Zu Besuch bei Graf Gotter im Schloss Molsdorf - Thüringer Schloss des Jahres 2015

   
Kai Uwe Schierz
Legenden ranken sich viele um ihn. Das große Deckengemälde im Festsaal, so heißt es, solle in Wahrheit eine zweite - die wahre - Funktion haben: Nach unten gelassen diene es als Tischplatte für ein ausschweifendes Mahl. Viele ausgelassene Gäste finden hier Platz. Andere wieder meinen auch dies zu wissen: Vom Schlafgemach aus führe eine geheime Treppe in den Keller. In den Keller voller Wein. Ach ja, aus dem Keller gehe eine ebenso geheime Tür zum Dorf. Es könne schließlich kein Zufall sein, dass der Schlossbesitzer einst so viele Patenkinder in Molsdorf unter seine Fittiche genommen habe. Ist er gar mit ihnen verwandt?

Professor Dr. Kai Uwe Schierz, Direktor der Kunstmuseen der Stadt Erfurt sowie der Kunsthalle und auch für das Schlossmuseum Molsdorf zuständig, lächelt. Er kennt die Legenden um den Grafen von Gotter. „Die gehören einfach dazu.“ Nähren allerdings möchte er diese Geschichten, die jeglicher Grundlage entbehren nicht. Im Gegenteil. Das kommende Jahr ist ein guter Anlass, genauer hinzusehen, vielleicht auch, mit den 'Überlieferungen' um Gustav Adolph von Gotter aufzuräumen, ihn anders kennenzulernen. 2015 ist Schloss Molsdorf das Thüringer Schloss des Jahres, so hat es die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten entschieden.

Schloss des Jahres präsentiert sich



“Wir möchten in diesem besonderen Jahr eine erhöhte Anzahl von Veranstaltungen bieten, das Schlossmuseum lebendig zeigen, mehreren Sonderausstellungen Raum geben“, wirft Kai Uwe Schierz einen Blick voraus. Besonders am Herz liegen ihm die Gruppenausstellung mit zeitgenössischer Kunst, die auf Geschichte trifft und Harald Reiner Graz' Ausstellung „Ein Gotterleben“. Ein schönes Wortspiel, sofort hat der Betrachter die Assoziation zum Begriff 'Lotterleben'.

Nur Legenden



Man müsse niemanden ausdrücklich einladen, sich mit dem in Gotha geborenen, späteren, Grafen Gotter zu befassen, das tun Künstler von allein. Gotter ist bis heute ein faszinierendes Thema, das viele Emotionen heraufbeschwört. Schließlich geht mit all den Legenden Gotters Ruf einher, ein furchtbarer Verschwender gewesen zu sein, ein den Sinnengenüssen zugeneigter Lebemensch. „Diese Beschreibung stimmt so nicht!“, sagt Kai Uwe Schierz und möchte möglichst viele Menschen um den wahren Grafen wissen lassen. Ein erfolgreicher Diplomat sei dieser gewesen, ein intelligenter, musisch begabter Mann, ein ausgebildeter Jurist, der es schon während seiner Diplomatentätigkeit am Wiener Hof verstand, gefragte Gesellschaften zu geben und Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Später erwarb sich Gustav Adolph von Gotter Verdienste im Postwesen. „Graf von Gotter war ein sehr weltgewandter, intellektueller, bibliophiler Adliger“, fasst Schierz seine Einschätzung zusammen.

Zu Besuch im Schloss



Viele Besucher zieht es in das Schloss, um nicht nur die Räume und den Park zu bestaunen, sondern um mehr über den berühmten Grafen zu erfahren. Die zu besichtigenden Räume geben ein beredtes Zeugnis von Gotters Molsdorfer Zeit: Festsaal, Musik- oder Damenzimmer, Marmorsaal, geheimes Kabinett oder Schlafsaal, das Konversationszimmer.

Den Festsaal schmücken 33 Bildnisse. In Ermangelung adliger Vorfahren ließ er hier nicht Familienmitglieder verewigen, sondern Gönner und Wegbegleiter, die eine große Rolle für ihn spielten. Auch später war es dem Mann nie vergönnt, für eigene Nachfahren zu sorgen. Außer zu den beliebten Gesellschaften traf sich der Graf in den Räumen mit Gleichgesinnten, um über fortschrittliche Texte zu diskutieren.

Der Mann, so weiß es Schierz, war sehr belesen, richtete im Schloss eine eigene Bibliothek ein, deren Bücher heute in der Gothaer Bibliothek zu finden sind. „Viel Aufklärungsliteratur fand sich dort, außerdem las er englisch- und französischsprachige Werke. Keine Schundliteratur oder schlüpfrige Geschichten, wie es mancher bei seinem Ruf vermuten würde“, fügt er hinzu. Auch der Natur zeigte sich Graf Gotter sehr zugewandt, er ließ den architektonischen Garten anlegen, der zu den bedeutendsten Schöpfungen des 18. Jahrhunderts in Thüringen zählte. Immer wieder trifft der Besucher des Schlosses auf Flora, die Göttin des Gedeihens der Natur, und auf Venus, die Göttin der Liebe und Schönheit den Menschen betreffend. Auch Helios und Apoll wird der aufmerksame Schlossbesucher mehrfach begegnen, genau wie den beflügelnden Musen.

Bildung, Kunst und Zerstreuung



Wer im Gotterschen Festsaal groß die Worte „Vive la joie“ (Es lebe die Freude) liest, bekommt eine Ahnung von dem, was sich Graf von Gotter von seinem Schloss erhoffte. Ein Leben ganz nach seinen Vorstellungen, mit Bildung, Kunst und Kultur, Liebe und Wohlstand und allerhand Zerstreuung dazu. Eine zeitlang hat es funktioniert. Und bis heute wirkt diese Zeit nach. Mit all ihrer Faszination, den Geschichten, Tatsachen und Legenden. „Ein paar von den Legenden bekommt der Besucher auch bei den Führungen zu Ohren, sie wollen das. Aber sie müssen auch wissen, dass es eben nur Legenden sind“, sagt Kai Uwe Schierz lachend. Er ist sich sicher, dass spätestens im nächsten Jahr Graf von Gotter auch ein anderes Gesicht bekommt. Das liegt ihm sehr am Herzen.



Wissenswertes:



- Spätestens im 16. Jahrhundert wurde in einer Senke der Gera südwestlich von Erfurt eine der wenigen Wasserburgen Thüringens errichtet, ein Vorgängerbau des heutigen Schlosses Molsdorf.

- Nach wiederholtem Besitzerwechsel und Umbauten fiel das Schloss 1733 an Prinz Wilhelm von Sachsen-Gotha-Altenburg, der verkaufte es 1734 an den Reichsfreiherrn und späteren Reichsgrafen Gustav Adolph von Gotter (1692 - 1762).

- Gotter ließ die alte Schlossanlage in einen rechteckigen Vierflügelbau mit repräsentativer Südfassade umbauen. Ein Turm im Innenhofbereich wurde abgetragen.

- Umgeben von einem 40 Personen umfassenden Hofstaat gab sich der für seinen Witz und Geist gerühmte Gotter im Schloss Molsdorf den Freuden des Lebens hin.- Finanznöte zwangen Gotter 1748, das Schloss zu verkaufen, er behielt ein lebenslanges Wohnrecht, das er 1757 letztmalig in Anspruch nahm.

- Mit Gotters Fortzug versank Schloss Molsdorf in einen Dornröschenschlaf.

- Von den Umgestaltungen der Gräfin von Gneisenau Anfang des 20. Jahrhunderts blieb das Schloss bis heute nahezu unverändert.

- Heute beherbergt das Schöoss den Nachlass des Thüringer Malers und Grafikers Otto Knöpfer sowie eine umfangreiche Erotikasammlung.

- Das Schloss gehört der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, das Museum wird von der Stadt Erfurt betrieben.


Sonderausstellungen im Jahr 2015:



- Harald Reiner Gratz „Ein Gotterleben“ (7. März bis 17. Mai)

- Intermezzo zu den Schlössertagen mit einer Sonderausstellung im Turmzimmer zu historischen Park- und Gartenanlagen in Thüringen (21. bis 31. Mai)

- Fullhouse - Gruppenausstellung von mehreren Künstlern mit zeitgenössischer Kunst, bei der Gegenwart Geschichte trifft (20. Juni bis 20. September)

- Alfred Hrdlicka „Ein Wiener Blut“ (3. Oktober bis 13. Dezember)


Außerdem finden im Laufe des Jahres zahlreiche andere Veranstaltungen statt wie Konzerte, Lesungen, Vorträge Führungen.
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