OMD: "Wir dachten, wir könnten die Welt verändern" + Zu Gast bei der Night of the Proms 2015

Nach einer Stunde Gespräch waren beide fertig und freuten sich, die Daumen noch in die Luft halten zu können. AA-Autor Axel Heyder und OMD-Sänger Andy McCluskey (Foto: Michael Kunert)
 
Sänger Andy McCluskey von OMD. Foto: Heyder
Erfurt: Messe |

+ Andy McCluskey: "Wir dachten, wir könnten die Welt verändern" + OMD-Sänger im Interview mit AA-Extra – OMD gehören zu den Stars der Night of The Proms +

1978 gegründete sich die britische Band OMD (Orchestral Manoeuvres in the Dark). Sie gehört zu den Stars der Night of The Proms, die am 9. Dezember nach Erfurt kommt. Sänger Andy McCluskey und Paul Humphreys sind die Protagonisten der Formation und sie legten Ende der 1970er Jahre einen furiosen Karrierestart hin. Ende 1981 hatten sie bereits drei Platten auf dem Markt. Mit der Scheibe Architecture & Morality, das die Hits „Souvenir“ und „Maid of Orleans“ enthielt, standen sie in Deutschland 1982 vier Wochen auf Platz eins, es war die in Deutschland meistverkaufte Single in dem Jahr. AA-Extra sprach mit dem Sänger, bevor er nach Erfurt kommt, über Platten, Karriere und Wendepunkte.

Was machen Sie derzeit, ich habe gehört, Sie haben sich an Filmmusik versucht ...
Ja, Gary Barlow wurde mit der Gesamtmusikproduktion zu einen Film über das Leben von „Eddie The Eagle“ beauftragt (geplanter Kinostart 31.3.2016). Ein Skispringer, der die Inkarnation des olympischen Gedankens war. Was ich bisher gesehen habe, eine wahrhaft skurrile Geschichte. Gary Barlows Idee war es nicht, Songs der Bands seiner Zeit aus den 80ern für den Film zusammenzustellen, sondern diese Bands zu fragen, ob sie einen neuen Song produzieren könnten. Aber im Sound der jeweiligen Zeit. Eine sehr reizvolle Idee, wie ich finde. Wir haben zwei Titel dafür geschrieben. Aber das Filmgeschäft ist noch unberechenbarer und schnelllebiger als das Musikgeschäft. In letzter Sekunde kann sich dort nochmal alles ändern, ganz anders werden. Deswegen freue ich mich erst richtig, wenn der Streifen in den Kinos läuft und ich es im Abspann lesen kann, dass wir dabei sind. Die Tatsache, dass Hugh Jackmann, der einen merkwürdigen Trainer Namens Bronson Peary in dem Streifen spielt, ihm ein wenig Hollywood-Glanz verleiht, zudem den Titel singen soll, macht die Sache noch verrückter.

Vor neun Jahren kehrten OMD quasi mit der Night of The Proms auf die Bühnen zurück, wie war das?
Wir haben 17 Jahre nicht gespielt. Ich habe 17 Jahre nicht live gesungen. Paul und ich kamen zu also dieser Fernsehshow „Hit-Giganten - Pop & Wave der 80er“ nach Deutschland und das erste Mal wieder zusammen nach der langen Zeit, das war 2005. Bis dahin hieß es: OMD, das ist ein Ding aus der Vergangenheit. Gleich im Anschluss kam die Anfrage der Night of The Proms. Das passte sehr gut, war eine sanfte Möglichkeit zur Rückkehr. Denn meine Stimme klang nach all den Jahren nicht mehr gut. Und es wurde noch schlimmer, als diese Tour anstand. Das war ein rein psychologisches Problem. Ich hatte schlichtweg auch Angst davor, sie wieder einzusetzen. Mit der Tour verging das und ich wurde sicherer. Auch hat es die Freundschaft zwischen Paul und mir vertieft, wir hatten nur 15 Minuten auf der Bühne. Auch das war gut für den Einsteig. Danach ging es weiter: die Alben „History of Modern“ 2011 und „English Electric“ 2013, die gute Resonanz fanden und auch mit Konzerten. Bei dieser Art von Tour lernst du neue Künstler kennen, aktuell bin ich ganz beeindruckt von Maria Mena. Und beim letzten Mal durfte ich mit Musikern aus meiner Jugendzeit auf einer Bühne stehen. Man könnte sagen, Mike Oldfield hat mitTubular Bells damals den Soundtrack meiner Jugend geschrieben. Plötzlich stehst du in der Halle, hast deinen Auftritt beendet und kannst Dir in Ruhe anschauen, was er macht. Normalerweise bist Du unterwegs, spielst als Künstler eine ganze Show, selbst auf Festivals kann man nicht so gut ins Gespräch kommen, wie bei dieser Geschichte.

"Plötzlich standen da 50 Leute"


Wie war das so am Beginn der Karriere?
Verrückte Zeiten, als wir das ersten Mal in Italien waren, hatte wir einen Nummer-1-Hit dort, wussten aber von nichts. Unser Manager hatte die Information zurückgehalten, um uns zu überraschen. Paul und ich wussten nur, dass wir auf eine Pressekonferenz sollten. Plötzlich standen 50 Menschen da und haben darauf los gefragt. Wir haben uns angeschaut und uns gefragt, ob die alle wegen uns da sind? Das war wirklich ein Art Schock und wir haben sicher ein paar Minuten benötigt, um wieder klar denken zu können.

Wäre solch ein Start auch heute noch möglich?
Ob das heute nochmal so möglich wäre, da muss man schon Taylor Swift heißen. Vermutlich würde alles über Downloads laufen. Aber sicher viel schwerer.

Was ist der Unterschied zwischen OMD damals und heute?
Hee, wenn Du jünger bist, dann denkst du nie, dass Du mit 50 noch Musik machen wirst. Ich hätte damals gesagt, gibt mir die Kugel, wenn ich älter als 26 bin und immer noch auf der Bühne stehe. Wenn Du jung bist, willst Du die Welt verändern und wir dachten, wir könnten das. Keine Ahnung wie das mit unserer Musik funktionieren sollte, aber wir dachten es. Und dann kam dieser Journalist und meinte, wir müssten mal was Politisches machen.

Also kam das vierte Album ...
Wir produzierten das Album Dazzle Ships (1983), und das war fast unser Untergang. Nach zuvor 40 Millionen weltweit verkauften Platten gingen von diesem Album gerade noch 300.000 weltweit über die Plattentheken. Wir hatten 1980 zwei Alben auf den Markt gebracht, 1981 das nächste. Bei unserem ersten Album war es die Musik, die wir in der Garage geschrieben haben, seit wir 16 Jahre alt waren und die anderen Jungs gesagt haben, das ist doch Mist. Und auch die nächsten Alben funktionierten. Wir hatten das Vertrauen der Plattenfirmen und konnten machen was wir wollten. Das haben wir dann auch bei Dazzle-Ships getan. Bei diesem Album gingen wir andersherum vor: Es gab erst den Titel und ein Bild für das Cover. Dazu haben wir die Musik geschrieben. Wir wollten es Politisches machen, eine Aussage in die Welt senden, haben viel experimentiert. Nur hat uns wohl zu dem Zeitpunkt keiner verstanden. Das Artwork von Peter Saville gab die Richtung vor. Es orientierte sich an den Schiffen, die im ersten Weltkrieg diese Bemalung zur Tarnung bekamen. Ein Schiff kann man ja nicht einfach verschwinden lassen auf dem Ozean, um es zu tarnen. Aber Größe, Fahrtrichtung, Breite lässt sich mit Hilfe einer Bemalung so gestalten, dass man es damals kaum überblicken konnte. Und wir machten Dazzle Ships zu unserem Statement zur politischen Lage. Heutzutage wird das Album gehört. Bei all den Samples, Schnipseln, schrägen Sounds, Loops die die Menschen heute gewohnt sind, ist das auch kein Problem mehr. Zu seiner Zeit wusste damit keiner etwas anzufangen. Wir haben das Pferd von hinten aufgezäumt und das ging schief. Beim nächsten Album waren wir dann wieder angekommen, als Handwerker in der Musikszene. Wie mit einem Pinsel haben wir erst die Konturen, die Formen der Songs gezeichnet. „Junk Culture“ wurde somit zu einem echten Pop-Album mit drei Hits darauf.

Sie haben einen ganz eigen Stil entwickelt, auf der Bühne zu tanzen, wie kam es dazu?
Wenn ich auf der Bühne tanze, insofern man das so nennen kann, es ist eher ein Antitanz und ich nenne es selbst die epileptische Windmühle (lacht) - dann lasse ich los, vergesse alle um mich herum. Mit der Bewegung versetze ich mich in einer Art Trance würde ich sagen, um das, was ich sagen will bestmöglich rüber zu bringen. Ich würde mich nie in einer Disko so bewegen oder wenn ich mit meiner Freundin in der Küche stehe, ich kann es auch auf dem Video selbst nicht anschauen. Aber auf der Bühne schließe ich die Augen und lass es geschehen. Es fing damit an, dass in den 80er Jahren die Synthiemusik den Ruf hatte, etwas unterkühlt und technisch zu sein. Kein Leben in sich zu haben. Ich wollte zeigen, dass man sich dazu bewegen kann und der Musik zugleich das sterile nehmen. Ich gebe alles dabei und bin dann ausgepowert, wenn ich von der Bühne gehe. Und das fühlt sich gut an.


INFORMATION: OMD als Teil der Night of The Proms 2015 am 9. Dezember, Erfurt, Messehalle



Einer der Songs


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