Wie - es - sein - wird

Bild: J. Arikana
Wie - es - sein - wird
Nichts geht. Aber auch gar nichts. Ich schaue auf den Computer. Die kleine Sanduhr dreht sich. Ich werde ungeduldig. Klicke auf dieses und jenes Feld. Trommle mit den Fingern. Die Sanduhr dreht sich. Immer noch. Meine innere Uhr sagt, dass Minuten vergehen. Minuten – Ewigkeiten. Ich warte auf das Arbeiten meines PC. Vergeudete Zeit! So denke ich. Könnten die Dinge nicht reibungslos ineinander greifen? Wie viel Lebenszeit verschwende ich damit? Womit? Mit sinnlosem Warten?

Lebenszeit. Das Telefon schrillt. Ein Anruf. Komm. Dort wartet jemand. Ich fahre. Das Auto wartet im Parkhaus. Und ich gehe ruhigen Schrittes in das Haus. Fahrstuhl: 2. Etage. Intensivstation. Da liegt er. Ein junger Mann. An der Beatmungsmaschine. Die Mutter neben mir. Das geschehen verläuft anders, als wir es wünschen. Wir sitzen. Die Ärzte reden. Die Geräusche der Beatmung sind wie Ebbe und Flut. Warum wird er nicht wach? Das Geräusch der Apparate. Nun schon seit Wochen. Wann endlich öffnet er die Augen? Ich kann meine Ungeduld kaum verbergen. Die Ohnmacht wird größer. Alles ist durchkreuzt. Lebensplanung. Familienleben. Aus dem Jetzt gerissen. Ohne Vorwarnung. Und das. Schon wieder. Zum wiederholten male. Und ihm bleibt nichts, als sich zu fügen.

Warten kann so verschieden sein.
In regelmäßigen Abständen nehme ich mir vor, Warten zu lernen. Vielleicht sogar, ihm eigene Qualitäten abzuringen. Ich beginne dann, das Warten auszutricksen: Habe ein Buch parat, die Tageszeitung, das i - Phone. Ich bewaffne mich gegen alle Wartefallen. Das ist nicht schlecht. Doch genau genommen ist das kein Warten.

Ich vertreibe mir die Zeit. Schlage meiner Ungeduld ein Schnippchen. Doch was, wenn Warten keine Störung ist. Sondern eine Chance? Wartezeiten würden zu Zeitinseln. Zu unverhofften Pausen. Zum Atem holen, zum Aussteigen aus dem Hamsterrad des Alltags. Weg vom Laufsteg ohne Tempolimit. In die 30er Zone – Spielstraße.

Neulich entdeckte ich einen Wartekalender. Eine weißes Blatt geteilt in viele Felder. So viele, bis das Ereignis da ist. Aber ließe sich damit das Warten lernen. Sich für einen Moment auf nur eine Sache konzentrieren. Schauen, was geschieht. Eine Art Meditation, ein Alltagsexerzitium. Vielleicht auch ein Sich – freuen – Lernen. Eine Ahnung, wie es sein kann. Wenn ich, ja wenn ich auf Anderes, auf Größeres warte. Auf etwas, das ich mir zutiefst wünsche. Etwas, das mich erfüllt. Ich habe den Kalender gefaltet.

Und ich gebe der Sehnsucht Raum. Höre in mich hinein. Gebe der Sehnsucht Zeit, größer zu werden, stärker. Ich lasse zu, bedürftig zu sein. Ich habe es gelernt von meinem Freund. Dort auf der Intensivstation. Und gebe zu, dass ich nicht alles habe, was glücklich macht. Und weiß doch, wie unendlich reich ich bin. Vielleicht wäre Warten so keinesfalls vergeudete Zeit. Sondern Vorgeschmack auf ein „Wie – es – sein - wird“: Wie es sein wird, wenn die Sonne herauskommt nach wochenlangem grauen Himmel. Wenn ein liebster Mensch von einer Reise zurückkommt. Wenn endlich Frieden wäre in Libyen. Und die Menschen lernen, menschlich miteinander umzugehen. Die Gefängnistore von Guantanamo sich öffnen….. Und. Wenn mein Freund wieder wach wird. So wird es sein. Dann wird es sein. So, wie – es - sein - wird. Ich warte.
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Mariett Demirelli aus Erfurt | 14.07.2012 | 00:11  
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