auf Kuschelkurs?
Nein, die Kuschinsky wird nächstes Jahr wieder mit dabei sein. Ich habe Sie angerufen. Die ist in Usbekistan, die hat da einen Ölscheich kennen gelernt, lebt sehr gut. Und sie sagt aber, dass sie wieder nach Deutschland muss. Das ist eine Sache, die erst nächstes Jahr für die Presse wichtig ist: Am 17. Mai kommt ein Buch von ihr raus. Und das heißt „Ein Pullover voll Frau“. Sie erzählt in 60 Geschichten ihren Werdegang, ihr Leben und wie sie so drauf ist. Das ist eine Hochliteraur, eine Wortgewalt, die dann über uns herschwappen wird. Und sie wird dann im Mai ihre eigene kleine Lesetour machen. Ich bin gerade an einer meiner neuen Homepage von mir dran. Da werden diese Typen und Figuren, die ich mache, besser zur Geltung kommen. Mit eigenen Beiträgen, so ein Blog sozusagen. Man muss, glaube ich, alle fünf bis sieben Jahre - vielleicht in Zwischenzeit noch viel schneller - mit der Zeit gehen. Man muss nicht jeden Scheiß mitmachen. Man muss auch immer überlegen: Bringt das was? Oder hat es einen Sinn? Ich möchte möglichst viele Menschen erreichen. Und in Erfurt war das immer in dem wunderschönen Saal, auch in Weimar war es hammermäßig. Ein supergutes Publikum. Deswegen freue ich mich total darauf. Aber, es gibt etwas neues zu sehen und mich neu zu entdecken. Ich bin gespannt, wie es funktioniert.

Wann erleben Sie die Episoden, die dann in ihrem Bühnenprogrammen landen?
Tagtäglich, wenn Sie mit offenen Augen durch’s Leben gehen, sehen Sie kleine Katastrophen. Wenn Menschen hektisch durch die Straßen rennen. Es geht ja bald wieder los in der Weihnachtszeit: Ein Geschenk, ein Geschenk, ich brauche noch ein Geschenk! Das brauchen Sie gar nicht! Nicht durch Geschenke, sondern einfach, dass Sie Sie selbst sind. Das hat ja Nena schon sehr gut gesungen „Liebe ist“. Das kann man sich nicht erkaufen und nach der suchen wir ja alle wie wahnsinnig, nur danach. Ist da da jemand, der mich so nimmt, wie ich bin? Und deswegen fallen einem sehr viele komische Sachen auf. Dass die auf der Straße immer hupen müssen, dass die nur noch über ihrem Handy hängen und sich in der virtuellen Welt versuchen zurecht zu finden, was ja ein Trugschluss ist. Der Daumen schmälert irgendwann ab, irgendwann haben Sie keine Fingerkuppel mehr – muss man auch aufpassen. Und alle, die so hin und her irren, ihr Ziel gar nicht kennen, nicht mal ihren Weg kennen – das ist problematisch. Deshalb möchte ich, um wieder auf mich zu sprechen zu kommen, ein bisschen Orientierungshilfe liefern. In Form von Geschichten eben. Erkenntnis, Selbsterkenntnis, junge Väter, diesen ganzen iPhone-Wahn. Ich habe natürlich auch viele schöne Liedchen mit im Gepäck und vielleicht bringe ich auch den ein oder anderen Klassiker und werde mit sehr viel Genuss und Entspannung auf jede Bühne treten. Egal wer kommt, ich denke die Leute, die kommen, die wollen auch gerne kommen. Und wer nicht so sicher ist, der kann auch zu Hause bleiben. Das ist mir auch egal. Mittlerweile bin ich so entspannt, dass alles schön ist, was man erleben kann. Vor allem, wenn man gesund ist.


Sie waren schon in Afghanistan und sind auch schon in einer JVA aufgetreten, das war wahrscheinlich nicht immer so kuschelig, nehme ich an?

Das war so warm und wärmend, wie ich es draußen in der Wildnis nicht bekomme. Warum? Weil diese Menschen natürlich defizitär leben. Die haben das alles nicht, was wir in unserem Wohlstand haben. In Afghanistan schon gar nicht. Das Land ist sehr arm. Das ist eine große Tragik, die da statt findet. Ich habe dort die Soldaten unterhalten, bei drei Aufritten in Masar-e Sharif und im Kunduz. Auch die Umstände, das Rumfahren im Panzerwagen, mit dem Flugzeug durch die Luft fliegen und im Sturzflug auf die Landebahn des Flughafens. Die machen das so, weil jederzeit vielleicht mit Raketen geschossen wird. Wenn man das mal hautnah erlebt, bekommt man eine andere Demut und sieht Dinge dann auch fröhlicher, sag ich mal.
Bei der Jugendstrafanstalt in Castrop-Rauxel habe ich ein Rockkonzert gegeben. Wenn Sie sehen, wie sich Leute freuen können, weil sie das nicht jeden Tag bekommen, dann bereichert das total. Also das ist anders, als wenn Sie ständig unterwegs sind und das Publikum auch schon professionell hantiert und gar nicht mehr emotional berührt wird, sondern einfach nur abfeiert und ihr Ding auslebt. Also das sind für mich mit die schönsten Auftritte. Es geht nicht um dass Geld oder Renommee. Sie sagen einfach nur: Ja, ich habe Bock darauf. Ich will für die Leute spielen. Das fordert einen auch total, weil das Publikum erkennt, dass Sie authentisch sind. Sie ziehen hier keine Show ab oder machen alles nur wegen der Presse.

Wenn es draußen ungemütlich wird und man sich in einer warmen Wohnung einkuschelt, sind Sie auf Tour. Passt das zusammen?
Das Kuschelige lernt man dann erst Wert zu schätzen. Wir haben alle unsere Zentralheizung, ballern die an, dann geht’s uns gut und irgendwie überleben wir auch den Winter. Der Winter ist ja nun mal so eine Zeit, wo man zur Besinnung kommen sollte, das Jahr passieren lassen soll. Uns überlegen: War das alles richtig? So mache ich das auch mit dem „Kuschelkurs“. Sich in wärmende Hüllen packen, man weiß wieder eine wärmende Suppenküche zu genießen. Die Brillenränder beschlagen – das ist doch toll, weil man sich dann ganz nah ist irgendwie. Dann macht das Kuscheln auch mehr Spaß. Deshalb sollte man schon die zwei Stunden rausgehen und sich den Olm angucken, weil der zu dem Kuscheligen noch einen Überbau gibt, textlich.

Was will man mehr?
Was will man denn mehr? Es ist wirklich so: Wenn man noch jung ist, dann ist man noch ein bisschen aggressiver und will auch verstanden werden. Ich glaube irgendwann – ich möchte nicht sagen im Alter – kehrt so eine gewisse Weisheit ein. Alles wird ein bisschen ruhiger und man kann alles lächelnd an den Mann bringen. Aber nicht mit dem erhobenem Zeigefinger, sondern mit Selbsterlebten. Letztendlich erleben alle das Gleiche. Die erste Krankheit, der erste Liebeskummer, ein Mal entlassen werden, das Infrage stellen: Ist man noch angesagt? Diese kleinen Zweifel, die uns erreichen, bevor wir uns ins Bettchen legen und sagen: Der liebe Gott wird’s schon machen. Nein, Sie sind selbst bei allem was Sie tun, für sich verantwortlich und es gibt kein Leben im Außen, sondern nur Sie selbst können alles erreichen, wenn Sie Ihrer bewusst sind. Und das ist jetzt schon fast philosophisch.

Bleiben wir doch gleich bei der Philosophie. Sie stellen die Frage auch in ihrem neuen Programm: Was ist der Sinn des Lebens?
Der Sinn des Lebens ist das Leben, sonst nichts. Gar nichts. Das Leben selbst ist ein Geschenk. Wir sind ganz kurz da. Wir konnten uns vor diesem Leben, dass wir real leben nicht erinnern und wir werden uns danach auch nicht mehr erinnern können. Ich glaube ja ganz fest, dass wir mehrere Leben haben. Das heißt, dass wir sogar Parallel-Leben haben. Es lebt irgendwo in Amerika noch ein Typ, der genauso ist wie ich. Und dass wir Prüfungen zu bestehen haben, ehe wir irgendwo ins End-Nirvana abgleiten, oder eine schöne Wohnung in Erfurt haben und uns auf den schönen Weihnachtsmarkt in Erfurt freuen können.

TERMINE
Hans Werner Olm mit seinem
Bühnenprogramm „Kuschelkurs“
auf Tour
• 29. November, Alte Oper
Erfurt
• 30. Januar, F-Haus Jena
• 31. Januar, Kulturhaus Gotha
Karten gibt es unter:
www.ticketshop-thueringen.de
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