Schulstart in kariert

Einschulung Ute Jentsch 1951
Anlass für meine Erinnerungen war das Foto eines etwa 12-jährigen Mädchens im karierten Kleid auf der Titelseite der Jubiläumsausgabe "Volkskundliche Beratungs- und Dokumentationsstelle für Thüringen".
Dann fand ich auch noch zwei "karierte" Mädels namens Gudrun und Anneliese, ca. 12 und 4 Jahre alt, im "Apotheken-Senioren-Ratgeber" vom 03.06.2011.
Der Ratgeber hatte Seniorinnen und Senioren aufgerufen zu schildern, wie ihre Kindheit in der Kriegs- und Nachkriegszeit verlief. Die beiden Schwestern auf dem Foto haben heute noch engen Kontakt und erzählten, dass karierte Mädchenbekleidung in den vierziger Jahren im 3. Reich und in den 50-ern im Westen recht modern gewesen sei.

Ich habe etwas anderes erlebt. In den 50-er Jahren wohnte ich mit meinen Eltern in der kleinen Stadt Eisenach, nahe der Südwestgrenze zur BRD. Meine Mutti hatte im Sommer 1938 die Meisterprüfung als Damen- und Herrenmaßschneiderin abgelegt. Danach führte sie bis Ende der 50-er Jahre ein kleines Atelier. Mein Vati hatte 1943 Modejournale aus Frankreich geschickt und die Eisenacherinnen wollten nach dem Krieg diesen modischen Schick nachgearbeitet wissen. Dabei setzte aber die Versorgungslage Grenzen. Viele wissen es nicht mehr, aber bis 1958 gab es Lebensmittelkarten und "Punkte" für Textilien, Stoffe und Schuhe. Die Versorgungsstelle der Handwerkskammer bot 1951 für Kinderbekleidung einen Ballen karierten Stoff an. Für mich hat meine Mutti daraus ein hübsches Kleidchen zur Einschulung am 01.09.1951 genäht.
Mutti gab von dem Stoff meterweise auch an andere Schneiderkolleginnen ab.
Natürlich wollten auch die anderen Familien, die ein Einschulungskind hatten, versorgt werden. So kam es, dass eine ganze Mädchengeneration als "Buntkarierte" ins Schulleben eintrat.
Auf meinem Einschulungsfoto trage ich "Affenschaukeln", "Hahnekämmchen" und einen Riesenpropeller von Schleife. Das war damals tatsächlich für kleine Mädchen Mode. Später haben mich russische Schulkinder immer an mein damaliges Erscheinungsbild erinnert.
Meine Zuckertüte war historisch, aber sehr schön und glitzerig.
Die Bauernfrauen aus Wechmar waren zu Ehren ihrer Schneiderin zu meiner Einschulung komplett erschienen und schleppten weitere vier Zuckertüten mit. Beim Auspacken merkte ich aber schnell, dass der Inhalt für die ganze Familie bestimmt war. Die Zuckertüten enthielten Fleisch, Eier und Wurst. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, aber meine Familie war hocherfreut.
Da alle Materialien knapp waren, wurde mein Einschulungskleid mit Streifen meinem Wachstum angepasst, sodass ich es bis zu meinem 10. Lebensjahr tragen konnte.

Im Dezember 1951 hatte in der 1. Klasse unsere Lehrerin, Frau Bernewitz, das Märchen vom Sterntaler erzählt. Ausgerechnet ihre Zwillinge nahmen das Ganze ernst und verschenkten die Wintermäntelchen an noch bedürftige Kinder.
Da war "Holland in Not". Meine Mutti hat schließlich eine alte Decke in zwei Mäntelchen umfunktioniert. Mit Applikationen sahen sie sogar ziemlich gut aus. Denn Mutti Charlotte war eine Zauberin auf ihrem Gebiet. Sie konnte auch ohne Schnittmuster schneidern bzw. sie erstellte ihre eigenen Schnittmusterbögen.
Dreißig Jahre später hat meine Mutti das Einschulungs-Dirndl meiner Tochter Haike-Runa genäht. Da konnte sie aus dem Vollen schöpfen.
Immer wenn ich herumkrame, finde ich Stoff-Schildkröten, kleine Löwen und anderes Spielzeug von der guten "Omi" Lotte. Dadurch hat sie sich in der Familie verewigt.
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Ines Herholz aus Erfurt | 22.07.2011 | 08:26  
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