Wenn Kunst zur meditativen Erfahrung wird – Gedanken zur gestern eröffneten Ausstellung in der Erfurter Kunsthalle

Ich glaube, es war Wassily Kandinsky, der einmal mutmaßte, dass die Kunst das Potential habe, das Bedürfnis nach Andacht, Kontemplation und innerer Einkehr zu befriedigen, dass eine Kunsthalle mit der gleichen ehrfurchtsvollen Bereitschaft zu durchschreiten sei, mit der man sich auch in einer Kirche aufhalte.

Wer diese Dimension einmal erleben möchte, der sollte in den nächsten Wochen einen Besuch in der Erfurter Kunsthalle nicht versäumen.
Der traditionelle Stammplatz in unserer Landeshauptstadt bietet für Kunstkenner und Interessierte die zeitgenössische Arbeiten einer ausgewöhnlichen Moskauerin mit großer russischer Seele und dem offenen Geist einer Weltbürgerin. Die längst weit über die Landesgrenzen hinaus erfolgreiche Videokünstlerin Olga Chernysheva hat uns dort eine Auswahl an von Kennern längst als etwas Besonderes klassifizierten Werke zu präsentieren, die dazu eigens aus der Foxy Production New York, der Galerie Diehl in Berlin und der V-A-C Foundation in Moskau zusammengetragen wurden.

Der Anspruch der Ausstellung


Die Ausstellung präsentiert Videoclips, Fotos, Kohlezeichnungen und einige Aquarelle über das Unscheinbare und Alltägliche. Die Künstlerin zeigt uns, was wir jederzeit, aber selten bewusst sehen. In der Erfurter Kunsthalle kann man über die Präsenz ihrer Arbeiten auf eine geistige Reise gehen, bei der Erwartungen und antrainierten Bewertungen entschleunigt und auf neue Art zu einer echten und mitfühlenden Wahrnehmung komprimiert werden.

Spätestens ab der Mitte der Ausstellung bekommt wohl selbst ein untrainierte Kunsthallenbesucher, eine innere Bereitschaft vorausgesetzt, ein untrügerisches Gefühl für den Blick auf die von der Künstlerin mit großer Beharrlichkeit dargebotenen Details, die das Träumen, Staunen und Hoffen in uns zu entzünden vermögen.

Ihre Clippings, kleine Videosequenzen mit poetischen Notizen über das von ihr Beobachtete, führen sensibel und zugleich durch die eingeblendeten Texte sehr direkt zu ihrem liebevollen Blick auf arm gewordene Menschen und ihre ärmliche Umgebung. Aber es ist nicht die Tristesse, nicht die Grauheit der Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die sich im Betrachter festhaken, sondern immer weiter und weiter wird der Blickwinkel verschoben zugunsten der Wahrnehmung einer unbeschreiblich großen Würde, die einem Menschen völlig unabhängig von seinen materiellen Lebensbedingungen zu eigen sein kann. Olga Chernysheva zeigt uns eine Würde, die sich aus der geistigen Aneignung großer russischer Kultur und der menschlichen Fähigkeit, das Alltägliche zu transzendieren entwickelt. Nicht nur in dem erwähnten Ausstellungsraum mit den 24 Clippings erklingt daher leise klassische Musik, die auch den Betrachter dezent dabei zu unterstützen vermag, eben wie bei einer religiösen Andacht, den eigenen Blick zu läutern und statt vor der Alltäglichkeit zu kapitulieren, die Chance zur tiefen Erfahrung zu erspüren.

Nachvollziehbare Transzendenz der Wahrnehmung – das Video Trashman


Besondere Beachtung verdient in diesem Zusammenhang das im Renaissancesaal gezeigte Video über einen usbekischen jungen Mann, der als Müllmann (Trashman) in einem Kino für die Besucherabfälle den Müllsack aufhalten muss. Der Clip dauert nur sechseinhalb Minuten, hat aber eine so eindringliche Intensität, dass er zugleich erschüttert und die eigene Wahrnehmung transzendiert. Zunächst verschweigt die Kameraführung, die uns an der Arbeit des Mülljungen teilhaben lässt, nicht, mit welcher unglaublich selbstverständlichen Arroganz vermeintlich Wohlhabendere einem mutmaßlich unter ihnen stehenden Menschen, ihren Müll zuwerfen können, ohne ihn dabei auch nur mit einem Blick zu streifen. Durch lang gehaltene Nahaufnahmen vom Gesicht des Mannes wird gezeigt, wie mit dieser vollständigen und ausnahmslosen Ignoranz das Selbstbild eines fast erwachsenen jungen Mannes regelrecht neu formatiert wird, wie er annimmt, weniger wert zu sein als andere. Wie er annimmt, was ihm aus Achtlosigkeit, Oberflächlichkeit und Dummheit von seinen Mitmenschen zugewiesen wird.
Die Transzendenz in der Wahrnehmung des Betrachters findet durch eine wiederholte langsam gefadete Kamerasequenz ihren Auslöser. Man blickt auf die schmalen, braunen Hände des Mülljungen und sieht, wie er geduldig, ja sorgfältig, Stunde für Stunde einen Müllsack aufhält, die eingeworfenen Plastikbehältnisse zurechtschüttelt, dafür sorgt, dass der Sack weit geöffneten bleibt und, wie ungeschickt die Würfe der Konsumenten auch immer ausfallen mögen, getroffen werden kann. Man blickt auf zwei offene Arme und begreift allmählich, dass es sich um eine aufnehmende, offene Haltung, eine unbegreifliche innere Hinwendung und Ergebenheit zu dieser einzig zugestandenen Arbeitsaufgabe handelt. Spätestens, wenn das bewegte Bild dieser stillen Hände hell ausfadet, ergänzt die eigene kulturelle Prägung das Bild eines Engels, in dessen geduldigen, weit offenen Händen, statt des Müllsacks die göttliche Botschaft zu liegen scheint und man sitzt erschüttert und tief berührt und denkt: „Jesus. - Schon wieder Einer, der hier ist, um das Leid, den Schmutz und die ganze Elendigkeit arroganter und herzlos gewordener Menschen zu ertragen.“

Alles ist enthalten oder der Begriff der Kompossibilität

Olga Chernysheva geht noch einen ganzen Schritt weiter. Sie behauptet, dass sich die Dinge, die zu einer transzendenten Wahrnehmung führen, von allein zueinander fänden, dass sie den Situationen inhärent seien und man sie lediglich mit der Bereitschaft betrachten müsse, in ihnen das eigentlich immer vorhandene Potential der Entfaltung von Würde, Schönheit und Lebendigkeit zu erkennen.
Sie nennt diesen Umstand Kompossibilität und findet dafür das sinntragende Bild einer wirklich hässlichen und eintönigen Zierfassade aus durchbrochen vermauertem Backstein, die zur schützenden Niesche für eine beträchtliche Anzahl von Stadttauben geworden ist. Beides, die Mauer und die Stadttauben für sich sind in einer Großstadt wie Moskau nicht gerade Vorzeigeobjekte. Aber auf dem Foto erblickt der geneigte Betrachter eine Sammlung putziger Taubenporträts vor dunklem Grund, getrennt von weißen Rahmen.
Doch, um das auch wirklich so sehen zu können, kommt es noch immer darauf an, was der Betrachter zu denken vermag.

Transzendente Erfahrung während der gestrigen Ausstellungseröffnung


Wohl um das geeignete Denken sicherzustellen, gab es gestern Abend neben der Begrüßung durch Herrn Prof. Dr. Schierz eine einführende Kunsterklärungsrede von Autorin Dr. Silke Opitz, die zudem einen Kunstkatalog zur Ausstellung und ein an der Kasse kostenlos erhältliches Leitheft zusammengestellt hat.

Obwohl schon für die Einstimmung zwei Musiker mit excellent gespielter Klassik sorgten, war das Colorit der Selbstbemühlheit von seiten der Verantwortlichen wie eine ungewollte Inszenierung dessen, was Olga Chernysheva mit Kompossibilität meint.

Eigentlich war es unverzeihlich , dass es Herr Prof. Dr. Schierz in seiner Begrüßungsrede für eine passende Idee hielt, vor der anwesenden Künstlerin , der Leiterin des russischen Kulturfonds und aller sonst anwesenden Gäste zu betonen, dass er trotz 10 Jahren Russischunterrichts, leider keinen Satz in dieser Weltsprache mehr von sich geben könne. Seltsam war auch, dass man die Gunst der Stunde nicht nutzte, um der flüssig englisch sprechenden Künstlerin eine Gelegenheit einzuräumen, mit dem Publikum in Dialog zu treten. Selbst die gute und andernorts wahrhaft selbstverständliche Tradition der Blumenstadt Erfurt unseren Gästen mit einem Strauß Ehre zu erweisen, blieb am gestrigen Abend aus.

Es war, als hätte die Präsenz der geradezu stoischen Disziplin der Wachmänner, Strassenverkäufer, mit Militäruniformen bestückten Knaben und Zugreisenden, der blinde und darin zugleich liebenswürdige Eifer der im Spiegelbild eines russischen Gemäldes sichtbaren Museumsfrau, uns alle ergriffen.

Und was daran war kompossibel?

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Ich glaube, es passierte bei mir, nachdem ich mir die lange Reihe der müden, verträumten oder geduldigen Gesichter der Kraftfahrer-Fotos angesehen hatte. Plötzlich verschwand mein Ärger auf die ganzen Ungeschicklichkeiten dieser Ausstellungseröffnung und ich sah, wie unerhört ernsthaft wir alle gerade darum bemüht waren, unsere Rollen mustergültig auszufüllen. Vielleicht waren wir, von großer international angebundener Kunst ja nicht gerade überhäuft, alle ein bisschen zu ernst, doch zugleich war jeder Einzelne von uns so liebenswert ehrlich darin, die große Kunst der weiten Welt in unser kleines Thüringen einzulassen, dass ich lächeln musste und mich unbeschreiblich zu Hause fühlte.

Ich bin sicher, unserem Beispiel folgen in den Sommerwochen bis zum 25. August noch einige ernsthaft interessierte Besucher nach und ihnen allen kann man nur wünschen, dass sie ihren Blick weit genug offen halten können, um beides zu sehen: Das Bedauerliche und die Präsenz von Wachstum und Schönheit.
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