Vorbilder

  Thüringen ist ein geschichtsträchtiges Land. Seit Jahrhunderten machten Männer und Frauen Geschichte, einige Herren auch Geschichten.
Graf Ernst III. von Gleichen gehörte dazu. Er soll sich 1227 am Kreuzzug des Kaisers Friedrich II. in das Heilige Land beteiligt haben. In einem Hinterhalt geriet der Graf in die Gefangenschaft der Sarazenen. Als Gefangener musste er auf den Besitzungen des Sultans schwere Arbeiten verrichten, weil er seinen Stand und seine Herkunft nicht verraten hatte.
Bald erhielt er eine Gönnerin. Melechsala, die Tochter des Sultans, hatte ihm heimlich bei der Arbeit zugesehen. Der athletische Körper, vor allem aber die blonden Haare, gefielen ihr sehr gut. Den Gefangenen wollte sie unbedingt als Mann haben. Da war es der Knappe, der dem Mädchen den Stand und die Herkunft des blonden Mannes verriet. Er war also standesgemäß, da gab es für sie kein Halten mehr. Sie bestach einen Kaufmann mit sehr viel Geld, damit er sie beide auf ein Handelsschiff brachte. Getarnt, in Kräuterballen eingewickelt und auf ein Fuhrwerk obenauf gelegt, kamen sie im Hafen an und wurden auf das Schiff verladen.
Der Graf war davon ausgegangen, dass seine Gattin Ottilia schon vor Kummer gestorben wäre. Er fühlte sich frei. Bei einem Zwischenstopp in Venedig erfuhr er aber, dass seine erste Ehefrau noch lebte. Deshalb reiste er sofort weiter zum Papst, um die Genehmigung zu erbitten, noch eine zweite Ehefrau heiraten zu dürfen. Er trug vor, dass die Sarazenin ihn und den Knappen aus der Gefangenschaft errettet habe. Außerdem habe sie in den zehn Jahren, die der Graf beim Sultan schuftete, immer wieder dafür gesorgt, dass er Essen und etwas Geld für die Erfüllung kleiner Wünsche erhielt.
Der Heilige Vater bat um eine längere Bedenkzeit, willigte dann aber unter einer Auflage in die Heirat des Grafen mit der zweiten Frau ein: Melechsala sollte Christin werden und den Namen Angelika tragen.
Nun ging es unaufhaltsam weiter nach Thüringen, zum Besitz des Grafen von Gleichen. Auf dem Gebiet des Vorwerkes, das der Burg vorgelagert war, kam es zur Zusammenkunft der Frauen. Der Graf hatte jetzt doch so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Wie würde Ottilia auf sein „Mitbringsel“ reagieren?

Zu diesem Vorwerk gehörten nicht nur Gebäude, sondern auch ein Backofen, ein Brauhaus und eine Mühle. Der dazu gehörige See, gespeist vom Mühlburger Spring, ist schon lange ausgetrocknet. Aber damals sorgte das Vorwerk für die Ernährung der Leute auf der Burg. Esel sollen die Lebensmittel hinauf getragen haben. Am Ziehbrunnen wurden die Tiere getränkt.

Nun trafen hier im Jahr 1237 die beiden Ehefrauen des Grafen aufeinander. Die Sage behauptet hartnäckig, dass Ottilia sehr froh war, den Gatten wieder zu sehen, und sie soll Melechsala herzlich empfangen haben.
Ich kenne keine Frau, die gejubelt hätte, wenn der Gatte von einer Dienstreise mit einer Zweitfrau zurück käme. Aber das passierte ja auch in märchenhafter Zeit.
Das Vorwerk erhielt wegen des glücklichen Vorfalls den Namen Freudenthal.

Bei Tannhäuser war ein anderer Papst nicht so gnädig. Er durfte die gewünschte zweite Frau nicht heiraten. Aber es handelte sich in diesem Fall ja auch um die Göttin Holle, getarnt als Frau Venus. Das ging ja gar nicht.
Aber Männer aller Zeiten und Generationen haben sich immer wieder gern den Grafen von Gleichen zum Vorbild genommen. Wenige wurden glücklich damit.
Unserem geliebten Bundespräsidenten ist das Kunststück gelungen, Ehefrau und Freundin zu besitzen, und immer und überall zu lächeln. Der Mann hat eine tolle Kondition. Vielleicht zieht er ja demnächst in seinen gerechten Afghanistan-Krieg?
Was bei dem Graf von Gleichen und den Mormonen gebilligt wurde, kann dem Joachim Gauck doch nur recht sein!
Also, Männer, meckert nicht, zieht in den nächsten Kreuzzug, dann erlaubt der Papst euch vielleicht auch eine zweite oder gar eine dritte Frau? Man(n) sollte da aber auch an das Herz denken und vielleicht lieber Rad fahren!

Die erste Ehefrau Ottilia hatte ja zwei Kinder; Mädchen und Junge. Wie diese mit der Patchwork-Familie klar kamen, ist leider nicht verbürgt.
Ich habe drei Enkel, die haarscharf wissen, was sie wollen. Neulich rannte Enkeltochter Freya in unserer Datsche in die Küche.
„Soll Oma dir ein Brötchen machen?“ fragte ich sie.
„Ach“, winkte Freya ärgerlich ab. „Ich will meinen Kindergartenfreund Hao-Fan heiraten. Da kriegen wir dann ein Baby. Deshalb wollte ich mal nachschauen, ob wir in eurer Laube wohnen können. Naja, zur Not geht´s. Aber da muss ich viel umräumen.“
Ich fühlte mich überrumpelt und wandte vorsichtig ein: „Hao-Fan ist ein Chinese, wie verständigt ihr euch denn?“
„Ganz einfach, ich lerne Chinesisch, Oma. Aber davon verstehst du ja gar nichts.“
Im Moment sind wir Großeltern und die Eltern peinlich in den Augen von Teenager Clarissa und Freya ahmte sie nach.
Jetzt wurde ich bockig. „Doch, ich verstehe was davon.“
Freya wurde neugierig. „Hattest du auch einen chinesischen Kindergartenfreund?“
„Wan Örl war schon Student, als wir uns bei einem Jugend-Freundschaftstreffen im Drei-Gleichen-Gebiet kennen lernten.“
„Weiter, Oma!“
„Weiter nichts, Freya. Da kam die chinesische Kulturrevolution des Weges und hat uns getrennt. In meiner Jugend gab es Grenzen und Mauern, das war weniger märchenhaft.“
„Ja“, sagte Freya erkenntnisvoll. „Ob wir nun wollen oder nicht, wir haben deine Bakterien erwischt.“ (Gemeint waren die Gene.)
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