Tanztheater Premiere: Unser Alltag ist preußisch organisiert

Der Titel Eures Stücks ist "Luxus Große Nummer Freiheit", welche Überlegung steckt dahinter?

Es ist das "Markenzeichen" des Tanztheaters Erfurt, sich mit sehr aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinander zu setzen. Diesmal geht es uns um eine amüsante Betrachtung des Themas Freiheit in unserer Gesellschaft, das Empfinden jedes Einzelnen darin. Und diesmal mit einem fast ganz neuen Team.
Unser ursprünglicher Weg begann mit den Ideen, die im Systemwechsel vor über 20 Jahren seitens der Bürgerbewegungen gesponnen wurden. Da gab es ganz großartige, natürlich auch sehr idealisierten Überlegungen, wie ein Land sich selbst gestalten könnte. Das wurde sehr schnell auf andere, uns ja allzu bekannte Weise, gelöst. Die Menschen wollten eher Sicherheiten für ihre Freiheit, nicht wieder um ihre Freiheit weiterkämpfen und griffen auf ein existierendes System zurück, welches Freiheiten versprach. Schauen wir uns das aktuellen, ja postmoderne Miteinander einmal an unter der Maßgabe der Freiheit. Da stecken jede Menge Zwänge, Regeln, Pflichten. Es ist eher preußisch - beispielsweise mit unseren über 40.000 existierenden Gesetzestexten. Des weiteren steht "freiheitlich & demokratisch" draußen auf dem PAKET "Deutschland". Unser Empfinden ist ein postkapitalistisches und in unseren Arbeitsstrukturen sogar oft planwirtschaftlich.

Mit den Versprechungen ist es ein bisschen wie Werbung. Individualisierung, Herstellung von neuen Bedürfnissen, Gleichschaltung, Arbeit, Regeln, Strukturen - das sind so die Punkte unseres postmodernen Lebens. Witzigerweise sieht das in unserer Gruppe jeder auch ein wenig anders, das ist spannend und findet im Stück Widerhall.

Der zweite Pol war Franics Fukuyamas Buch "Das Ende der Geschichte" aus den 90ern. Er meinte damals -vereinfacht - dass es nun kein weiteres System mehr schaffen würde, sich durchzusetzen, weil die anderen gescheitert sind. Ich glaube nicht daran. Meiner Meinung nach gibt es noch Möglichkeiten eines gesellschaftlichen Miteinanders, die nicht publik sind oder noch nicht gedacht werden können.
Die Große Nummer ist die Freiheit also noch nicht, obwohl damit so hausiert wird. Damit setzt sich das Stück auf sehr ironische Art auseinander. Es gibt viel zu schmunzeln und zu denken.

Die Proben dauern eine Weile, viele sind mit vollem Herzen dabei. Doch woher stammen die Mittel, um solche Kleinkunst auf die Bühne zu bringen?

Wir proben seit November 2010. Das Projekt wird durch verschiedene Institutionen gefördert: der Fonds Soziokultur der Kulturstiftung des Bundes, das Ministerium für Bildung, Wissenschaft & Kunst, sowie der Beauftragte für Menschen mit Behinderung im Ministerium für Soziales, Familie & Gesundheit. Uns unterstützen Einrichtungen und Firmen auf großartigeWeise wie die Spiel- und Theaterwerkstatt Erfurt, das Theater die Schotte, der Stadtgarten Erfurt, das Serval-Team der ehemaligen Parteischule, das Theater Erfurt und die Firma Service unlimited.



Wer sind die Akteure des Stücks? Wie wurde der Stoff entwickelt?

Auf der Bühne agieren insgesamt 14 Personen als TänzerInnen, GebärdensprachsängerInnen und eine Schauspielerin mit einer Altersspanne von 20 bis 70.

Wir haben das Prinzip Freiheit mit in unseren Erarbeitungsprozess genommen. Jeder konnte die Arbeitsweise und die Inhalte so mitbestimmen. Das gab anfänglich große Verwirrung und Zaghaftigkeit, allerdings ergaben sich daraus sehr interessante und außergewöhnliche Ideen für das Stück. Choreografische Ideen, die Gebärden-Lieder und die Texte der Schauspielerin entstammen oft der Reflexion unseres eigenen Herangehens und des Umgang miteinander, viele Begebenheiten auf der Bühne sind in dieser Zeit auch passiert, das Stück ist sehr nah an den Beteiligten, die zu freie Struktur machte uns aber oft auch zu schaffen, weil sie eben mehr Zeit und Energie braucht.


Wie kam es zu der ungewöhnlichen Kooperation mit dem Gebärdenchor?

Ein Vorstandsmitglied des Tanztheater fragte mich vor einem Jahr, ob ich nicht Lust hätte, für das Tanztheaterstück den Erfurter Gebärdenchor zu fragen. Gebärdenchor ist eine so wunderbare ästhetische Form, zudem haben Gehörlose eine andere, weil sinnlichere Wahrnehmung von Freiheit - eben durch die Einschränkung ihrer Sinne einen anderen Blick auf die Welt. Sie haben mit einer anderen Orientierung im Leben zu tun. Die Leiterin Frau Koschollek hat sofort großes Interesse mit großartigen Ideen bekundet. Zusammen mit der beiden Gebärdendolmetscherinnen Frau Oelze und Frau Kolbe bringt der Chor eine beeindruckende Energie in das Thema und in unsere gemeinsame Arbeit.



Für wen ist das Stück geeignet, gibt es eine Alterbeschränkung?

An sich gibt sie es nicht, das Thema braucht nur ein wenig Erfahrung. Es ist zwar ein Erwachsenenthema, aber für alle wichtig.


Wann kann man das Stück anschauen?
Fr, 20. Mai 20 Uhr;
Sa, 21. Mai 20 Uhr;
So, 29. Mai 19 Uhr;

immer im Stadtgarten Erfurt.
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