Teure Westschlager

  Das Jazzmuseum in der Heiligen Mühle bietet Geschichten über die Musikwelt im Dritten Reich und in der DDR

Von Axel Heyder

ERFURT. „Nur wenn wir brutal durchgreifen, werden wir ein gefährliches Umgreifen dieser anglophylen Tendenz vermeiden können. Alle Rädelsführer sind in ein Konzentrationslager einzuweisen. Dort muss die Jugend Prügel bekommen. Der Aufenthalt für diese Jugend im KZ muss länger sein, zwei bis drei Jahre. Das ganze Übel muss radikal ausgerottet werden.“

 Das schrieb Heinrich Himmler, Reichsführer SS, am 6. Januar 1942 an Reinhard Heydrich, Leiter des SS-Reichssicherheitsamtes. Was hatten die „Rädelsführer weiblicher und männlicher Art“ Schweres verbrochen, was die SS-Schergen so auf die Palme brachte? Sie haben Musik gehört und getanzt, in der sogenannten „Swing-Jugend“.

 Glenn Miller und sein Orchester hatten in den 20er-Jahren diese musika­lische Revolution aus den USA nach Deutschland exportiert, zwischen den Weltkriegen wurde fleißig Swing getanzt. Eine Kopie dieses Schreibens hängt im Erfurter Jazzmuseum, eine der Ausstellungen auf dem Gelände der Heiligen Mühle. Erst als die Amerikaner in Erfurt einmarschierten, Bilder davon hängen im Museum, folgte vorübergehend eine liberalere Zeit für Jazz und Swingmusik.

 Wer die Führung mit Karli Naue, einem echten Musik­urgestein in Erfurt, mitgemacht hat, hört noch mehr Geschichten in den erst auf den zweiten Blick spannenden Ausstellungsräumen. In der Hitlerzeit war Naue noch zu jung für seine spätere Leidenschaft: Jazz und Swing.

 Doch auch zu DDR-Zeiten standen die Oberen – nach anfänglicher Toleranz – diesen musi­kalischen Einflüssen nicht sehr aufgeschlossen gegenüber. Zwar musste man nicht ins Konzentrationslager, aber an empfindliche Geldstrafen können sich manche Schallplattenunterhalter und Musiker noch erinnern. Wer die sogenannten 60-40-Quote (Ost /West) nicht einhielt, bekam mächtig Ärger. Gespitzelt hat die AWA, das Ostpendant zur GEMA.

 Auch davon erzählt die Sammlung im Jazzmuseum. Besonders DDR-Staatschef Ulbricht mochte die wilden Klänge nicht. Ein Schriftstück zeugt davon, wie strikt seine Befehle ausgeführt wurden: Ein Schallplattenunterhalter hatte es 1959 gewagt, die Westschlager „Das habe ich in Paris gelernt“ und „Souvenirs“ in der Kulturhalle der Nationalen Volksarmee in Döbeln zu spielen. 500 Mark Strafe und 25,85 Mark Verfahrenskosten musste dieser im Anschluss berappen.

 „Es gab keine Liste, welche der Westlieder toleriert wurden und welche nicht“, erinnert sich Naue an diese Zeit. „Man musste das im Gefühl haben. Wir hatten wohl mit Naues House-Band immer Glück.“ Fortuna nicht auf seiner Seite hatte „Herr Weigelt“, offenbar ein Schallplattenunterhalter, der nach einem Tanzabend am 28. Dezember 1958 in Erfurt vom Leiter der Abteilung Kultur, Schulz, Folgendes zu lesen bekam: „In der Programmgestaltung in der HO-G Hopfenberg haben Sie die vorgeschriebenen Proportionen verletzt und 70 bis 85,5 Prozent Westschlager aufgeführt.“ Kurze Zeit darauf kam der Ordnungsstraf­bescheid in Höhe von 150 Mark, plus 8,80 Mark Verfahrenskosten.


Termine:

• Wer sich das Jazzmuseum anschauen möchte, sollte unbedingt eine Führung mit Karli Naue mitmachen, denn vor allem seine Anekdoten würzen den Gang durch die kleine Ausstellung. Anmeldungen sind notwendig:   03 61 / 73 32 97
• Gute Termine sind: 31. März, 10 Uhr, Ostern in der Mühle mit Führungen, Live-Musik mit Naues House-Band, Marktständen und Überraschungen; 1. Mai, 10 Uhr, Maifest mit Markt, Live-Musik mit Ludowig dem Ludenslaher und Naues House-Band, Führungen, Bastelecke, Bier und Bratwurst; 20. Mai, 10 Uhr, Deutscher Mühlentag mit Markt, Live-Musik mit Naues House-Band, Kinder­ecke und Mühlenführungen.
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