Zaubernacht

Junge Frau mit Himmelschlüssel vor Königsberger Schloss
Es riecht nach Kräutern und Feuer. Allerlanden entsteigt dem Nebel zu Walpurgis (Nacht vom 30.04. zum 01.05.) ein geheimnisvoller Zauber. Druiden und Kräuterfrauen kommen empor. Heute sind sie nicht länger Hexer und Hexen; diese Rolle hielt einst das Christentum für sie bereit.
Im großen Kessel wabert ein Sud; viel Met, Wurzeln und Blüten drehen sich unter dem Rührlöffel der Zauberfrau. In den Sud kommen Alantwurzeln. Im Wein schmecken diese sehr aromatisch, aber sie helfen auch bei Husten, Lungenleiden, Geburtswehen, Migräne und Ekzemen.
Das Kräuterwissen aus der Frühzeit ging nicht unter. Nonnen, wie Hildegard von Bingen, legten im Mittelalter Kräutergärten an. Diese berühmte Nonne schrieb das von Generation zu Generation weitergegebene Heilwissen in einem Buch nieder.
In der modernen Medizin ging vieles wieder verloren. Heutzutage, wo Antibiotika keine sichere Medizin mehr sind, ist das alte Kräuterwissen wieder interessant; auch die Vielseitigkeit seines Einsatzes.
Das trifft z.B. auch auf Binsen zu, die im Wasser wachsen. Zur germanischen Sommersonnenwende wurden einst damit Eier verziert. Zum Sommergewinn in Eisenach ist das heute noch Brauch. Im alten Thüringer Reich war es eine symbolische Handlung. Gemeinsam mit Brezel und Hahn stand das Ei für Unendlichkeit, Fruchtbarkeit und das neue Leben.
Mit Binsen konnte man Körbe flechten oder etwas zusammenbinden. Eingetaucht in Tinte diente die Pflanze als Schreibgerät. Aus dem griechischen Wort „byblios“ für Binsen entstand der Begriff „biblia“, also die Heilige Schrift.
Innerlich angewendet konnte ein Extrakt aus Binsen Verstopfungen lösen. Warum sollten sie also nicht mit in den Sud? Es kommt dabei immer auf die Dosis an. Schwarzes Bilsenkraut dagegen kann auch sehr giftig sein. Die Kelten stellten damit ihre vergifteten Pfeile her.
Auch in den Märchen kommt diese besondere Pflanze vor. Im Märchen „Die 11 Schwäne“ von H. Ch. Andersen muss die Königstochter Brennesseln pflücken und zu Hemden für die Brüder weben, damit sich ihre Verzauberung löst.

Bei den Brüdern Grimm gibt es ebenfalls Kräutermärchen, z.B. „Rapunzel“ und „Zwerg Nase.“ Rapunzelsalat ißt doch jeder gern. Der vewünschte Zwerg Nase braucht das geheimnisvolle Kräutlein „Nies mit Lust“, um wieder ein Junge zu werden.
Die Brennessel galt als Teufelskraut. Die Pflanze ist mit Brenn- und Borstenhaaren besetzt, die beim Pflücken sehr schmerzhaft sein können. Sie schützen aber die Pflanze vor Fraßfeinden. Die kleinen Blüten sind weiß oder blau-violett. Die Brennessel kann sich an ihrem Standort jahrzentelang behaupten. Die Brennesseltriebe wurden zur Kur verwendet, weil man damit die Frühjahrsmüdigkeit beseitigen wollte. In der Tat hat die Pflanze einen günstigen Einfluß auf die Entwässerung des menschlichen Körpers. Sie ist blutreinigend und hilft bei Magen- und Nierenbeschwerden, sowie bei Rheuma. Bäuerinnen haben die Brennessel mit dem Wiegemesser zerkleinert und als Vitamine in das Futter von Küken, Kälbern und Ferkeln mit gutem Wachstumserfolg gemischt. Heilen und töten können diese Kinder Floras gleichermaßen. Die Verantwortung liegt immer in der Hand des Menschen.

Umfangreiche Erfahrungen mit Kräutern wurden einst in Zeiten der Kelten und Germanen erworben. Aber auch heute noch wachsen auf der Erde viele geheimnisvolle Pflanzen. Mit Borretsch legt man z. B. Gurken ein und wendet es bei Harnverhaltung an. Die Blüte ist hellblau und schlicht; sie gilt deshalb als Zeichen der Jungfräulichkeit.
Ein Vielkräutersud kann zum Heil und zur Freude genutzt werden. Das wirkt mystisch, denn dem Normalbürger fehlen diese Kräuterkenntnisse. So entstand einst die Vorstellung, dass in der Walpurgisnacht alle Geister, Druiden und Kräuterfrauen aufsteigen, um den Mitsommer zu feiern, Elixiere zu brauen und die Zukunft zu beschwören. Man glaubte, dass alle Kräfte, die Guten und die Bösen, in dieser Nacht frei verfügbar seien.
Nicht jeder liebt diese ungewisse Situation. Der Mensch möchte stets der Gestalter und Former sein. Aber ganz egal, wie modern die Zeiten sind; immer wieder entgleiten unseren Händen und unserem Kopf wichtige Formeln, die dem Dunkel Einhalt gebieten könnten. Manches „Brauchtum“, das in der heutigen Zeit wieder gepflegt wird, war noch vor über 20 Jahren unerwünscht. Oftmals wird heute stolz verkündet, dass es wieder ein „Dreckschweinfest“, „Eierschieben“ und „Hochzeitsalmosen“ geben darf.

Ich habe mir einmal die Mühe gemacht und recherchiert, worum es dabei geht.
In der Nähe von Sangerhausen gibt es heute wieder das „Dreckschweinfest“. In einer Schlammkuhle sind früher junge, arme Burschen zur Belustigung der Herrschaft gegeneinander angetreten. Dem Sieger winkte Geld für die Erniedrigung.
„Eierschieben“ kommt aus dem Sorbischen. Um die Osterzeit fuhren reiche Bürger in Kutschen durch die Orte. Sie warfen für die wartenden Kinder armer Leute Eier und Obst in den Straßenschmutz und hatten dann Spaß an der Balgerei der Kinder. Dieses „Fest“ ist wieder auferstanden; heute ist es aber humaner, denn es wird mit Bällen geworfen.
Lange Zeit war es in Thüringen Mode, vor den Hochzeitskutschen ein Seil zu spannen, um die Kutsche anzuhalten. Der Bräutigam musste dann die Braut freikaufen, indem er kleine Münzen auf die Straße warf, die die Kinder dann aufklaubten. Die Kutsche fuhr zur Kirche.

Vieles aus der „guten alten Zeit“ klingt aus heutiger Sicht wenig zauberhaft. Aber das Kräuterwissen ist es wert, sich damit zu beschäftigen; nicht nur in der Walpurgisnacht.
Möglicherweise sind die Kräuterweiber heutzutage ganz gern mal Hexen. Nicht nur auf dem Hexentanzplatz im Harz, sondern auch auf dem Erfurter Domplatz und in den vielen Dörfern ringsum.

Ute Hinkeldein

Quellen
Franziska von Au; Die Hausapotheke, Bassermann Verlag, o.J..
Ulrich Völkel; Heimische Pflanzen, Rhinoverlag Ilmenau, 2011.
Christel Lorek / Angelika Kandler-Seegy;
Allerlei Pflanzen zwischen A und Z, Ogham-Verlag, 2000.
Elsbeth Lange / Wolfgang Heinrich; Wir bestimmen Pflanzen,
Der Kinderbuchverlag Berlin, 1984.
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