Thomas Müntzer

Thomas Müntzer (auch Münzer) und Ottilie von Gersen (auch Görschen):
Köpfe der Reformation

Das nahende Reformations-Jubiläum 2017 ruft in uns wach, dass es nicht nur einen Martin Luther gab, sondern dass diese Zeit der Erneuerung des Glaubens und des Lebens überhaupt viele kluge Köpfe und viele neue Ideen hervorbrachte. Die Renaissance war das Zeitalter eines Michelangelos. Dazu gäbe es noch einiges zu sagen.
Aber mein Blick wendet sich nun Thomas Müntzer und seiner Frau Ottilie zu.

Thomas Müntzer wurde um 1489 in Stolberg (Harz) geboren. Sein Name geht möglicher-weise darauf zurück, dass sein Vater Münzmeister war.
Bis 1501 lebte er in Quedlinburg, dann Studium in Leipzig und Frankfurt/Oder.
1515 nahm er das Amt eines Stiftsverwalters des Kanonissenstifts Frose bei Aschersleben an. Die Stiftskirche ist dem hl. Cyriakus gewidmet, dessen Leben Müntzer sehr beeindruckt hat. Hier lernte er das Kind Ottilie von Gersen (geboren vor 1505) kennen.
Thomas Müntzer wurde in kurzer Zeit an diverse Pfarrstellen vermittelt bzw. nahm diese Stellen an. Das erinnert mich an die heutige „Generation Praktikant“.
Müntzer und Ottilie begegneten sich immer wieder, so 1519 im Zisterzienserinnenkloster Beuditz bei Weißenfeld und 1522 im Zisterzienserinnenkloster St. Georgien in Glauchau bei Halle/Saale. Ottilie lebte in den Klöstern als Nonne und Thomas Müntzer war als Beichtvater und Kaplan angestellt. Beide befanden sich auf der Suche nach dem wahren Glauben und dem richtigen Leben.
Papst Leo X. erließ in dieser Zeit den „Petersablass“. Damit sollte der Bau des neuen Petersdoms in Rom bezahlt werden.
Den einfachen Leuten machte der Ablass vor, dass sie ins himmlische Paradies gelangen, wenn sie Ablassbriefe kaufen. Sowohl Martin Luther als auch Thomas Müntzer wandten sich scharf gegen den Ablasshandel.
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Müntzer hatte als Verwalter des Kirchenstifts gesehen, wie sehr die Bauern unter der Fron und den hohen Abgaben an die Fürsten litten. In seinen Augen konnte deshalb der Ablass für das Volk nicht gut sein.
Ab 1517 war Thomas Müntzer öfter in Wittenberg. Hier lernten sich Luther und Müntzer kennen. Müntzer verehrte einige Zeit Luther und seine Ansichten.
Um 1520 wurde Müntzer Prediger in der Marienkirche Zwickau. Er hatte engen Kontakt zu dem Tuchmacher Nikolaus Storch und dessen Anhängern, die kirchliche und weltliche Macht ablehnten.
Luthers Erfahrungen waren andere. Er hielt die Macht der Fürsten für gottgewollt, deshalb lehnte er die Haltung Storchs und Müntzers ab.

Am 17.04.1521 verließ Müntzer Zwickau.
Das war der Tag, an dem Luther auf dem Reichstag zu Worms die Rücknahme seiner Lehre verweigerte. Daraufhin wurde er in Reichsacht gelegt und war vogelfrei. Sein Kurfürst, Friedrich III. von Sachsen, beschützte ihn und schickte Luther als „Junker Jörg“ für 300 Tage auf die Wartburg. Luther nutzte die Zeit und übersetzte die Bibel ins Deutsche.
Genauer gesagt: Er formte eine einheitliche deutsche Schriftsprache, die es bis zu diesem Zeitpunkt nicht gab. Ausgangspunkt war dabei für Luther die sächsische Kanzleisprache.

Von Zwickau aus ging Müntzer nach Böhmen. In Prag predigte er an der St. Bethlehems-Kapelle. Das war einst die Pfarrstelle von Jan Hus. Müntzer verfasste das „Prager Manifest“. Die Prager Bürger wollten aber keinen zweiten Jan Hus und er wurde außer Landes verwiesen.
In den Jahren 1521-1523 zog der junge Thomas rastlos durch Thüringen. Jena, Erfurt und Weimar waren Stationen. Kurz vor Ostern 1523 wurde er zum Pfarrer der Johanniskirche in Allstedt berufen.

Im Frühjahr 1523 entliefen 16 Nonnen aus dem Dominikanerinnenkloster in Wiederstedt. War Ottilie von Gersen eine von ihnen? Jedenfalls traf sie bei Müntzer in Allstedt ein und sie wurden vermutlich von Pfarrer Simon Haferitz getraut.
Drei Jahre später (1526) heiratete Martin Luther die entlaufene Nonne Katharina von Bora. Damit wurde das evangelische Pfarrhaus begründet.

Das erste Ehejahr von Thomas Müntzer und Ottilie war sehr harmonisch. Müntzer hielt die Messe mit deutschsprachiger Liturgie und betrieb eine Druckerpresse in Allstedt. Am 27. März 1524 wurde ihnen ein Sohn geboren.
Müntzers Mutter starb bereits 1521. Der verarmte Vater wurde von Ottilie bis zu seinem Tod im Jahr 1524 gepflegt.
Für Müntzers dauerhafte Berufung in Allstedt musste er am 13.07.1524 vor dem späteren sächsischen Kurfürsten Johann, dessen Sohn Johann Friedrich I. und weiteren Adligen, eventuell auch Ernst von Mansfeld, eine Präsentationspredigt halten. Thomas Müntzer nutzte das, um den Fürsten die Lebensverhältnisse der Bauern zu schildern und bei den Fürsten Demut, einen einfachen Lebensstil und weniger Steuern und Fron-Tage für das Volk anzumahnen. Die Fürsten sollten der Sache der Reformation keinen Widerstand leisten.
Diese sogenannte „Fürstenpredigt“ gefiel den Herren natürlich nicht und Martin Luther lehnte sie auch ab.

Martin Luther nannte Müntzer nun den „Satan von Allstedt“. Ein Makel, der über 500 Jahre an ihm haften blieb.

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In der Nacht vom 7. zum 8. August 1524 musste Müntzer aus Allstedt fliehen. Die Fürsten lösten den „Allstedter Bund“ von Anhängern Thomas Müntzers auf. Der Bund hatte für Aufregung gesorgt, weil er die Wallfahrtskirche in Mallerstedt abbrannte.
Auch Ottilie war im „Allstedter Bund“ aktiv. Es wird vermutet, dass sie die erste Regenbogenfahne nähte, die später zur Standarte des „Bundschuhs“ wurde (Motiv in einem Film über Thomas Müntzer).

In der freien Reichsstadt Mühlhausen erhielt Thomas Müntzer eine Anstellung als Pfarrer an der Marienkirche. Hier fand er in Heinrich Pfeiffer einen Gleichgesinnten. Beide sorgten dafür, dass der patrizische Stadtrat abgewählt und der „Ewige Rat“ der aufständischen Bürger und Bauern eingesetzt wurde.
Im Februar 1525 zog Ottilie zu ihrem Mann nach Mühlhausen.
Müntzers Familie, der kleine Sohn und die wieder schwangere Ottilie wohnten im Deutschordenshaus gegenüber der Marienkirche.
Ottilie von Gersen war eine gebildete Frau. Sie konnte lesen und schreiben. Ihre Liebesbeziehung zu Müntzer war partnerschaftlich und gleichberechtigt. Sie war auch Partnerin in seinem reformatorischen Vorhaben. Sie übersetzte seine lateinischen Predigten, Texte und Gotteslieder ins Deutsche. Verbürgt ist, dass Ottilie den katholischen Gottesdienst samt Ablasshandel in Mülverstedt störte und dafür kurz inhaftiert wurde. Diese Gerichtsakten wurden archiviert und geben so Kunde von Ottilies Aktivitäten.
Müntzer, der kein Politiker war, schätzte die Situation falsch ein. Zwar gährte es unter dem Ackerbürgertum und den Bauern, aber diese Aufständischen hatten wenig militärische Erfahrung. Gegen das gut bewaffnete Fürstenheer mit Sicheln, Morgensternen und Beilen anzutreten, war fast aussichtslos. Es zeigt aber die Verzweiflung der Bauern, die wegen der hohen Abgaben selbst hungern mussten.

Am 15. Mai 1525 kam es zur Schlacht bei Bad Frankenhausen. Für die Bauern wurde es eine Katastrophe. Laut Bericht der siegreichen Fürsten um Philipp von Hessen wurden 6000 Bauern getötet. In den Reihen der Adligen soll es kaum Tote und Verletzte gegeben haben.
Das waren Siegernachrichten, die müssen hinterfragt werden. Möglicherweise gab es auch in der Streitmacht der Fürsten mehr Verluste, als zugegeben wurde.
Thomas Müntzer wurde gefangen genommen und 12 Tage auf Burg Heldrungen, dem Besitz von Ernst von Mansfeld, gefangen gehalten. Er wurde mit glühenden Eisen gefoltert, Arme und Beine wurden mehrfach gebrochen, Finger gequetscht. Am 27. Mai 1525 wurde er öffentlich enthauptet. Hochschwanger hatte Ottilie diese Hinrichtung miterlebt. Anschließend wurde sein kopfloser Körper auf einen Pfahl gespießt und zur Abschreckung aufgestellt. In der Regel blieben Gepfählte solange (bis zu 2 Jahren) aufgestellt, bis die Raben und Wind und Wetter alles zerflettert hatten. Ein Grab bekam der „Satan“ und „Ketzer“ nicht. Selbst der Tote wurde nochmals geschändet, indem ein fürstlicher Landsknecht seine schwangere Frau Ottilie vergewaltigte.
Wir wissen nicht, wie Ottilie von Gersen diesen Gewaltakt körperlich und seelisch überstand. Hatte sie eine Fehlgeburt?
Dem Wunsch Müntzers, man möge Ottilie von Gersen seine Schriften herausgeben und sie schützen, wurde nicht entsprochen. Aus Mühlhausen wurde sie ausgewiesen und ist möglicherweise zu Verwandten nach Nordhausen oder Erfurt gezogen. Der Herzog Georg von Sachsen ordnete ihre Überwachung durch den Mühlhäuser Rat an. Das ist die letzte Kunde von Ottilie. Danach verliert sich ihre Persönlichkeit (ca. 21 Jahre alt) im Dunkel der Geschichte.

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Luther, der gegen die Bauern das Buch schrieb: „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“, drückte seine Abscheu über die Vergewaltigung Ottilies im „Sendbrief von dem harten Büchlein wider die Bauern“ aus:
„Wie ich gehört habe, hat zu Mühlhausen einer der vielen kräftigen Landsknechte das arme Weib Thomas Müntzers, die nun eine Wittwe und schwanger ist, zu sich gefordert …O, ein ritterliche, adeliche That, an einem elenden, verlassnen, schwangern Weiblin… das ist ja ein kühner Held…“

In Erinnerung an die Bedrohung und die Einschüchterung der Bauern entstand im Volk das Trutzlied von Florian Geyers (* um 1490, † 10.06.1525) schwarzen Haufen (Tauberhaufen), der auf die Dächer der Mächtigen den „roten Hahn“ setzt. Es endet mit der Hoffnung „Die Enkel fechten´s besser aus!“ Die Hoffnung stirbt immer zuletzt. 1)

Was es sonst in jener Zeit noch gab:
Auf der Seite der Bauern standen in Würzburg der Bildhauer Tilman Riemenschneider und im Elsass der Maler Nithart Grünwald. Auch für sie folgten Folter, Flucht, Vertreibung.
Lucas Cranach d. Ä. malte „Die Venus“. Fortan wurden seine „nackten Weiber“ Kassenschlager. Seine per Schablone gemalten, hunderte Lutherbilder und Flugblätter machten die Reformation bekannt.
Der Arzt Paracelsus heilte mit einer neuen Methode und erlangte große Popularität.

Was bleibt:
- Die liturgischen Reformen und Schriften, u.a. Predigt in deutscher Sprache. Der Pfarrer
wendet das Gesicht den Kirchenbesuchern zu (Deutsche Messe).
- Kirchenlieder
Müntzer war ein Vorreiter deutschsprachiger Gottesdienste in Mitteldeutschland.
- Schriften: Prager Manifest (1521),
(Auszug) Fürstenpredigt (1524)
- 95 Briefe in Deutsch oder Latein


Quellen:
- Wikipedia, freie Enzyklopedie, Thomas Müntzer/Ottilie von Gersen/2015-08-30
- Schulbuch Geschichte, Klasse 6, Frühbürgerliche Revolution/Thomas Müntzer, Verlag
Volk und Wissen
- Weltgeschichte auf einen Blick/Ploetz 1988, S. 179, S. 188
- Weg zur Reformation, 2010/11, Tourist-Info Thüringen 2014/15
- Luther in Eisenach, Eisenach-Information, 1983, Autor Herbert von Hintzenstern
- Kooker, Katharina von Bora
- Martin Luther, Leben und Werk, Wartburg-Verlag
- Reformation und Toleranz
- Dr. Sylvia Weigelt: „Der besondere Fall der Otthilie Müntzer“, 2014
- Thüringer Allgemeine, Regionalteil Mühlhausen, 25.08.2015, „Was Müntzers Ehefrau
Ottilie leistete“
- Briefmarkensatz zum Thomas-Müntzer-Jahr 1983
Der Künstler Werner Tübke gab Thomas Müntzer sein Antlitz als besondere Wertschätzung
der Person Müntzers

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1) Anmerkung
Der fränkische Reichsritter Florian Geyer verzichtete freiwillig auf ein Leben im Luxus und war Berater und Verhandlungsführer der Tauberbauern. In der Nacht vom 9. Bis 10.6.1525 soll er von Knechten Wilhelm von Grumbachs ausgeraubt und erstochen worden sein (keine Belege).
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