Völlig platt, aber glücklich: Schlagersänger Oliver Thomas ist dem Schwiegersohn-Image endgültig entwachsen – Beim Konzert in Erfurt wird es rockig

Wann? 17.09.2016 20:00 Uhr

Wo? Dasdie Brettl, Lange Brücke 29, Erfurt DE
Rockiger ist nicht nur die Musik von Oliver Thomas. Auch das Cover seines aktuellen Songs "Heroes" erinnert deutlich weniger an Schlager. Kommt es Ihnen übrigens bekannt vor? (Foto: Agentur)
 
Schlager ist bunter und braver. Diesen Weg will Oliver Thomas verlassen, um künftig auch jüngere Leute für seine Musik zu begeistern. (Foto: Agentur)
Erfurt: Dasdie Brettl |

Bei Carmen Nebel und im ZDF-Fernsehgarten ist Schlager­sänger Oliver ­Thomas ein Stammgast. Dennoch will er sich jetzt neu erfinden mit einer Symbiose aus Schlager und Rock. Im Interview erklärt der 39-Jährige den Grund.

Mit Ihrem neuen Album haben Sie einen Imagewandel durchgemacht. Noch scheinen nicht alle Fans diesen Weg mitzugehen, denn das Konzert in Erfurt steht auf der Kippe.
Das Album kommt ja noch, wir sind also noch in der Aufbauphase des neuen Images. Da haben wir noch lange nicht alle Leute erreicht. Ich war zwar schon bei „Immer wieder Sonntags“ mit neuen Titeln zu Gast, aber es bedarf natürlich ein paar Sendungen mehr, um das neue Image wirklich allen zugänglich zu machen. Deswegen haben wir ein Problem mit dem Ticketverkauf.

Aber es ist ein sehr spannendes Konzept, weil schon viele junge Leute zur Tour kamen, die mich vorher nicht kannten und auch nicht diese Schlagersendungen verfolgt, wie es vielleicht die älteren Herrschaften tun. Das war schon ein richtiger Aufschwung. Ich habe viele Mails oder Facebook-Kommentare bekommen mit viel Lob: „Das war richtig cool. Ich habe dich vorher noch nie gehört.“ Es ist also eine frische Aufbauarbeit. Nur es ist bis Erfurt noch nicht ganz durchgedrungen, was bei Oliver Thomas jetzt so Phase ist.


Warum sind Sie denn jetzt rockiger? Sind Sie des Schlagers ein wenig überdrüssig?
Das Rockige steckte schon immer in mir. Ich war aber immer ein bisschen geknebelt, wenn ich auf einer Tournee mit fünf, sechs anderen Interpreten war. Das ist auch wunderbar und macht auch sehr viel Spaß, weil es tolle Kollegen und tolle Häuser sind und das Publikum immer super ist. Aber ich bin dann immer gebunden.

Ich wollte schon immer länger auf die Bühne. Ich wollte schon immer so abrocken, dass ich am Schluss kaputt von der Bühne herunterkomme und sagen kann: „Das war so geil! Ich bin völlig platt, aber ich bin glücklich.“ Und das hat mir immer so ein bisschen gefehlt. Deswegen haben wir ab 2009 schon angefangen, mit Band zu arbeiten.

In diesem Jahr haben wir das erste Mal den Imagewandel bundesweit herausgetragen. Die vergangenen Jahre im heimatlichen Südwesten waren eine Testphase, die sehr gut gelungen ist. Deswegen war ich mir sicher, dass wir das bundesweit so machen können und ich auf mein Herz hören sollte. Ich will mich auch nicht von irgendwelchen Plattenfirmen verbiegen lassen. Das war der zweite Grund, warum ich immer so eingeschränkt war. Nicht, dass ich jetzt Schlager nicht mag oder so. Um Gottes Willen. Ich bin mit Schlager aufgewachsen.


Mit heute 39 Jahren war der Schlager Ihrer Jugend Wolfgang Petry oder der Stimmungsschlager vom Ballermann. Wieso entscheidet man sich als Musiker, in dieser Szene mitzumischen?
Einerseits war es so, dass ich als Alleinunterhalter unterwegs war und ohnehin schon alles gespielt hatte. Dann kam die Plattenfirma um die Ecke. Ich wurde entdeckt von dem Team Jean Frankfurter/Irma Holder. Frankfurter produziert auch Helene Fischer. Ich war dort viele Alben lang. Wir haben viel diskutiert, wie meine Musik sein soll. Er wollte es immer etwas braver haben, ich wollte es etwas frecher haben. Die Plattenfirma wollte mich immer als Schiegersöhnchen-Typ. Ich wollte eher der Frauenschwarm sein. Ich meine, die Plattenfirma haben dies etwas verkannt und nicht erkannt haben, wohin es gehen könnte.


Gab es auch Diskussion um die Haarlänge?
Gab es auch. Ich hatte anfangs immer lange Haare. Dann ging es auf einmal los: „Die Haare müssen kürzer sein. Du musst smarter aussehen, einen schönen Anzug anziehen.“ Und ich dachte: „Junge, was macht ihr da mit mir?“

Dann wurde ich so ein bisschen verändert. Das war auch ganz gut und hat zu der damaligen Zeit super funktioniert. Die Plattenfirmen haben einfach das getan, was die Branche verlangt und was funktioniert hat, um ein bisschen Geld zu verdienen. Aber das war nicht 100-prozentig Ich.

Im Verlauf der vergangenen Jahre habe ich mich immer mehr befreit von diesen ganzen Verkettungen. Ich produziere mittlerweile alles selbst, habe sogar das eigene Plattenlabel, sodass ich also auch nicht mehr so ganz abhängig bin. Inzwischen haben wir auch andere Interpreten im Label, zum Beispiel Manuel Schmid von der „Stern Combo Meißen“. So hat es sich ergeben, dass wir alles im Selfmade-Verfahren machen. So planen wir auch die Tourneen selbst.

Alle Menschen im Schlager vereint



Was macht denn den Reiz am Schlager aus?
Schlager war für mich immer eine tolle Sache, weil er sehr musikalisch und sehr eingängig ist. Wenn man Wolle Petry auf der Bühne erlebt hat, war der eigentlich ein Rockmusiker. Das fand ich immer schon großartig, wie er mit seinen Songs Massen bewegt. Bei ihm standen auch die jungen Leute vor der Bühne – das ist ja nicht erst seit Helene Fischer so. Die hat es natürlich auf die Spitze getrieben und die Branche komplett umgekrempelt. Aber Wolle Petry hat damals schon die jungen Leute angezogen. Da stand ein Rocker neben einem Schlagerfan – da waren alle möglichen Menschen vereint. Das ist auch so ein Grundding vom Schlager. Ich bin immer wieder erstaunt welche musikalische Bandbreite Schlager hat.

Wir spielen am Ende auch ein Medley mit Rockklassikern, bei dem wir noch einmal richtig abgehen. Ich merke, dass die Leute bei diesen Sachen ebenfalls abgehen.


Sie sprechen die Cover-Versionen im Programm an. Wer sind denn Ihre musikalischen Vorbilder? Hatten Sie das Aha-Erlebnis im Konzert von Wolle Petry?
Ich war leider nie dabei, hätte es aber gerne gemacht. Ich habe seine DVDs geguckt, seine Konzerte im Fernsehen gesehen. Aber ich hatte nie wirklich direkt Vorbilder. Viele nennen an dieser Stelle Udo Jürgens. Das war bei mir nicht der Fall. Ich habe mir einfach von jedem so ein bisschen herausgepickt, was ich persönlich toll finde und was für meinen Stil geeignet sein könnte. Ich habe versucht, an mir zu arbeiten und das zu formen, um da zu sein, wo ich jetzt bin. Ich bin an einem Punkt, an dem ich sehr zufrieden und glücklich bin mit der ganzen Entwicklung und mit der Musik, die ich mache. Ich habe das Gefühl, dass die Leute das auch merken, dass ein Umschwung passiert.

Wir präsentieren auf der Bühne Coversongs. Wir haben das Konzept so aufgebaut, dass ein neues Publikum hinzukommt, dass mich noch nicht so kennt. Die sollen denken: „Wow! Das ist ja cool, was der macht. Und seine eigenen Songs sind auch nicht schlecht.“ Also im Prinzip eine Möglichkeit, meine eigenen Songs zu präsentieren, indem ich auch Coversongs spiele, das schön miteinander verknüpfe und verpacke.

Das funktioniert sehr gut. Wenn ich nur eigene Songs spielen würde, hätten die jungen Leute wahrscheinlich nicht den Zugang zu meiner Musik. Man muss einen Schlüssel finden, um die Leute zu aktivieren. Auch die bisherigen Fans, die noch zu meinen Konzerten kommen, auch die älteren Herrschaften, freuen sich, dass da mal was anderes los ist, dass ein bisschen was abgeht. Es ist ja teilweise auch die Generation, die mit Rockmusik groß geworden ist. Und die Älteren merken auch, obwohl ich mit deutschen Titeln und Schlager unterwegs bin, sie können irgendwie ihre Jugend noch einmal entdecken und noch einmal ausleben.

Angenagt von den Haien



Jetzt sind Sie meist mit Band unterwegs. Bemerken die Fans den Unterschied, Sie richtig live zu erleben und nicht nur Playback wie bei den meisten Fernsehshows?
Auf jeden Fall. Ich habe jetzt meine Produktionen, die waren bis vor ein paar Jahren noch sehr computerlastig und eher plastikmäßig produziert. Das haben wir auch geändert. Ich spiele das Schlagzeug live ein, Gitarren und Orgelsound, um den Livecharakter auf Platte zu bekommen. Aber trotzdem ist es ein Unterschied zu einem Livekonzert, das eine ganz andere Atmosphäre hat. Wenn ich weit ins Publikum komme und das Publikum mitnehme. Da ist mehr Druck dahinter. Der Schlagzeuger geht ganz anders ab, als er es für eine Produktion oder im Fernsehen machen würde. Deswegen ist so ein Livekonzert etwas ganz Besonders.

Man hat mich gewarnt: „Geh doch nicht mit einer Band auf die Bühne. Das ist doch viel zu teuer. Mach lieber deine Halbplayback-Shows. Das klingt doch viel besser.“ Ich sage: Nein, es geht nicht ums besser klingen. Es geht darum, dass im Publikum etwas passiert. Und dass die Leute merken: „Hoppla, das ist live gespielt.“ Da liegt etwas ganz anderes in der Luft, als wenn der Typ im Halbplayback auf der Bühne herumhampelt. Das ist ein Riesenunterschied.


Die einen sagen, im Schlager wäre man wie eine große Familie. Andere sagen, es wäre ein Haifischbecken? Was stimmt denn nun?
Sowohl als auch. Ich habe wirklich sehr viele tolle Kollegen, mit denen ich sehr gut auskomme und mit denen ich ein freundschaftliches Verhältnis habe. Und es gibt natürlich auch noch die Haifischbecken, in die man fallen kann.

Es ist nicht so, dass die Branche ein komplettes Haifischbecken ist. Aber ich bin auch in ein paar Becken gefallen, in denen ich angenagt wurde von den Haien. Ich habe beispielsweise anfangs mit einem Manager sehr viel Geld verloren. Das macht jeder einmal durch. Das sind Erfahrungen, aber wenn man diese Erfahrungen hat, dann kommt man sehr gut zurecht in dem Business.

Man kann sich auch ein wenig durchwinden, aber es ist immer schwierig, wenn man keine ganz große Major-Plattenfirma im Rücken hat, die ein Promotion-Budget hat. Dann muss man selber viel rackern und ackern. Aber das war in den vergangenen Jahren auch mit einem größeren Label so, dass ich schon immer viel selber machen musste, um dahinzukommen, wo ich hin wollte. Da ist schon so ein Kämpfergeist nötig.

„Oh, jetzt kommt wieder so ein Schlageraffe hierher.“



Auf Ihren Konzerten wollen Sie feiern mit den Leuten und singen viele Party-Hits. Ist es nicht schwierig, immer gut drauf zu sein?
So eine Halbplayback-Mucke ist meistens in einer halben Stunde durch. Das ist ohnehin kein Act. Aber ein Konzert geht schon einmal zweieinhalb Stunden. Das ist schon viel, viel mehr.

Aber wenn man auf die Bühne geht und die Leute finden das cool und das war meistens immer der Fall, dann wird man selber wieder angespornt. Und das schaukelt sich hoch und man weiß einfach, dass während des Konzerts ein super Gefühl entsteht. Dann kommt die Lust sehr schnell, egal wie heiß es ist oder wie stressig die Fahrt war. Es geht gut, wenn man ein Publikum hat, das schön mitgeht.


Schlager polarisiert: Entweder man liebt oder hasst ihn. Ist es schwierig, sich in so einer Welt zu bewegen. Einerseits die großen Fans, andererseits abschätzige Kommentare?

Ich habe damals oft gehört, wenn ich auf Tourneen war: „Oh, jetzt kommt wieder so ein Schlageraffe hierher.“ Auf der anderen Seite gibt es Leute, die sind auf Schlager getrimmt, die gehen mit und sind wie elektrisiert.

Jetzt auf der Tournee versuche ich, auch die jüngeren Leute zu gewinnen, die nicht unbedingt auf Schlager stehen. Ich hatte jetzt ein Erlebnis in Mainz, da kam nach dem Konzert eine Mail: „Ich komme eigentlich aus dem Heavy-Metal-Bereich, aber es hat mir super gefallen, was du da mit den Schlagern gemacht hast. Ich bin jetzt ein Fan von dir.“ So habe ich jemanden aus dem Nicht-Schlager-Bereich durch diese Veränderung in den Schlagerbereich hineingezogen. Das vermischt sich jetzt so schön.

Keine Herz-Schmerz-Nummer



Also musikalisch haben Sie sich geändert. Eine der Hauptkritiken am Schlager ist, dass man ihn textlich als oberflächlich bezeichnet. Es geht nur um Herz-Schmerz – im schlimmsten Fall genau mit diesem Reim. Das macht ihn auch schnell austauschbar. Wie ist Ihre Meinung?
Wir hatten anfangs des Jahres die Auskopplung mit dem neuen Sound, die hieß Heroes – Helden der Stadt. Das ist keine Herz-Schmerz-Nummer, sondern sie beleuchtet die Helden des Alltags. Es gibt in jeder Stadt jemanden, der Menschen mal hilft, ohne auf sich selbst zu gucken.

Dann habe ich Gute-Laune-Songs wie „Hammer“, die man laut beim Autofahren hören kann. So beschreibe ich in meinen Texten schöne Momente, wie es der Schlager gerne tut, aber beleuchte eben auch andere Themen.


Apropos Heroes. Das Cover ähnelt dem Cover des gleichnamigen Songs von ESC-Gewinner Mans Zelmerlöw. Absicht?
Eigentlich gar nicht. Das haben mir dann aber auch einige gesagt, dass sich das ähnelt. Und es stimmt, da gibt es eine gewisse Ähnlichkeit. Wir wollten nur optisch eine rockige und moderne Optik suchen. Bisher war es immer sehr farbig und bunt, was im Schlager gut ist. Aber ich wollte mit der Optik schon zeigen: Jetzt weht ein anderer Wind. Aber die Ähnlichkeit war nicht absichtlich.


Mit Erfurt verbinden Sie viele große Karriereerlebnisse. Welche sind besonders in Erinnerung?
Ich war einige Male in Erfurt zu Gast in der Messehalle mit wunderbaren Sendungen und habe Autogrammstunden vor Ort gegeben. Erfurt war immer schon eine große Karrierestation und die Erlebnisse waren immer toll. Bei Fernsehsendungen ist man auch mal zwei, drei Tage vor Ort und kann die Stadt besichtigen. Und Erfurt ist eine super Stadt.

Ich bin immer schon beeindruckt gewesen, wie begeisterungsfähig die Erfurter sind. Deswegen würde ich mich richtig freuen, wenn Sie den Weg ins Dasdie Brettl finden.

Informationen:

Karten zum Konzert am 17. September im Dasdie Brettl in Erfurt gibt es im Ticketshop Thüringen.
Mehr Infos: www.oliver-thomas.de


Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige