"Wir schaffen das" - sagen auch die Erfurter Kabarettisten

Julia Maronde, Andreas Pflug und Dominique Wand.
 
"Wir schaffen das", sagen die drei Kabarettisten.
Erfurt: Kabarett "Die Arche" |

"Wir schaffen das!“ - diesen Ausspruch der Kanzlerin nehmen sich Julia Maronde, Andreas Pflug und Dominique Wand vom Erfurter Kabarett „Die Arche“ in ihrem aktuellen Programm zum Vorbild. Schluss mit allen Bedenken und ran an die Probleme! Auch, wenn es keine Lösung gibt!? Im Gespräch mit den drei Protagonisten:

Eine Steilvorlage für Kabarettisten - Hätte die Kanzlerin mit ihrem „Wir schaffen das!“ eigentlich etwas Besseres sagen können?

Dominique Wand: Finde ich nicht! Man darf aber nicht vergessen: Der Satz ist nicht kontextfrei. Frau Merkel hat durchaus gute Beispiele genannt, von dem, was wir geschafft haben: Die Bundesrepublik hat sozusagen 17 Millionen Ostdeutsche aufgenommen. Wir haben nach dem 2. Weltkrieg, als das Land in Trümmern lag, 14,5 Millionen Flüchtlinge aus dem Osten aufgenommen. Und jetzt will Europa mit 500 Millionen Einwohnern tatsächlich damit hadern, dass eine Million Menschen hinzukommen. Das ist so, als ob man an einen Tisch mit 500 Leuten einen dazusetzt. Und dann bricht die Tafel zusammen? Das ist absurd.

Julia Maronde: Es ist so schön universell. Es klingt gut, optimistisch, der inhalt ist breitgefächert, man muss sich nicht konkret festlegen. Es ist eine schöne Universalaussage, mit der man Leute motivieren und bei der Stange halten kann.


Gibt es eine Lösung?

Julia Maronde: Wir sind ja keine Politiker und haben keinen Zehn-Punkte-Plan, wie man die Krise lösen kann.

Dominique Wand: Es gibt nicht d i e Flüchtlingskrise. Was wir hier abkriegen, ist ein Teil davon. Weltweit befinden sich 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Und das wird sich steigern, das ist der Anfang einer weltweiten Flüchtlingskrise. Es gibt natürlich Lösungen, die haben einige vorgeschlagen: Man kann Europas Außengrenzen mit Zäunen und Maschinengewehren bepflastern.

Julia Maronde: Achtung: Achtung, das war Ironie. Bei manchen Leuten muss man das dazusagen!!!

Dominique Wand: Selbst das mit den Grenzen würde nicht funktionieren. In der Geschichte kennen wir zwei perfekt gesicherte Grenzen: zwischen Nord- und Südkorea und zwischen Ost- und Westdeutschland, gerade letztere war die am besten gesicherte. Und trotz der Selbstschussanlagen und so weiter haben immer wieder Leute versucht, die Grenze zu überwinden. Man wird Menschen, die aus Krisen- und Kriegsgebieten kommen und die viel Leid erlebt haben, mit einem Zaun nicht daran hindern, dort hin zu gehen, wo sie ihr Leben nicht mehr bedroht sehen.



Mit dem Programm trefft Ihr einen Nerv. Hat Euch das im Vorfeld mehr Kopfzerbrechen bereitet als sonst?

Julia Maronde: Wir haben bei Gastautoren nicht das gefunden, was wir aussagen wollten, deshalb gesagt: Das Meiste schreiben wir selbst. Wir saßen oft zusammen und haben über die Dinge gesprochen, die uns bewegen und überlegt, wie man das satitisch, ironisch anpacken kann. Und dann haben wir selbst geschrieben. Wir haben nur einen Fremdautoren dabei.


Waren Euch die anderen fremden Autoren zu brav?

Julia Maronde: Die haben eher weniger mit unserem Thema zu tun gehabt.

Andreas Pflug: Oder es hat uns nicht gefallen, war nicht so aktuell. Die Ereignisse haben uns fast überholt, so schnelllebig war alles. Und da wir die Potentiale haben, selbst zu schreiben, haben wir sie diesmal besonders genutzt. Kein anderer hätte das alles so in unserem Sinne ausdrücken und auf den Punkt bringen können, was wir wollten. Das Ganze war auch sehr teambildend, wir sind mit unserem Regisseur, der Technik, neue Wege gegangen.


Hattet Ihr Berührungsängste bei diesem sensiblen Thema?

Julia Maronde: Eher nicht. Es gibt Momente, in denen auch wir kurz die Luft anhalten und uns fragen, ob wir das so sagen können und wie das Publikum reagiert. Aber wir fassen das Thema eben mit Satire an. Den Witz in bestimmten Dingen zu suchen, ist Aufgabe von Kabarett und Satire.

Andreas Pflug: Manchmal muss man eben auch schwarzen Humor haben. Also Angst vor Ideen brauchte man bei diesem Thema nicht zu haben. Natürlich gehören auch nachdenkliche Momente dazu, Sachen, die polarisieren. Nach den ersten Vorstellungen haben wir gemerkt: Das Programm spaltet, wir haben gleich eine böse E-Mail bekommen. Das zeigt uns, dass die Meinungen ganz schön auseinandergehen.


Dürfen Kabarettisten alles sagen?

Dominique Wand: Ich würde niemals jemanden persönlich beleidigen, vorführen. Aber selbst da ist die Grenze fließend. Man sollte immer Anstand, Respekt bewahren.

Julia Maronde: Nach dem widerlichen Anschlag auf Charlie Hebdo habe ich bewundert, mit welcher Kraft, welchem Optimismus die dort weitergemacht haben. Die lassen sich nicht den Mund verbieten, Wahnsinn! Davor habe ich Respekt.

Andreas Pflug: Es ist immer eine Gratwanderung. Als Kabarettist kannst du dir eine Menge leisten. Es ist nur die Frage: Wie formuliere ich das? Satire funktioniert durch die scheinbare Verherrlichung des Bösen. Damit kannst du immer provozieren.

Dominique Wand: Wir sollten immer auch im Kopf haben, dass es eine Errungenschaft ist, in einem System zu leben, in dem ich meine Meinung frei äußern kann. In dem es mir gestattet ist, auch dem größten Häuptling an den kleinen Zeh zu pinkeln. Wenn das beschnitten würde, dann würde ich unruhig werden. Dann sollte auch die Gesellschaft unruhig werden.

Julia Maronde: In ganz vielen Köpfen ist dieses hohe Gut gar nicht mehr existent. Was bedeutet Demokratie, Pressefreiheit, was ist es für ein Luxus, seine Meinung zu sagen, ohne Gefahr für Leib und Leben zu fürchten - das ist alles so selbstverständlich geworden.

Dominique Wand: Wer denkt schon darüber nach, dass wir in einer der längsten Phasen des Friedens leben? Das ist für die Leute einfach normal geworden, so wie genügend Essen, Wasser aus der Leitung - das ist so normal, dass es nicht mehr wichtig erscheint. Dabei sind das alles unglaubliche Privilegien. Die meisten Menschen auf der Welt haben das nicht. Wir als Kabarettisten sollten das auch widerspiegeln.


Was wünscht Ihr Euch von Eurem Publikum?

Dominique Wand: Man sollte immer vermeiden, den Lehrer raushängen zu lassen. Wir wissen ja nichts besser als unser Publikum. Ganz tief in mir drin, als normal Sterblicher, wünsche ich mir doch auch: Bitte findet eine Lösung, macht, dass alles wieder heil ist. Aber das ist naiv, dass kann natürlich niemand bieten.

Andreas Pflug: Wenn der Alltag schwer genug war, sollen sie hier erleichtert rausgehen. Klar sind es schwierige Sachen, die wir auf die Bühne bringen, aber auch das kann unterhaltend sein. Wir versuchen, alles etwas verdaulicher zu machen. Lachen ist die beste Medizin, gepaart mit den nachdenklichen Momenten. Viele sind auch neugierig, wie wir Humormacher mit diesen ernsten Themen umgehen.

Dominique Wand: Trotz schwerster Themen sollen sich die Leute amüsieren, das hier ist ja kein Gottesdienst. Nichts gegen den, er hat natürlich genauso seine Berechtigung...


Könnte Frau Merkel über das Programm auch lachen?

Andreas Pflug: Sie hat Humor!

Julia Maronde: Das glaube ich auch!

Dominique Wand: Wenn man umgeben ist von vermeintlich omnipotenten Pavianen, die alle dahin wollen, wo sie sitzt - wenn man da keinen Humor hat... Über unsere Frau Merkel, dargestellt von Andreas, könnte sie garantiert lachen. Die Merkel macht er so supergut! Die Leute feiern das.

Julia Maronde: Vielleicht sollten wir ihr mal eine Einladung schicken.
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