Verkehrte Welt

Dr. Dominik Fugger
Mit großem Trara übernehmen die Narren am 11. November in jedem Jahr das Zepter. Konfetti und lautstarkes Tröten, allerlei karnevaleske Inszenierungen und das Schlüpfen hinter Masken begleiten das fröhliche Treiben. Sie stellen die Welt und deren Hierarchie auf den Kopf, sie wir „verkehrt“.

Doch die Narren haben sich selbst und ihr Tun nicht erfunden. Vieles von dem, was sie tun, beruht auf uralten Ritualen mit ernsthaftem Hintergrund. In der Religionsforschung spricht man vom „Verkehrungsritual“. Dieses Phänomen ist Jahrtausende alt.

Dr. Dominik Fugger leitet die aus acht jungen Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen bestehende Nachwuchsforschergruppe an der Universität Erfurt, die sich in den vergangenen drei Jahren mit dem Thema „Religiöse Rituale im Alten Europa in historischer Perspektive“ befasst hat. Alte Bücher, bildliche Zeugnisse, Tagebücher und handschriftliche Anmerkungen zu Geschriebenem bilden die Grundlage. Dazu Gesprächsrunden, Tagungen mit anderen Wissenschaftlern – unzählige Mosaiksteine sind nötig, um ein Bild entstehen zu lassen.

Alte Rituale



Vieles von dem, was die Karnevalisten heute zelebrieren – bunte Umzüge, das Küren von Prinzen, Prunksitzungen – sind etwa 150 Jahre alte Rituale. Im Laufe der Zeit verändern sich die Gepflogenheiten. „Der Karneval selbst ist viel älter“, wissen die Nachwuchsforscher. Im späten Mittelalter waren den Fastnachts-Feierern eher das üppige Essen und Trinken wichtig. Dazu gab es kleine Schauspiele, die Fastnachtsspiele. Schon damals liebten es die Menschen, sich zu verkleiden.

Wurzeln in der Antike



Wenn es heute auch keinen schlüssigen Beweis dafür gibt, so sind sich die Forscher einig: Bereits in der Antike finden sich die Wurzeln für den Karneval, für eine Welt, die verkehrt wurde: Im alten Rom feierte man tagelang ein rauschendes Fest, „die Saturnalien“. Dort gehörte es dazu, dass Herrscher und Sklaven für diese Zeit die Rollen tauschten. Letztere durften sogar laut spotten, ohne Repressalien fürchten zu müssen.
Auch bei anderen Festlichkeiten stießen die Forscher immer wieder auf Verkehrungsrituale: Das Fest der unschuldigen Kinder, das Drei-Königs-Fest und selbst Weihnachten wiesen dieses Phänomen auf.

Doch der Karneval beschäftigt die Gruppe am meisten. Unbedingt erfahren möchten die Forschenden nun, wie und weshalb sich Rituale im Lufe der Jahrhunderte entwickeln und verändern. Nicht nur in hiesigen Gefilden, ebenso in ganz Europa gibt es viele unterschiedliche Entwicklungen. Und ganz sicher sehen die Nachwuchsforscher jetzt im Karneval die Narren mit etwas anderen, wissenden Augen.


Buchtipp



Dr. Dominik Fugger hat das eue Buch „Verkehrte Welten? Forschungen zum Motiv der rituellen Inversion“ herausgegeben, mit Ergebnissen, die die Nachwuchsforscher und ihre Gesprächspartner in den vergangenen drei Jahren erarbeitet haben.
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