Unterwegs mit Naoko Mori

Vor 67 Jahren wurde die erste Atombombe über Hiroshima abgeworfen. Der Bomberpilot gab der Bombe den Namen „Enola Gay“, weil man ihm eingeredet hatte, dass er eine Heldentat vollbringen würde. In Wahrheit brachte er den hunderttausendfachen Tod.
In Hiroshima steht heute ein Denkmal für die Toten von Hiroshima und Nagasaki. Es erinnert auch an die kleine Sadako, die auf Weiterleben hoffte. Eine alte japanische Sage erzählt, wer 1000 Kraniche faltet, erhält das ewige Leben. Sadako schaffte es aber nur, 996 Kraniche zu falten. Sie starb.
Um das Jahr 1990 lernte ich die Studentin Naoko Mori kennen. Sie hatte ein Studienjahr an der Evangelischen Akademie Oberursel absolviert. Von da aus kam sie nach Erfurt, weil ihr Professor von der Uni in Tokio sie und weitere Studenten gebeten hatte, Bürgerbefragungen zum Thema „Wendezeit“ durchzuführen. So begann unsere Freundschaft, die schon über zwanzig Jahre hält. Zahlreiche Geschenke künden von unserer Gemeinschaft.

In Japan ist es Tradition, zum Jahresende Tierkreiszeichen zu verschenken. So besitze ich schon zahlreiche Figuren. Der Hahn steht für das Jahr 2005, die Ratte für 2008, der Büffel für 2009 und die Katze für 2011. Das Jahr 2012 ist das Jahr des Drachen. Solche Figuren sollen Glück bringen.
Weil ich ein „Mädchen“ bin, habe ich auch das japanische Kaiserpaar als Miniaturpuppen bekommen.
„Hina-Matsuri“, das Puppenfest, wird am 3. März gefeiert. An diesem Tag werden die Puppen auf einem stufenförmigen Regal aufgebaut. Eine Garnitur umfasst 15 Puppen, die den japanischen Hof darstellen. Das ist zu vergleichen mit dem kleinen Hofstaat „Mon Plaisir“ in Arnstadt. Oben sitzen die zwei „Dairi-Sama“, das Kaiserpaar.

Diese Tradition können sich nur begüterte Japaner leisten. Sie entspricht der Ahnenverehrung des Shintoismus. Neben dem Buddhismus ist er eine der Hauptreligionen in Japan.

Es gibt viele Feste, außer dem Fest der Mädchen und auch ein Jungen-Fest am 5. Mai. Das Sternenfest „Tanabata“ wird am 7. Juli gefeiert. Am 15. November gibt es das Kapfenfest. Der Fisch soll den Knaben Stärke und Zielstrebigkeit verleihen.
Wer solche Feste erleben will, sollte den Japanischen Garten in Bad Langensalza besuchen. Für eine Teezeremonie und die Atmosphäre im Teehaus entführt ganz schnell in die Welt japanischer Kultur und Traditionen.

Japan ist auch bekannt für kunstvolle Gartenanlagen, für Porzellankunst, für Origami, eine Falttechnik, die nicht nur Kraniche entstehen lässt und für Ikebana, die Kunst, Blumen zu arrangieren. Die Leichtigkeit im Bau von Häusern, die Zweckmäßigkeit von Wohnungen, die kunstvolle Schrift – das ist etwas, wovor ich großen Respekt habe.

Der Berg Fuji (3776 Meter hoch) wird in Japan als Heiliger Berg verehrt. Hier wandern auch Hochzeitspaare hin.
Ich habe Naoko gelegentlich gefragt, ob sie bald heiraten würde. Diese Idee fand sie nicht so gut. Sie hat promoviert und bearbeitet ein riesiges ökonomisches asiatisches Netzwerk.
Wenn, dann würde sie nur einen deutschen oder einen amerikanischen Mann heiraten. Eine Hochzeit nach japanischer Tradition ist ihr dadurch aber nicht verwehrt.
Die Feier findet in einem Hochzeitshaus statt. Oft wird der Kimono getragen. Für die Hochzeit selbst gibt es keine standesamtliche Zeremonie. Es werden Formulare ausgefüllt, die dann in ein Familienregister eingetragen werden. Eine Hochzeit ist sündhaft teuer, weshalb meist ältere Paare diese Feier anstreben.
In diesem Hochzeitshaus gibt es den Chef des Hochzeitskomitees – so eine Art Heiratsvermittler. Moderatoren führen durch ein Kulturprogramm. Es ist üblich, dass die Gäste das Fest mitfinanzieren; etwa 100 € kostet der Eintritt. Ist alles bezahlt (Geld muss
vorher abgegeben werden), kann es losgehen.

Vor vielen Jahren habe ich mir vom ersten DM-Geld eine Zeitung mit Richard Chamberlain auf dem Titelbild gekauft. In der Rolle des „Shogun“ wurde er zum Star. Der Stoff führt zurück in das Japan des 17. Jahrhunderts. Der Shogun steht in Diensten des mächtigen Fürsten Toranga. Der Kaiser ist machtlos. Fünf Fürsten kämpfen um die Macht und spanische Jesuiten streben an, dass Japan eine Kolonie Spaniens wird. Ein schwer durchschaubares Knäuel von Intrigen, Denunziationen, Kriegsforderungen und unredlichen Handlungen. Kurz, ein Stoff, der einen Helden braucht; eben den Shogun (militärischer Oberbefehlshaber).

Aber zurück in die Gegenwart in Japan. Da gibt es leider nicht nur Frohes zu berichten.
Am 11. März 2011 kam es zu einem Erdbeben und einem Tsunami. Der Strom fiel aus und dadurch schaltete sich das Kühlsystem aller vier Reaktoren im Atomkraftwerk Fukushima ab. Es kam zum Super-Gau. Alle Brennstäbe schmolzen und 10 000 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser schwammen Richtung Westen.
Ich meldete mich bei Naoko, aber diese war gar nicht aufgeregt. Die japanische Regierung hatte den Bürgern mitgeteilt, dass alles nicht so schlimm sei; die westlichen Medien würden es aufbauschen.
Naoko wohnt auf der Insel Honshu in der Hafenstadt Yokohama. Das ist etwa 100 km Luftlinie von Fukushima entfernt. Jetzt, wo nun stückchenweise die Wahrheit herauskam, haben nicht nur Naoko und ihre Familie, sondern viele Japaner Angst. Wie viel Strahlung haben sie abbekommen, welche Lebensmittel dürfen noch gegessen werden? Viele Fragen sind offen. Bei diesem Atomunfall gab es 9079 Tote und 12 645 Verletzte.
Dabei hatten sie doch geschworen: Nie wieder Hiroshima und Nagasaki! Und wir hatten geschworen: „Nie wieder Krieg.“ Aber so ist es eben in der Welt des Geldes.
Alles Gute, Naoko! Konnichi wa (Guten Tag)!
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