Vom Herzen, nicht vom Kopf: Katharina Wagner pflegt die uralte Tradition der Erzählkunst

Erzählkünstlerin Katharina Wagner mit Krönchen auf dem Finger.
 
Gemeinsam mit orientalischen Bauchtänzerinnen entführt die Erfurterin die Zuhörer ins Reich von Tausend und eine Nacht. (Foto: Privat)
Erfurt: Klangfarben – Praxis für Naturheilverfahren & Kreative Heilweisen |

Sie sind uralt, weitgereist, gelten als Welterbe und stecken oft voller Weisheiten: Gemeint sind die Märchen und Geschichten, welche die Erfurter Erzählkünstlerin Katharina Wagner überall in Thüringen erzählt.

Ein Missverständnis möchte die 44-Jährige gleich zu Beginn ausräumen. Dass Märchen nur etwas für Kinder sein sollen, hält Wagner für einen Irrglauben. „Schon vor Urzeiten saßen die Menschen zusammen ums Feuer und teilten sich ihre Geschichten. Das waren hauptsächlich Erwachsene und Kinder waren eben mit dabei“, erklärt die Erzählkünstlerin. „Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen - Erwachsenen, damit sie aufwachen“, zitiert sie den argentinischen Autoren und Therapeuten Jorge Bucay. „Ich würde mir daher sehr wünschen, dass sich auch Ältere wieder Märchen wünschen und ihnen lauschen. Denn sie geben uns Halt, Hoffnung, etwas fürs Leben.“

„Magische Orte wie der Schlumperwald findet man, wenn man mit offenen Augen, Ohren und Herzen durch die Welt spaziert.“



Die 44-Jährige sieht uns dabei auf einem guten Weg. „Ich habe den Eindruck, dass das Erzählen wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen gerückt ist. In der Zeit der Technisierung gibt es wieder diese Sehnsucht.“ Katharina Wagner nimmt sich dieses Bedürfnisses gerne an. Auf Märchenspaziergängen mit der Revierförsterin durch den Erfurter Steigerwald ist sie auf der Suche nach Elfen und Ungeheuern. Gemeinsam mit orientalischen Bauchtänzerinnen entführt sie die Zuhörer ins Reich von Tausend und eine Nacht. In der Märchenküche zaubern die Köche das Dinner, während sie mit einer weiteren Erzählerin für die Seelennahrung sorgt. Mit zwei Musikern stellt sie gerade ein jüdisches Märchenprogramm zusammen. „Wichtig ist mir auch die Verbindung zu anderen Themen, Menschen und Orten, die auf den ersten Blick nichts mit Märchen zu tun haben. Da ist viel Raum für Neues.“

Die Erzählkünstlerin erschafft ein Gefühl der Geborgenheit und heimeliger Nähe. In Gedanken ist der Zuhörer schnell zurück in der Kindheit, auf dem Schoß der Großmutter bei Keksen und Kerzenlicht. Dazu benötigt Wagner kein Märchenbuch, schlüpft nicht in kostümierte Rollen. „Stattdessen kombiniere ich alltägliche Kleidung, mit der ich aber beispielsweise nicht zum Bäcker gehen würde. Anders als der Alltag, gehört aber dazu. Das ist es, was Märchen für mich verkörpern.“

„In der afrikanischen Kultur heißt es: Wir haben so viele Geschichten, wie es Sterne am Himmel gibt. Und wie die Sterne leuchten uns die Geschichten unseren Weg.“



Wagner benötigt sonst nur ihre Mimik, Gestik und natürlich ihre Stimme, um kleine Erlebniswelten zu schaffen. „Ich lerne keinen Text. Ich verleibe mir die Märchen ein. Denn ich erzähle sie vom Herzen und nicht vom Kopf.“ Ihre Geschichten geschehen nicht buchstabengetreu, sondern in dem Moment, in dem sie erzählt werden - die Reaktionen des Publikums inklusive. Und immer ein wenig anders.

Ob nordische Trollgeschichten, indianische Natursagen, indische Legenden oder einfach nur Seemannsgarn - Katharina Wagner fühlt sich in keiner Märchenregion fest verwurzelt. Sie sieht sich als Zugvogel, der gedanklich mit den Märchen reist. Vor allem mag sie die Erzählungen, die zwischen den Zeilen Witz und Charme aufblitzen lassen, die eine tiefere Weisheit haben. „Sie sind mal traurig, stimmen nachdenklich, lassen aber auch herzhaft lachen.“

Um die irisch-keltischen Sagen besser zu verstehen, war sie vor Ort, lernte auch, Gälisch richtig auszusprechen. Ein bisschen komplizierter wird es nur, wenn die Erfurterin erst die Gottheit und Flora recherchieren muss, die in einem Südseemärchen auftauchen. „Aber so erzählen Märchen viel über die Kultur des Landes, über die Leben, die dort gelebt werden.“

Die Leidenschaft für Märchen haben ihre Eltern geweckt mit seinen Sagen und Legenden von Königen und Thüringer Grafen. Begeistert sah sie als Kind zudem die DEFA-Märchenfilme. Einen Beruf schuf sie vor etwa fünf Jahren daraus. „Eines schönen Tages klopften die Märchen wieder an meine Tür - und zwar so laut, dass sie nicht zu überhören waren. So sitzen sie heute auf meinem Sofa und ab und an sagt eines zu mir: Nimm mich heute mal mit und erzähle mich.“

Es fühlte sich gleich vertraut an, also blieb sie auf dem Weg und sammelt seitdem weiter Märchen: in Bibliotheken, Internetforen, am liebsten aber von Mund zu Ohr. Denn Geschichtendiebe gibt es nicht. „Der Sinn der Erzählungen ist, dass sie in die Welt gehen.“ Werden sie geteilt, sei dies ein großes Lob.

Ihr liebstes Märchen ist immer jenes, das sie gerade erzählt. Dies hat nicht immer ein Happy End. Doch mancher Held hat auch kein gutes Ende verdient, findet Wagner. Der zurückliegende Advent, aber auch die jetzige Zeit der Rauhnächte seien besonders gut geeignet für Märchen. „Eine Zeit der Heimlichkeiten, in der so viele wunderbare Dinge passieren, die einen eigenen Zauber haben. Wenn es draußen dunkel ist und man es sich drinnen gemütlich macht, eine Kerze anzündet und näher zusammenrückt, sind Erzähler besonders gefragt. Aber es ist das ganze Jahr Zeit, Geschichten zu erzählen und zu lauschen.“

Kontakt:

info@klangfarben-online.de,
Telefon: 0177/5602442,
www.klangfarben-online.de


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1 Kommentar
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Renate Jung aus Erfurt | 29.12.2016 | 01:00  
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