Selma Peppel - eine Frau aus Königsberg

Ute Hinkeldein Erfurt, den 18.05.2012
Rigaer Str. 6/06
99091 Erfurt

Selma Peppel – eine Frau aus Königsberg

Die Lebenszeit der Lehrersfrau fällt in den II. Weltkrieg, deshalb zunächst eine notwendige Betrachtung.
Adolf Hitlers Machtansprüche, die unter anderem die Eroberung des europäischen Ostens vorsahen, brachten am Ende auch Millionen Deutschen viel Leid.
Den unsinnigen Rassegesetzen wurden 6 Millionen jüdische Bürger geopfert. In der Sowjetunion hinterließen SS und Wehrmacht verbrannte Erde. Bereits 1942 änderte sich die militärische Lage. Für viele war der Krieg erkennbar verloren.
Ich wurde am 31.01.1945, einem Schicksalstag meines Volkes, geboren. Am 27.01.1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz.
Am 21. Oktober 1944 überfiel das 2. Bataillon der 25. Panzerbrigade der Roten Armee den kleinen Ort Nemmersdorf bei Gumbinnen. Die russischen Truppen wurden zurückgeworfen, hinterließen aber schreckliche Kriegsgrausamkeiten.
Am 31. Januar 1945 überschritten die Soldaten der Roten Armee die östlichste Grenze Ostpreußens beim Kurort Schierdewind und marschierten von hier aus zügig in Richtung Berlin.
In der Nacht vom 30. zum 31.01.1945 legte das ehemalige Kreuzfahrtschiff „Gustloff“ in Gotenhafen ab. In dieser Nacht wurde es von russischen Torpedos getroffen und 9000 Flüchtlinge fanden ein kaltes Grab in der Ostsee. U-Boot-Kommandant Marinesko gilt heute noch als Held in Russland.
Die Genfer Kriegskonvention wurde von beiden kriegsführenden Parteien missachtet. Die „Gustloff“ war als Lazarettschiff mit Rot-Kreuz-Fahnen gekennzeichnet, die vor einem Angriff schützen sollten, aber von der sowjetischen U-Boot-Besatzung ignoriert wurden.
Zuvor, am 28.01.1945, kommen 28.000 Flüchtlinge in die Stadt Königsberg. Am Abend dieses Tages gibt Gauleiter Koch eine Losung aus: „29.01.45 mittags, Dienstbesprechung in Fischhausen.“ Die Losung wurde als verdeckten Fluchtbefehl verstanden. Tausende Menschen drängte nach Fischhausen, ein Ort in der Nähe von Metgethen.
Am 8. Mai 1881 wurde die Kinderbuchautorin Sibylle von Olfers auf Schloss Metgethen geboren. Mit ihren Büchern, im Jugendstil illustriert, wurde sie in ganz Deutschland berühmt. Jetzt im Januar 1945 ist Metgethen der Ort eines Massakers russischer Soldaten, ein Schreckensort, wie Nemmersdorf.
Ende Januar 1945 schließen russische Truppen die Stadt Königsberg, in der noch ca. 100.000 Deutsche leben, ein. Die Stadt ist abgeriegelt. Graf Lehndorff (Arzt) befindet sich noch in der Stadt. Er schreibt, die Apotheker haben das Cyankali freigegeben für die bedrängten Deutschen, um sie durch den Freitod vor Gewaltakten zu schützen.
Durch den II. Weltkrieg verloren insgesamt 9,1 Millionen Deutsche ihre Heimat. In Ostpreußen waren es 2,5 Millionen. Davon fanden ca. 120 000 Menschen auf der Flucht den Tod; ca. 100 000 Frauen wurden vergewaltigt. Viele starben danach oder töteten sich selbst.
Es war bereits 1942 abzusehen, dass der Krieg für die deutschen Truppen verloren war. Durch eine vernünftige Evakuierungspolitik hätte das tödliche Elend der Zivilbevölkerung weitgehend vermieden werden können.
Ein Beispiel ist Nemmersdorf (heute Majakowski). In dem kleinen Dorf lebten 637 Menschen. Auf einem Foto, das mir vorliegt, sind 15 tote Frauen liegend aufgereiht. Die Röcke hochgeschoben, die Beine gespreizt, in den Gesichtern steht noch das Entsetzen. Dieses Foto ist ein stummer Schrei.
Vergewaltigungen waren eine Kriegswaffe der Sieger, die den Feind entwürdigen sollten. Der russisch-jüdische Friedensnobelpreisträger Ilja Ehrenburg hatte einen Aufruf an die sowjetischen Soldaten gestartet: „Soldat, wenn du einen Deutschen siehst und ihn nicht tötest, ist dein Tag verloren!“

Wir leben heute wieder in kriegerischen, spannungsreichen Zeiten. Moderne Waffen können die ganze Welt vernichten. Deshalb meine Warnung: „Krieg zerstört die Menschen an Leib und Seele, vernichtet Hab und Gut. Kriegstreiber müssen wir anprangern. Der einzige Weg, den wir gehen können, ist der Weg des Friedens und der Versöhnung.“


Königsberger Briefe

Sie führen wieder zurück zu meinem Onkel Herbert und dem Ostseebad Rerik. Als wir ihn 1984 erstmals besuchten, war er schon seit vier Jahren Witwer. Aber er liebte die Gesellschaft von Menschen und so gaben sich bei ihm zur Teezeit der Bürgermeister, der Pfarrer, Freunde vom Segelclub und zwei Damen regelmäßig die Klinke in die Hand.
Die Bäuerin Bohnsack lebte in Meschendorf nahe Ostseebad Rerik. Wir haben den Bauernhof, vor allem die Tiere, öfter besucht. Unsere Tochter Haike war damals begeistert vom Gackern und Wiehern. Frau Bohnsack brachte meinem Onkel Leckereien mit. Einmal wurde ein Hähnchen gebraten und gemeinsam verzehrt.
Zur „Klönschnackstunde“ kam auch öfters Frau Eva Teichmann aus Neubukow. Sie brachte eines Tages das in Sütterlin geschriebene Tagebuch ihrer Pflegemutter Selma mit und las daraus vor. Ein interessanter Stoff, deshalb habe ich mich anschließend mit dem Text gründlich beschäftigt.

Das Tagebuch beginnt am 24.06.1945, dem Johannistag. Eigentlich sind es Briefe, die an ihren Mann Walter, einen Lehrer, jetzt Volkssturmmann, und den Sohn Georg, einen jungen Leutnant der Wehrmacht, gerichtet sind. Per Post waren sie damals nicht mehr erreichbar.
Die Briefe wurden aus dem Sütterlin in die moderne Schrift übersetzt und sind nicht vollständig. Aus familiären Gründen wurden zwei Briefe einem Rechtsanwalt übergeben.
Da alle Beteiligten bereits verstorben sind und dieses Tagebuch ein interessantes Zeitdokument ist, möchte ich es wiederum meinem öffentlichen TA-Tagebuch anvertrauen, sowie der AA Bürgerreporter. Im Text wird der Originalton des Menschen Selma Peppel erkennbar.
Es ist nicht klar, ob die Eheleute Peppel Nazianhänger waren, aber in den Texten wird ein Erkenntnisprozess, eine Sehnsucht nach Frieden und einem sinnvollen Leben, sichtbar.
Am 12.02.1946 ist Selma Peppel verhungert und wurde am 17.02.1946 auf dem Königsberger Luisenfriedhof beerdigt. Ihre Nachbarin Maria Stern schaffte es, auszureisen. Sie übergab dem Witwer von Selma das Tagebuch.


Quellenangabe
- Thomas Prüfer, „1945 Untergang und Neubeginn“, Lingen Verlag, 2005
- Stefan Aust / Stephan Burgdorff, „Die Flucht“, Weltbildverlag, 2012
- Friedensbibliothek-Antikriegsministerium Berlin,
Text zur Ausstellung „Der Gelbe Stern“, 2010
- Guido Knopp, „Der Untergang der Gustloff“, Econ Taschenbuch, 2002
- Ploetz, „Weltgeschichte auf einen Blick“, Ploetz-Verlag, 1988
Selma Peppel Königsberg, den 24.06.1945
Königsberg Johannistag
Motherbystr. 8

An den Lehrer Walter Peppel
und an den Ltn. Georg Peppel


Mein lieber Mann und mein geliebter Sohn!

Am 06.04.1945 begann der Beschuss von Königsberg. Wir wollten Richtung Juditten gehen, mussten aber in den Keller Kronprinzenstraße–Ecke Hammerweg. Die Russen fragten nach deutschen Soldaten, Uhren und Wertsachen, als sie auf uns stießen. Dann schleppten sie
10-12 junge Mädchen und Frauen weg.
Alle Koffer wurden durchgewühlt oder durchschossen.
Ein Soldat auf russischer Seite sprach Deutsch. Wir mussten aus der Stadt raus, weil sie sich nicht ergibt. Von weitem sahen wir die Häuser brennen. Auf dem Marsch wurde uns fast alles geraubt. Ein Kerl sprang aus dem Auto und riss mir den kleinen Koffer aus der Hand. So sind alle Wert- und Familienpapiere weg, auch die Fotos von uns.
Am Abend wurden ca. 300 Menschen über den Flugplatz getrieben und in einem Stall untergebracht. Ich war dabei.
Am Morgen wurden wir sortiert, dabei Mann und Frau getrennt. Wir sollten in Richtung Rudau marschieren. Unterwegs fand ich meine blaue Perlenkette, die Bernsteinkette und die Bilder von Schorschchen. So hatte ich einen Teil der Bilder wieder. Auf der Bernsteinkette hing Dein Trauring, lieber Walter. Ich habe später alles vergraben. Am Abend landeten wir in einem Vorwerk. Nebenan quiekten die jungen Frauen die ganze Nacht. Bis zu zwanzigmal wurden sie vergewaltigt und liefen morgens mit Würgemalen rum.
Nächsten Abend mussten wir wieder raus. Wir kampierten draußen.
Dann mussten wir Richtung Mollehnen laufen und kamen mittags in ein Lager nach Carmitten. 300–400 Leute zogen nun los, immer im Kreis rum. Auf diesem Marsch war auch der Bienenvater Rehs. Über Fuchsberg konnten wir zurück nach Königsberg. Am Weg lag eine frischentbundene Frau und überall lauerten Kerls.
Wir schliefen in einem Strohlager. Nachts krochen die Russen im Stroh rum und suchten Mädchen. Sie nahmen auch Schuhe und Mäntel fort. Morgens ging´s weiter. Plötzlich sah ich das Schild: „Meiereifiliale Görken“, also ging es Richtung Knöppelsdorf-Neuhausen-Tiergarten. Wir humpelten lahm zur Stadt.
Unser Haus ist kaputt. Ich logierte bei Frau Kirschen. Wir hatten nichts zu essen. Wir hatten die Ruhr.
Oma Sterns Schutz- und Trutzlied blieb: „Wer nur den lieben Gott lässt walten...“
Wir zogen zu Sterns, richteten uns etwas ein und bebauten den Garten.



Königsberg, Donnerstag, den 28.06.1945
Ihr Lieben!

So mager, wie ich jetzt bin, war ich nicht mal als junges Mädchen.
Ich bin Hauskommandant und habe alle Tage Brot für die ganze Straße zu besorgen. Dafür bekomme ich 400 g Brot. Bloß das Anstehen! Anstehen von Mittags bis Abends 23 Uhr. Von Organisation keine Spur. Wie wollen sie bloß ein Land regieren? Ich frage mich, wie sieht es wohl in dieser riesigen Sowjetunion aus?
Aber auch die schwere Schuld, die wir Deutsche auf uns geladen haben, bedrückt mich. Können wir jemals wieder den Völkern ins Gesicht sehen? Wir hier in Ostpreußen sühnen für alle Verbrechen der Deutschen. Ob Du das wohl je erfährst, Enkel? Wenn Du lachst, ob Du dann weißt, was ich dafür getan habe, dass Du lachen kannst?
Im Reich soll es ja schon ein bisschen besser sein, wie Flüchtlinge, die zurückkehrten, erzählen. Aber hier bei uns ändert sich nichts. Die Stadt Königsberg muss bezahlen für den irrsinnigen Widerstand der Nazis. Die Erbitterung ist allenthalben groß.
Die Leute buddeln die Saatkartoffeln aus, um sie zu essen. Was wird das für eine Ernte?
Überall gibt es frische Losungen, überall, wo ich hintrete. Russische Losungen, die ich nicht lesen kann. Ostpreußen ist ohne Bienen! Alles tot!
Ich bin so unendlich traurig. Wie wird es weitergehen?
Rückblickend auf die Zeit der Leiden im Samland erscheint es mir heute, als wäre ich Jahre marschiert und nicht zehn Tage.
Jetzt wird alles verheizt: Tische, Stühle und Bänke – es bleibt nichts als ausgeraubtes Land. Niemals mehr werden wir eine Drei-Zimmer-Wohnung besitzen, nie mehr unser Haus aufbauen. Wie soll Leben nach Königsberg kommen, ohne die Männer?
Alle Berufe liegen brach, nichts wird angefangen.
Gerade holen zwei Russen Deine Skier, einen Bilderrahmen und die letzte Glasscheibe aus meiner Bleibe – also bleibt nichts mehr. Die Russen können alles gebrauchen.
Arbeitstrupps fahren aufs Land zur Heuernte.
Ich habe Georgs Bild an die Wand gehängt; Deins und Hans´ habe ich im Herzen. Ich hoffe ja, dass sie Dich Volkssturmmann bald entlasen. Ich denke an Hansens frühes Grab. Ob es gut ist, dass der Junge dort im Süden ruht? Wenigstens weiß er nichts vom Elend und Untergang unseres geliebten Vaterlandes!
Ich weine!
Mein Garten ist verwüstet. Den Spalierbirnbaum hat man abgehauen. Allein der blaue Clematis blüht.



Königsberg, Sonntag, den 1. Juli 1945

Meine beiden Lieben!

Ja, alles „organisiert“ jetzt. Ich habe eine halbe Tasche Kartoffeln organisiert. Am schlimmsten dabei sind fast die Volksgenossen. Sie ziehen von Garten zu Garten und sie sind wie die Heuschrecken.
Das Gerede vom Freistaat Preußen will nicht verstummen.
Gestern machten wir das Gutshaus von Ratslinden sauber. Dafür gab es Essen. In Ratslinden hatte Frau von Olfers gelebt. Sie war vielseitig begabt. Von ihr stammt mein geliebtes Buch: „Wir Wurzelkinder“. Immer habe ich das warme Bild von der „Mutter Erde“ vor Augen. Wenn man so malen und schreiben könnte!
Was fällt nicht auch mir manchmal alles ein? Denn nur alle Tage fronen schadet dem Körper.
Meine Brotration betrug heute 600 g Brot und Omi Stern hatte 200 g Brot.
Nun ist Georg schon vier Jahre im Felde. Wie mag´s ihm gehen?
Die deutsche Kultur wird vernichtet. Die Bücher der Kantuniversität treiben sich auf dem Müll herum. Unsere Straße ist jetzt voll von Mohammedanern und Türken. Ich habe gemerkt, sie lieben die Russen nicht. Mittags beten sie zu ihrem Propheten und singen ihre Weisen dazu. Heute raubten diese „Patriarchen“ die letzten Stachelbeeren aus dem Garten.
So schwer es ist, die Heimat zu verlassen – es ist keine Heimat mehr. Wir haben uns innerlich schon von ihr gelöst.
Uns beschäftigt nur die Frage: „Was essen wir morgen?“ An Übermorgen denkt schon kein Mensch.
Draußen fahren Russenkolonnen und beladen alles mit unserem Hausrat. Getreide, Kartoffeln, alles nehmen sie mit nach Hause. Alles Vieh wird nach Russland getrieben; an einem Tag
300 Stück ins Samland. In Landauern und Kaleschen fahren sie mit den Huren rum. Sonst trampeln sie alles kaputt. Noch ein halbes Jahr und kein Wagen ist mehr ganz. Königsberg wird nie mehr auferstehen.
Kann ich mit dieser Gewissheit leben?
Gestern sprach mich ein Landser an. Es war der Vater von Frau Fleischermeister Neubert. Er erzählte, dass er drei Wochen im Lager bei Ludwigslust war. Die meisten wurden über Frankfurt entlassen und sind gleich ins Reich abgehauen. Vielleicht hast Du dies ja auch vorgezogen, lieber Walter. Ich will und muss Dich und Schorschchen wiedersehen.
Beide könnt ihr nicht tot sein!
Schickt bitte eine Nachricht an:
Frau Alwine Schröder,
Torgau, Scheffelstraße 2
oder an die
Lehrersfrau Hanna Stankow
In Leitzkau über Gommern, Bezirk Magdeburg



Meine Lieben!

Nun wird wohl bald unsere Leidenszeit hier in Königsberg beendet sein.
Es sind schon in voriger Woche viele Familien aufgefordert worden, sich reisefertig zu machen, aber dann wurde es mal wieder abgeblasen. In Peyshe und Pillau, heißt es, liegen noch Tausende Menschen in Lagern fest. Aber die Schiffe für den Abtransport fehlen.
Gestern kamen Gefangene über den Nordbahnhof. Zwei waren aus Insterburg, aus dem Lager. Es waren Volkssturmmänner, 59 Jahre alt. Sie sagten, noch ca. 7000 Mann seien im Lager Insterburg und sollten demnächst entlassen werden.
Vielleicht bist Du dabei!
Nachts hatte ich den schlimmsten Herzanfall seit Jahren. Ich lag fast eine halbe Stunde in Ohnmacht. Die viele Flüssigkeit (3 Teller Suppe) kann mein Herz wohl nicht vertragen. Ich war beim Arzt, es waren keine Sprechstunden.
Hier ist unseres Bleibens nicht, für uns Deutsche wird nicht ein Handschlag gerührt. Wir müssen unsere Häuser für die Russenfamilien räumen. Wir werden hin- und hergejagt, bis auf´s Letzte. Gestern fuhr ein großer Russentreck heimwärts, voll mit geraubtem Gut.
In 14 Tagen soll es soweit sein, für uns! Vielleicht erreiche ich mit Gottes Hilfe noch das Reich, das neue Heimatland, aber vielleicht ist es auch das Himmelreich. Es kann ja sein, ich wache nicht mehr auf.
So gern ich Euch ans Herz drücken möchte, ich schalte mein Denken an Euch manchmal bewusst aus, um mein Herz nicht noch mehr aufzuregen.. Manchmal höre ich Schorschchens beschwörendes: „Mutti, ich bitte Dich, fahr´ ins Reich!“ Auch lese ich seinen letzten Brief.
Seid tausend Mal gegrüßt und geküsst von Eurer Euch liebenden

Mutti




Königsberg, den 7. Oktober 1945
Meine geliebten Alle!

Ich hatte noch keinen freien Tag. Ich arbeite seit drei Wochen in der Küche am Nordbahnhof. Noch hatte ich seitdem keinen Anfall mehr.
Heute ist nun das sogenannte Siegesfest. Stalin ist 28 Jahre an der Regierung. Vorgestern war die Generalprobe zu der heutigen Parade.
Ich habe nicht rausgesehen, mich regt das bloß auf. Abgesehen davon ärgert mich der Kuhgeschmack und die Kitschigkeit der Ausschmückung. Als ich meine Brottalons hatte, verdrückte ich mich.
Wir haben heute und morgen frei. Ich brauche es nötig, ich liege im Bett. Ich lebe jetzt in der Schrötterstraße 118, und schreibe Euch diese Zeilen.
Ich muss nun wieder neue Arbeit suchen, das ist schwer.
Noch glaube ich an ein Rauskommen, viele Leute aber schon nicht mehr. Kommen wir hier nicht raus, ist es unser gewisser Tod. Von 400 g oder 200 g Brot täglich kann niemand leben. Dass letzte bisschen habe ist auf dem Schwarzen Markt verkauft, für ein paar Pfund Kartoffeln oder ein paar Pfund schlechtes Roggenmehl.
Fett habe ich selbst als Küchenmagd noch keins angesetzt. Es ist ja keins da. Auf einen Waschkessel Gemüse gab der russische Leutnant eine Pfundbüchse Konservenfleisch und in letzter Zeit zwei Pfund Mehl zum Anbinden – alles für 100 Personen. Bekommen hat er natürlich mehr, aber das verschiebt er für Goldschmuck, Radios und dergleichen. Alles ist auf Betrug eingestellt und auch die Deutschen stehlen.
Gestern wurden drei Personen im Schrebergarten erschossen. Russen hatten sie bestohlen und sie hatten gewagt, um Hilfe zu schreien.
Vielleicht behütet uns der liebe Gott vor größerem Übel?
Am Bäckerladen klebt folgender Spruch: „Deutsche! Durch ehrliche Arbeit könnt Ihr die Schande der Vergangenheit auslöschen und Eure Zukunft sichern!“
Ja, ich habe schon viel darüber nachgedacht. Aber Zukunft, bedeutet das nicht auch, für Frieden und Freundschaft zu sein? Merken die Russen nicht, dass das hier ihre Schande ist? Enkel, ich bitte Dich, sei Du der Russen Freund, brich den Bann der Rache.
Seit sieben Monaten bekomme ich nur etwas Brot, ich bin am Verhungern. Kann es noch schlimmere Zustände geben?
Die Menschen sterben wie die Fliegen – hauptsächlich die Alten und die kleinen Kinder. Es gibt überhaupt nichts mehr.
Jetzt haben die Russen immer mit ihrer großen Parade zu tun. Da hoffen wir alle, dass sie uns dann bald gehen lassen.
Niemand will hier bleiben, alle wollen raus.
Frauen mit Kindern verdingen sich als Russenliebchen, damit sie nicht verhungern. Wer wollte sie verurteilen?
In der Küche haben wir oftmals leise unsere Heimatlieder gesungen. Sonst lebst Du hier wie im tiefsten Russland. Keine Post! Kein Lebenszeichen von den geliebten Menschen. Mein herzlich geliebter Mann! Mein einziger Sohn, der mir geblieben ist, mein Schorschchen! Ob ihr beide noch lebt? Ach, ich will Euch wiedersehen!
Es sind noch große Lager überall, in Preußisch-Eylau, in Georgenburg, in Tapiau, Labiau und Insterburg. Ein Arbeitskommando aus Georgenburg war am Nordbahnhof. Ein Landser aus Rothenstein fand seine Frau hier wieder. Aber ich und so viele andere fanden keinen wieder.
Ach, lieber Gott, hilf uns armen, verlorenen Menschen!




Königsberg, den 10.11.1945
Meine geliebten Lieben!

Morgen ist der 11. November, Martinstag! Vor 34 Jahren unser Verlobungstag. Ich sitze hier im finsteren Russland und bin verzweifelt. Keine Arbeit – kein Essen!
Der Zahnarzt, Dr. Paulini, machte mir Hoffnung, dass wir doch noch rauskommen! Ich traf ein Schulmädchen von Dir – sie erkannte mich nicht mehr. Der Weg zur Schule, der „Peppelweg“ wie wir ihn immer scherzhaft nannten, wie sieht er aus! Nein, das ist keine Heimat mehr!
Aus den Russenküchen und den guten Arbeitsstellen werden die deutschen Frauen rausgedrängt. Das machen jetzt Russinnen.



Königsberg, den 20.11.1945
Ihr Lieben!

Heute ist mein 50. Geburtstag.
Wie gedachte ich ihn einmal zu verleben?! Nun bin ich einsam und verlassen, bei Fronarbeit.
Und mein Herz!
„Manchem kann der Arzt nicht verordnen, was der Patient selber in sich haben muss: Fassung, Geduld und guten Willen.“
Es sind dies die Worte von Johanna Wolf, unserer ostpreußischen Dichterin. Marie Kukowsky las sie mir vor. Um die Rührung nicht zu groß werden zu lassen, las sie schnell noch einen lustigen Nachsatz: „Wer wenig Fett ansetzt, braucht darum noch lange kein Stiefkind des Lebens zu sein.“
Ich arbeite jetzt Ecke Mozartstr./Beekstr. Ich bekam sogar Geschenke. Von Omi Stern Stoffhandschuhe, von Marie ein Stück Brot. Die Arbeitskameradinnen hatten mir meinen Spaten mit Edeltanne und Eisbeeren bekränzt. Das war gleich was für den Adventskranz. Dann sangen sie: „Lobet den Herrn...“!
Ich musste weinen. Das hast Du doch auch immer gesungen!
Dann gratulierten mir alle 22 Frauen nacheinander.
Ich bekam noch einen Brief, eine schön gemalte „50“ und schriftliche Gratulationen von allen mit folgendem Satz:
„Liebes Geburtstagskind! Lass den Spaten ruh´n, sollst heute gar nichts tun; packe die Klamotten ein und gehe heim.
Deine Grazien vom Trupp Ewert, nebst Truppführer, gratulieren Dir!“
Ach, wie tat die Freude gut!
Wir essen, was sonst die Schweine fraßen. Deutsche gehen zu Müllhaufen der Russenküchen und durchwühlen sie nach Essbarem. Im Reich kann man sich keinen Begriff von unserem Leben machen.
Ich denke an Euch alle, als Lebende, nicht an Tote!
Aber wo finde ich Euch, wo?
Wir schaufeln einen Rohrbruch (Granaten) in der Beethovenstr.; eine mühsame, schwere und gefährliche Arbeit.
Bis Weihnachten sollen wir draußen sein!?
Ach, wenn´s doch wahr wäre.




Königsberg, den 10.12.1945
Meine geliebten Beide!

Die neue Arbeitsstelle ist das Bombenloch an der Gasanstalt, wo die Wasserleitung kaputt war. Ständig musste gepumpt werden, bei –10 Grad Frost.
Dann haben wir Koksgrus gekarrt. Der Morast war steif gefroren.
Das fällt mir alles sehr schwer.
Ich kam Donnerstag als Eisklumpen hier an. Dass mir der liebe Gott noch immer täglich die Gesundheit schenkt, danke ich ihm allabendlich.
Unser Nachbar hat uns ein Stück Pferdefleisch geschenkt und nach Monaten gab es Gulasch, ein Essen, ganz ungewohnt und herrlich. Außerdem war gestern wieder die Ukrainerin Annuschka da und brachte zwei Brote und zehn Pfund Roggenmehl für die rote Schürze und das Kopfkissen.
Sie ist eine Frau von Gemüt und Verstand. Sie ist Lehrerin gewesen und um ihretwegen glaubt man wieder an das Gute im Menschen. Sie hat auch alle Verwandten verloren. Ihr Mann und ihr Kind wurden verschleppt. Annuschka erzählte mir, dass in Russland 1937 und 1938 ganz schreckliche Verschleppungen stattfanden. Millionen von Menschen müssen in der Sowjetunion in Zwangslagern getötet worden sein.
Annuschka treibt die Angst um. Neulich lag ich schon im Bett als sie kam, da drückte sie mich und gab mir einen Kuss und ein Stückchen Schokolade. Sie ist Ukrainerin aus Dnjepropowsk – ein liebes Mädchen.
Wenn wir von hier fortkommen, soll sie alles bekommen, was noch unser ist.
Nun will ich morgen wieder zur Baustelle gehen, zuerst aber zum Oberbürgermeister, um eine Neuregistrierung vornehmen zu lassen. Wer keine Ausweise besitzt, wie z. B. ich, muss drei Bürgen mitbringen, welche ihn ausweisen. Ob das nun schon für den Transport ist? Wir hoffen es alle!
Der Transport im Viehwagen wird sicher viele Opfer fordern, aber laß´ es alles sein wie es will – nur fort von hier!
Ich ging diese Woche immer an der Luisenkirche vorbei. Alles zerstört, auch das Pfarrhaus. Auf dem Kirchhof brannten die Russen ein Feuer aus Grabkreuzen und Bänken.
In 14 Tagen ist nun Weihnachten. Ich bin allein. Elsa Kastka-Radziwill hat es richtig gemacht, als sie wegfuhr.
Hier kommen viele Leute, auch Kinder, aus den Lagern zurück, z. B. aus Preußisch-Eylau und Tapiau. Ein Transportzug aus Russland stand zwei Tage auf dem Verschiebebahnhof, da kam ein Königsberger Mann seine Frau suchen und nahm sie gleich mit. Ebenso haben sich noch etwa 60 andere Leute gefunden.
Viele fahren auf eigene Rechnung und Gefahr. Ich kann mir das nicht mehr zumuten.
Ich grüße Euch tausend Mal.
Eure Mutti




Königsberg, den 16.12.1945
Mein lieber Mann und mein lieber Sohn!

Für Weihnachten wird auf dem Schwarzen Markt, Basar genannt, das letzte Stück für Brot versetzt.
Die Preise sind unerschwinglich, die gezahlt werden. Ich habe mir 5 Pfund Weizenmehl gekauft, für 1000 Alliiertenmark oder 100 Rubel. Nun besitze ich noch 1000 Mark, die will ich behalten.
Verdienen tue ich am Tag 3,5 Rubel. Davon gehen 2 Rubel für die schlechte Suppe und 500 g Brot ab. Tja! Da kann`st was kaufen! Aber für 5 Rubel will ich mir ein Päckchen Trockenhefe kaufen und zu Weihnachten Weizenstrietzel backen.
Oh Gott im Himmel, erbarm´ Dich unser!
Zu Bergen geschichtet fährt man die Leichen nachts aus den Krankenhäusern auf den Kirchhof und verscharrt sie dort.
Es wird nur noch gestorben!
Wir haben seit Montag unseren Arbeitsplatz in der Ottokarstr./Ecke Pillauer Landstraße. Das ist jetzt richtig im Russenviertel drin. Dort sollen wir 20 Frauen einen 15 Meter langen und
4 Meter tiefen Schacht graben, um ein von Bomben zerstörtes Wasserrohr zu suchen.
Es ist aber nicht so zugig wie im Hafen. Und im Keller des Lehrerinnenheimes haben wir uns einen Kokskorb besorgt und an dem sitzen wir, wenn wir verklammt sind.
Heute ist mein Urlaubstag. Ich habe mich von Kopf bis Fuß gewaschen, auch gleich Wäsche gemacht. Unser Nachbar, Herr Nordwich, ein Fleischermeister aus Grünheim bei Tapiau, hat Omi Stern und mir etwas Pferdefleisch gegeben, und da gab es heute Gulasch. Es hat wunderbar geschmeckt.
Wir singen Adventslieder und finden Trost darin und hoffen weiter.
Ich brachte Freitag ein kleines Tännchen aus dem Garten mit, als Weihnachtsbaum. Omi Stern hat geweint.
Wir haben ein warmes Stübchen und morgen gehe ich wieder arbeiten. Auch dabei wird man das Leiden nicht so gewahr.
Ich denke Tag und Nacht an Euch und bange mich sehr.
Lebt wohl, Ihr Geliebten.
Mutti



Königsberg, den 7.1.1946
Ihr Lieben!

Ja, wir sind im neuen Jahr 1946 schon eine Arbeitswoche drin. Auch am gestrigen Sonntag, dem 3-Königs-Tag, war ich zur Arbeit.
Wir passieren den Bretterzaun, den die Russen quer durch Königsberg gezogen haben. Dieser Zaun trennt das Ghetto der Deutschen vom Russenviertel. Der Posten kennt uns schon und lässt uns passieren. Auf unser „Guten Morgen“ antwortet er höhnisch mit „Cheil Chitler“.
Wir haben einen neuen Truppführer mit so´n alten Rauschelbart, unser Ewert ist noch krank. Ich war gestern wieder in dem Loch. In dem Lehmmorast sehe ich bald als wie ein Schwein. Aber gestern hatten wir früh Feierabend. Unserem Alterchen erzählten wir, wenn der Omnibus fährt, ist es 16:45 Uhr, so gewannen wir eine freie Stunde.
Den Nachhauseweg schaffe ich immer sehr schwer. Die Brust ist mir dann so eng und die Beine so schwer. Im Arm habe ich Rheuma, in den Händen ein Prickeln, als würde ich elektrisiert.
Ob das vom ständigen Kalt und Heiß über dem Koksofen ist – oder macht das Herz nicht mehr mit?
Aber sauber bin ich und wasche mich immer!
Über Mittag besuchen wir die Misthaufen der Russenfamilien. Ich las noch Essbares zusammen. Wie widerstrebt mir dieses alles!
Doch Hunger tut weh!
Mit der Kälte ist es noch gegangen. Im Augenblick ist Patschwetter, mit nassen Füßen kommt man schon zur Arbeit.
Ich bin immer Optimist.
Tante Selma Peppels letzte Briefe
Königsberg, den 21.01.1946

Mein herzlieber Mann und mein über alles geliebter Sohn Schorschchen!

So vergeht Woche um Woche und man wird des Wartens so müde.
Es soll Unstimmigkeiten der Alliierten geben, neue Konferenzen?
Deutsche Soldaten sollen in die US-Armee eingetreten sein. Wiederum sollen die Russen deutsche Kriegsgefangene für sich als Panzersoldaten eingekleidet haben.
In Deutschland selbst soll Arbeitslosigkeit herrschen, aber man geht an den Aufbau der Städte und der Eisenbahnen. Manche sagen, an den Russen liegt es nicht, dass wir hier nicht rauskommen, denn Deutschland hätte keinen Platz für uns!?
Werden wir armen Menschen noch rauskommen? Wann?
Vorige Woche gab es bis Freitag kein Brot für uns Deutsche. War das nun Mangel an Organisation oder bloß Schikane?
Unsere Arbeitskleidung war dementsprechend.
Gestern war Sonntag und mein Urlaubstag. Er verläuft in Windeseile. Frau Seidler und Tante Treptau waren da. Frau Seidler geht es gut. Sie wäscht in der Walkmühle.
Auf dem Markt ist recht viel zu kaufen, aber für Rubel, die ich nicht habe. Ich bekomme vielleicht 90 Rubel pro Monat, davon gehen alle Tage 1 Rubel für Brot ab. Am 21. Januar war es ein Jahr her, dass ich mein Schorschchen zum letzten Mal sah. Ich habe das Bild noch vor Augen, als er mich beschwor: „Muttichen, fahr´weg, fahr´weg!“
Und als er morgens fortging, mit seinen Kameraden, in der Kombination und an 2 Stöcken, sollte es das letzte Mal gewesen sein, dass ich ihn sah?



Königsberg, Sonntag, den 27.01.1946
Ihr Lieben!

Vor einem Jahr kamst Du, lieber Mann, am 29. Januar 1945, in dem tollen Beschuss hier in der Abendstunde an, und sozusagen fertig mit allem.
Und heute sitze ich hier, in der Schrötterstraße 118. Ich bin hier untergekrochen. Ich bin allein, aber ich hoff auf ein Wiedersehen.
Es sind 10 Grad Kälte, aber ich habe mir für Nachmittag vorgenommen, meinen alten Schwager Conrad zu besuchen. Er wohnt in der Yorkstraße, und auch in Königseck will ich noch bei Arbeitskameradinnen einen Besuch machen.
Wir haben für viele Tage kein Brot bekommen. Der Russe liefert nichts nach. Ich nähre mich nur noch vom Abfallhaufen der Russenfamilien, von erfrorenen Kartoffeln und Kartoffelschalen.
Das Brot ist gallebitter, aber man isst es doch wie Kuchen.
Ich danke Gott, dass ich noch nicht schlimmer krank geworden bin. Wir picken jetzt den hartgefrorenen Lehm los und scharren das Loch zu, wenn die Arbeit fertig ist. An anderer Stelle wird nun das kaputte Wasserrohr gesucht.
Ach, ist das eine Arbeit – kannst verzagen!
Das Elend hier wird von Tag zu Tag größer – ganze Familien sterben aus. Ach, wenn ich doch durchhalten möchte!
Manchmal meine ich, alle Eure Gedanken zu spüren.
So, wie ich an Euch in Liebe und Sehnsucht denke, so werdet Ihr sicher auch an Eure Mutti Selma Peppel denken!

Am 12.02.1946 ist Frau Selma Peppel verhungert.

Oma Stern bringt das Tagebuch nach Weimar.

Das Lager Tapiau bleibt noch bis ca. 1955 bestehen. Es ist ein Durchgangslager für Menschen, die aus der DDR zur Zwangsarbeit ins Arbeitslager an den Polarkreis deportiert werden, z. B. nach Workuta.

Nachstehender Brief ist von Frau Maria Stern.


Schwerstedt, den 14.11.1947
Lieber Herr Peppel!

Anfang 1945 lag Königsberg unter schwerem Beschuss (Ecke Quint-Stern).
Am 7. April mussten alle Häuser geräumt werden. Wir mussten den Schutzraum in der Scharnhorststr. aufsuchen.
Am 8.4. nach Mitternacht kamen die ersten russischen Soldaten in die Stadt. Sie nahmen Leibesvisitationen vor und nahmen alle Wertgegenstände weg. Schlimmeres eingeschlossen, wie Sie sich denken können.
Am 9.4. wurden wir zu einem großen Trupp gesammelt und mussten 10 Tage lang kreuz und quer durch die Halbinsel Samland wandern. Tag und Nacht waren Kontrollen durch die russischen Soldaten. Es gab viele Tote und Freitote. Am 19.4. durften wir zurück nach Königsberg.
Vom 10. bis 15. Mai lebten wir noch in der Motherbystraße. Ihre Frau war Straßenkommandant und verteilte die Brotkarten. Später arbeitete sie in einer Soldatenwäscherei. Am Nordbahnhof wurde ein riesiger Siegesplatz geschaffen. Dazu wurde das Messegelände abgetragen.
Im Herbst nahm uns Frau Marie Kukowsky, Schrötterstraße 118, auf. Ihre Frau musste sehr schwere Bauarbeiten leisten. Zuletzt arbeitete der Trupp am Wasserwerk, General-Litzmannstr. Wir hatten kaum zu essen.
Am 12. Februar 1946 starb sie, um 10 Uhr. Am Sonntag, den 17.02. war die Beerdigung auf dem Luisenfriedhof, hinter der Luisenkirche. Das Grab erhielt ein schlichtes Holzkreuz. Das Begräbnis kostete 80,- RM. Ihre Frau hatte das Geld dafür noch.
Als ich abreiste, blieben alle Bekannten aus unserer Straße noch zurück.
Anbei sende ich das Tagebuch Ihrer Frau (Es sind die Briefe, die sie nicht abschicken durfte.).

Maria Stern
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Hannelore Grünler aus Artern | 25.05.2012 | 07:00  
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