Streng geheim? Schätze im Heimatmuseum Ingersleben – Mit Briefsiegellack zu Weltruhm

Museumsleiter Dieter Manns zeigt seinen Schatz, einen Briefsiegellack-Musterkoffer um 1870.
 
Eingang zum Museum.
Ingersleben: Rittergut | Im Rittergut Ingersleben geht Dieter Manns seit mehr als 30 Jahren ein und aus. Der Diplom-Museologe kennt jeden Winkel des großen Anwesens aus dem Jahre 1609, hat hier das sehenswerte Heimatmuseum seit 1979 Stück für Stück mit aufgebaut.

Dort wo die Dielenbretter auch heute noch knirschen und die Wände oft so schief sind, dass kein Bild gerade hängen würde, kann er Geschichten von Rittern, Grafen, Händlern, Bauern und Fabrikanten erzählen, die alle ihre Spuren in dieser Region hinterlassen haben. So über den Norweger Andreas Lilliendahl (1738-1805), dessen Geschichte ihm besonders am Herzen liegt: Im Jahr 1778 trat dieser in die evangelische Brüdergemeine Neudietendorf ein. Als erfolgreicher Händler für Bleistifte, Schreibfedern, Fischbein-Korsettstäbe und Siegellack verfügte er über die notwendigen Geldmittel. Noch im gleichen Jahr baute er in Neudietendorf eine Fabrik zur Herstellung von Briefsiegellack, ein damals sehr gefragtes Gebrauchsmittel, denn jeder Brief wurde damit streng geheim!

Mit seiner Rezeptur gelang Lilliendahl die Herstellung von sehr hochwertigem Lack in unterschiedlichen Farben, so dass die Stangen meist mit persönlichen Initialen oder Namen des Käufers versehen wurden. Für die Damen sogar parfümiert. Erst dann gingen sie auf Reisen, neben Italien, Frankreich und der Schweiz auch nach Übersee, vertrieben vor allem über die Missionsstationen der Brüdergemeine. Die Nachfrage stieg stetig, der Lilliendahlsche Siegellack machte sich weltweit einen Namen. Auch Königshäuser zählten zu seinen Kunden. Damit legte Andreas Lilliendahl den Grundstein für eine lange, erfolgreiche Firmentradition. Erst nach 211 Jahren, im Jahr 1989, blieben hier die Fabriktore für immer geschlossen. Als 1990 erste Teile der Manufaktur abgerissen wurden, rettete Dieter Manns viele wertvolle Schätze, wie eine Werkstatt von 1860, Gußformen, Musterkoffer, 1700 Firmen- und Namensstempel, Produkte und Geschäftsunterlagen, die alle heute noch im Fundus des Museums lagern. "In ganz Deutschland gibt es kein Museum, das sich mit Briefsiegellack beschäftigt," sagt Manns stolz. Momentan zeigen in Ingersleben zwei Vitrinen Wissenswertes zum Thema. In absehbarer Zeit soll ein neuer Raum ganz dem Thema Briefsiegellack gewidmet werden.

Vor zwei Jahren machte Manns einen besonderen Fund: Er entdeckte das Kontorbuch der Firma Lilliendahl, geführt von 1805 bis 1814. Alle abgehende Post ist darin als Kopie erhalten. "Ich studiere gerade dieses Buch. Neben Rechnungen sind vor allem viele historische Randbemerkungen zum Zeitgeschehen sehr interessant. So ist zu erfahren, dass bei der Völkerschlacht am 22. Oktober 1813 die französischen Truppen Neudietendorf nicht plünderten, wohl aber die Nachbargemeinden", erzählt der Museologe. "Heimatgeschichte kann sehr spannend sein. Sie lässt sich am besten vor Ort erleben." Denn wer glaubt, dass Google alles weiß, der irrt. Beim Namen Andreas Lilliendahl erschient das Facebook-Profil eines jungen Norwegers. Ansonsten nur der Hinweis "Meinten Sie vielleicht Lilienthal?"

Informationen
• Heimatmuseum im Rittergut Ingersleben, Karl-Marx-Str. 40, geöffnet ist Sonntag von 14 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung
• Ansprechpartner: Dieter Manns, 036202/82211
• E-Mail: rittergutingersleben@ t-online.de
• sehenswert sind eine „Schwarze Küche“ um 1750, Backstube um 1900, Rokkokozimmer, Münchhausenzimmer, Turmzimmer
• ab 20. Mai neue Sonderausstellung zur „Reservistenkultur im Kaiserreich
von 1871 bis 1914“
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