Weihnachten und kein Ende

Der diesjährige Sommer ist eher herbstlich, fast schon winterlich. So verwunderte es nicht, dass unter den Hinweisen für das Wochenende in den Zeitungen folgende Ankündigung stand:
"In Worbis, im Eichsfeld, wird es am Wochenende am Obertor, vor der Bierstube, rund um einen
5 Meter hohen Weihnachtsbaum einen Sommer-Weihnachtsmarkt geben."
So etwas interessiert mich natürlich. Und um es vorweg zu sagen: Es hat sich auch gelohnt.

Anstelle von Schlitten fuhr ein Motorrad-Konvoi mit Weihnachtsmännern und dem Weihnachts-engel durch das Gewühl. Organisiert hatte es Jürgen H., Gastwirt in Worbis. Es waren historische Motorräder und Mopeds. U. a. Zündap, BMW, Schwalbe, Spatz. Auch ein Behinderten-Fahrzeug aus DDR-Zeiten und ein russischer Geländewagen waren dabei. Das war echt urig. Ich hatte zwar Mühe, mich in meinem Rollstuhl durch die Menschenmenge zu steuern, aber die Stimmung war sehr romantisch. Selbst das Glockenläuten fehlte nicht.
Im Durchgang zur Bierstube hatte ein Rentner seine handgefertigten Holzanhänger für den Weihnachtsbaum ausgelegt. Ich habe zwei seiner kleinen Kunstwerke erworben.

Wie auf einem traditionellen Weihnachtsmarkt gab es Buden und Stände aller Art. Die angebotene Bratwurst war "1 A" und hat den Namen "Thüringer" zu Recht verdient. Waffeln, Zuckerwatte und Pfefferkuchenherzen gehörten selbstverständlich auch dazu. Wie auch Kugeln, Spielzeug, Spitzenklöppeleien und diverse Weihnachtsartikel. Mit großem Gaudi kündigte der Engel die Stadtmeisterschaft im Christbaumkugel-Weitwurf an.
Am Bücherstand habe ich mich mit der Händlerin unterhalten. Sie erzählte, sie sei Journalistin und besäße einen Verlag. Die Stand-Betreuung sei sozusagen ihr Hobby. Das Buchsortiment war schon weihnachtlich abgestimmt. Ein Legendenbuch vom Heiligen Gral gefiel mir. Die Sammlung enthält das Gralsucher-Märchen von Perronnik, dem Einfältigen. Perronnik, der reinen Herzens ist, gewinnt den Heiligen Gral; im Gegensatz zu allen anderen Bewerbern, die nach Plan vorgingen.

Diese Geschichte erinnerte mich an Ereignisse in den 70-er und 80-er Jahren. Damals bot die Christen-Gemeinschaft in Erfurt Waldorf-Nachmittage für Kinder an. Sie besaßen auch ein Freizeit-Heim in Hauteroda. In einem Feriensommer haben Eltern mit den Kindern ein Buch handgefertigt. Die Geschichte behandelte das bretonische Märchen von Perronnik. Die Kinder haben Bilder zum Text gemalt und die Muttis haben das Märchen mit der Hand geschrieben.
Dieses außergewöhnliche Buch besitze ich heute noch.

Der Weihnachtsmarkt in Worbis hat auf wundersame Weise eine Brücke ins Land der Erinnerungen geschlagen, aus dem wir zum Glück nicht mehr vertrieben werden können.
Es lohnt sich, hin und wieder Sonntage wie Sonntage zu gestalten und zu erleben.

Zum Schluss noch ein kleines Erlebnis: Auf dem Platz vor dem Obertor steht ein Brunnen mit einer lustigen Bronzefigur. Sie stellt einen kleinen Jungen in Lederhose, mit einer Brezel in der linken Hand, dar. Ein Hund streicht dem Kind um die Beine. Mit der rechten Hand will der Junge offenbar gerade einen Stein ins Wasser werfen.
Am Brunnenrand hatte sich eine Familie niedergelassen. Zuckerwatte schleckend fragten die Kinder an, ob es an diesem Abend auch noch Geschenke gebe. Die Mutti hatte nun die delikate Aufgabe, zu erklären, warum ein Sommer-Weihnachtsmarkt nicht mit Geschenken endet.

Trotzdem ist Worbis immer eine Reise wert; schon wegen des Bärenparks. Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte.
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1 Kommentar
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jürgen hartmann aus Heiligenstadt | 15.10.2011 | 00:55  
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