Verschenkte Chance? Erfurt tut zu wenig für das Lutherjahr

Dr. Steffen Raßloff (rechts) und Jürgen Valdeig auf Luthers Spuren - auf dem Gelände des Erfurter Augustinerklosters.
 
So etwa sah Erfurt um 1500 aus. Luther pries die Stadt als „Erfordia turrita – türmereiches Erfurt“. Der Kunst- und Heimatmaler Jürgen Valdeig hat die Ansicht im Bild festgehalten. (Foto: Jürgen Valdeig)
Erfurt: Augustinerkloster | Historiker Dr. Steffen Raßloff und Künstler Jürgen Valdeig fürchten, dass Erfurt zu wenig aus dem bevorstehenen Lutherjahr macht und wollen das gern ändern.



Das nächste Jahr kann ein großes für Erfurt werden. Die Lutherstätte Augustinerkloster könnte schon im Frühjahr zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt werden. Die Chancen dafür stehen gut, die Titelvergabe ist sehr wahrscheinlich. Etwas Besseres kann der Stadt nicht passieren – im Lutherjahr 2017. Nur weiß kaum einer davon, weil so gut wie niemand darüber spricht.
Genau, wie sich Erfurt in Sachen Luther im Lutherjahr eher bedeckt hält.


Dr. Steffen Raßloff und Jürgen Valdeig können beides nicht verstehen. Mit dem Augustinerkloster, das dann als „Wiege der Reformation“ gepriesen wird, und dem Reformationsjubiläum hat die Stadt ideale Rahmenbedingen, um das Jahr gebührend zu begehen. Andere Thüringer Städte, wissen die Männer, haben Erfurt da einiges voraus, mit extra Etats und Beauftragten, die sich des Themas annehmen. Eisenach, Gotha und Schmalkalden zum Beispiel sind in Sachen Luther 2017 deutlich aktiver.


In Erfurt scheint das Thema Lutherjahr hingegen nicht angekommen zu sein. Die geplante Bettelorden-Ausstellung im Stadtmuseum und kleinere Initiativen von rührigen Vereinen wie Geschichtsverein und Förderverein des Stadtmuseums sind Steffen Raßloff und Jürgen Valdeig viel zu wenig an Initiative. „Hier wird eine Riesenchance verschenkt“, fürchtet Historiker Raßloff. Dabei böte sich die Stadt regelrecht an, das Thema Luther aufzugreifen, war sie doch eine der zentralen Stationen in Luthers Leben und in der Entwicklung seines theologischen Denkens.


„Nach Wittenberg sind wir die Nummer 2“, sind sich Raßloff und Valdeig Erfurts Bedeutung in diesem Zusammenhang sicher. „Wir verstehen nicht, dass sich da nichts tut, Luther nicht wichtig genug erscheint“, so Steffen Raßloff. Im Jahr 1983, zu Luthers 500. Geburtstag, wäre die Stadt bei diesem Thema schon viel weiter gewesen, mit einer zentralen Ausstellung sogar auf Augenhöhe mit Wittenberg.

Luher - ein wichtiges Thema


Mit ihrem im vergangenen Jahr herausgegebenen Leporello „Lutherstadt Erfurt“ und Jürgen Valdeigs Kunstkalender 2017, in dem er auch die Erfurter Bettelorden-Kirchen würdigt, widmen sich die zwei geschichts- und stadtengagierten Herren einem ihrer liebsten Themen. Doch sie wollen mehr. „Wir möchten gern retten, was zu retten ist“, hofft Dr. Steffen Raßloff darauf, dass die Stadt- und Kulturverantwortlichen Luther und das Reforma-tionsjubiläum zur Chefsache erklären. „Wir möchten etwas bewegen, natürlich gemeinsam mit der Stadt“, fügt Jürgen Valdeig hinzu. Noch könne man planen, sicher nicht mehr die riesigen Veranstaltungen, aber Kräfte bündeln und von sich reden machen, mit den Pfunden wuchern, die man hat.

Luther ist nicht nur in Deutschland ein wichtiges Thema, auch seinetwegen zieht es Touristen aus den USA, Japan, Südkorea, den Niederlanden oder Südafrika immer wieder nach Erfurt. Mit dem in Aussicht stehenden Titel für das Augustinerkloster und mehr Veranstaltungen im Lutherjahr ließen sich noch mehr Besucher für die Stadt begeistern, sie hierher holen. „Wir bleiben dran“, versprechen Valdeig und Raßloff und wünschen sich, dass die verbleibende Zeit bis zum Jubiläumsjahr sinnvoll genutzt wird.


Kontakt: Kontaktaufnahme für Interessierte, die sich im Lutherjahr einbringen möchten: valdeig-fineart@t-online.de


Luther in Thüringen:


• Im Jahr 1517 schlug Martin Luther seine Thesen an die Wittenberger Kirche, das war der Beginn der Reformation.

• Das Jubiläum „500 Jahre Reformation“ wird 2017 bundesweit begangen.

• Martin Luther hinterließ in vielen Orten Thüringens seine Spuren.

• Auf der Wartburg in Eisenach übersetzte er das neue Testament ins Deutsche. Das Lutherjahr wird in Eisenach mit zahlreichen Veranstaltungen gewürdigt, die Akteure treffen sich regelmäßig zur Luther-Konferenz.

• Zur Tagung des 1530 gegründeten Schmalkal-dischen Bundes legte Luther Glaubenssätze vor.

• In der Arnstädter Oberkirche – das Gotteshaus des einstigen Franziskanerklosters – war Martin Luther mindestens zweimal zu Gast.

• Saalfeld wird auch die „Steinerne Chronik Thüringens“ genannt. Es ist bewiesen, dass Luther hier dreimal weilte.
• In Gotha diktierte der schwer erkrankte Luther im Jahr 1537 sein erstes Testament. Myconius nahm in der Stadt die Reforma-tion in seine Hände.

• In St. Blasii in Nordhausen rief Luther 1525 zum Gehorsam gegenüber der weltlichen Obrigkeit auf.

• In Weimar predigte Luther, traf sich mit dem kurfürstlichen Geheim-sekretär Georg Spalatin und griff in die reformatorischen Debatten ein.

• Die Jenaer Universität ist ein „Kind“ der Reformation. In Jena führte Luther mit seinem einstigen Verbündeten und späteren Gegner Karlstadt ein legendäres Streitgespräch.


• 72. 000 Bände zum Jahrhundert der Reformation hat die historische Bibliothek in Rudolstadt.

• Der Lutherweg verbindet die 21 durch die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland definierte Lutherstätten, die besonders mit dem Leben und Werk des Reformators in Verbindung stehen.



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