153 Tonbandminuten - Tom Grabe schreibt Bandmitschnitte ab und damit ein Stück Mühlhäuser Geschichte mit

MühlhausenThüringen: Marienkirche | In der Marienkirche wurde es eng, am 4. November 1989

Die Mühlhäuser Bürger waren schlau. Am 4. November 1989 hatten sie beim 2. Mühlhäuser Dialog ein Kassette in der Marienkirche mitlaufen lassen. Und auf diese Weise haben sie sich ein wichtiges Stück Geschichte auf Magnetband gesichert.

Zu dieser Zeit war Tom Grabe (16) noch gar nicht geboren. Der Oberschüler vom Tilesius-Gymnasium hat sich dennoch vom Geschichtswettbewerb „25 Jahre friedliche Revolution“ mitreißen lassen und forschte gut ein halbes Jahr. Er vergrub sich viele Nachmittage im Stadtarchiv – und protokollierte jenes Tonband vom November der Revolution. Allein 22 der insgesamt 54 Seiten seiner Arbeit sind Gesprächsmitschnitte dieser 153 Tonbandminuten.
Die Welt, von der dort gesprochen wurde, kam sei ihm zunächst fremd vorgekommen. „Aber mit der Zeit habe ich mich hineingehört.“ Er lernte die Stimmen zu unterscheiden, hörte Namen heraus und konnte auf die Hilfe von Beate Kaiser bauen, ehemalige Stadtarchivarin und nun Rentnerin.

„Ich interessiere mich eben für Geschichte“, erklärt der junge Mann, „vor der großen Aufgabe hatte ich keine Angst.“ Bis zum letzten Tag vor der Abgabe hat Tom Grabe den Texten und Grafiken gefeilt. Von jenem Ereignis, das kurz vor der Wende in Mühlhausen den Umbruch mit angeschoben hatte, gibt es nun erst durch den Schüler eine erste Auswertung. Ergänzt werden die Mitschnitte durch Augenzeugenberichte. Grabe sprach mit Teilnehmern und Zeitzeugen: Harald König, Marco Häßler, Ruthild Vetter und Peter Steinbrecher. Auch dafür, dass er etwas Neues zur Geschichtsschreibung beigetragen hat, erhielt er den Preis. Mit dem Handy hat er die Befragungen aufgenommen, Stück für Stück abgetippt. Eine echte Fleißarbeit.


Zum Hintergrund:
Über die gesamte DDR verteilt, versuchten sich im Wendeherbst 1989 die Parteieliten am Bürgerdialog. Was sie so viele Jahre verweigert haben, sollte vermutlich Posten und Privilegien retten, als längst klar war, das es Veränderungen geben wird. Echtes Interesse am Umbruch hatten sie wohl nicht. Anders als die Bürger mit der Initiativgruppe „Veränderung Jetzt“ vorne weg. Deren Anliegen, das lässt sich auch in der Arbeit von Tom Grabe nachvollziehen, waren aber so breit gefächert und thematisierten Umweltschutz, Wirtschaft, Handel, Wahlgesetz und Volksbildung. Jeder, der sich zu Wort meldete, hatte drei Minuten Redezeit. Thematisch ging es somit bunt durcheinander, war es doch die erste und bis dahin größte genehmigte Demonstration mit 5000 Teilnehmern.
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