Steinerner Tresor - Das älteste Bauwerk der Menschheit

  Ausgrabungsstätte in Bilzingsleben gehört zu den zehn wichtigsten Fundstellen der Welt


BILZINGSLEBEN. Es ist nicht das kleine Örtchen Bilzingsleben, bei dem Menschen sofort an das älteste Bauwerk der Menschheitsgeschichte denken. Das liegt vor allem daran, dass man mit Bauwerken zumeist Häuser meint. Doch unter einer Glaskuppel beherbergt die Grabungsstätte Steinrinne tatsächlich das älteste derzeit bekannte Bauwerk der Menschheit.

 Etwa 370 000 Jahre ist es alt. Ein Lagerplatz, eine Kultstätte des Homo erectus bilzingslebenensis: Neun Meter im Durchmesser hat der Vorfahre dort Pflastersteine verlegt. Der Platz zeugt vor allem davon, dass der Homo erectus bereits bewusst gehandelt hat. Er habe, so der wissenschaftlich-technische Leiter Enrico Brühl, die Stelle sauber gehalten. Welchem genauem Zweck sie diente, lässt sich noch nicht sagen. Wohl aber, dass die Pflastersteine etwa die gleiche Größe besitzen und aus bis zu 400 Metern aus der Umgebung herbeigeschleppt wurden.

 Damals, so beschreibt Enrico Brühl die Situation, habe mediterranes Klima geherrscht. Auch an der heutigen Wipper. Allerdings sei es bezüglich der Vegetation und Tierwelt nicht vergleichbar mit einer der heute bekannten Klimazonen. Einen See hat es an der Stelle gegeben, wo heute die Ausgrabungsstätte auf einer Anhöhe liegt und den Blick auf das beschauliche Örtchen freigibt. Als das Wasser verschwand, bildete sich eine schnell wachsende Kalkplatte. Das Travertingestein schloss alles ein und konservierte es derart gut, dass es nach knapp 400 000 Jahren noch hervorragend erhalten ist. Wie ein steinerner Tresor hat der Kalk diesen Mikrokosmos bewahrt. Inzwischen gibt es mehr als fünf Tonnen Ausgrabungs­material: Werkzeuge, Tier- und Menschenknochen, Abdrücke der Pflanzen werden noch Jahrzehnte lang ausgewertet werden müssen.

 Dass der Mensch schon damals ein Bewusstsein hatte, dokumentieren eine Reihe von Werkzeugen. Und der besondere Umgang mit dem Tod: Nicht einfach irgendwo wurden die Verstorben liegen gelassen. Das zeigt die Tatsache, dass eine Reihe von Schädeln gefunden wurden. Säuberlich abgetrennt vom restlichen Skelett. Hier handelte es sich allerdings nicht um ein Gemetzel. War es ein besonderer Schädel-Kult?
 Aufgefallen ist auch ein Tierknochen. Einige Wissenschaftler vertreten die These, dass dies der vielleicht älteste bekannte Mond-Kalender sein könnte. „Fein säuberlich“, so erklärt Enrico Brühl, „hat jemand mit ein und demselben Werkzeug Kerben in einen Knochen geschnitten“. Jeweils bis zur Mitte des Knochens verlaufen die sieben Paare parallel. Nur einer der bemerkenswerten Funde der Ausgrabungsstelle. Der Ur-Mensch war ein erfahrener Großwildjäger: Junge Elefanten – der Waldelefant muss ein Schulterhöhe von etwa fünf Metern gehabt haben – und alte Nashörner standen auf dem Jagdzettel und vermutlich auch dem Speiseplan.

 Wer bedenkt, dass die ältesten bekannten Funde, die auf eine Kultur der Spezies Homo erectus in Afrika hindeuten, „nur“ 200 000 Jahre alt sind, wird die Bedeutung Bilzingslebens erkennen. Er gehört zu den zehn wichtigsten Fundorten der frühen Menschheitsgeschichte weltweit. Experten fliegen von allen Kontinenten in den Landkreis Sömmerda. Nun ist der Freistaat gefragt, der Stätte zu der Bedeutung zu verhelfen, die sie unter Wissenschaftlern bereits genießt.
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