Bilder des Verfalls: Thüringer Gruppe „Urbex ThueVaria“ entdeckt und fotografiert verlassene Orte

Immer mehr Thüringer suchen und entdecken für ihre ungewöhnlichen Fotos die „Lost Places“. (Foto: Urbex ThueVaria)
 
Noch am Anfang und doch schon sehr im Netz erfolgreich unterwegs sind „Urbex ThueVaria“. (Foto: Urbex ThueVaria)
 
Weil Felix und seine Freunde die „Betreten verboten“-Schilder gerne mal übersehen, bleiben sie lieber anonym.

Im alten Fachwerkhaus leben jetzt die Fledermäuse. Im verfallenen Theater haben nur noch Schutt und Gerümpel ihren Auftritt. Die Natur hat die Industrieruine längst zurückerobert. Und auch wenn die Noten noch parat liegen - auf den verstaubten Tasten dieses Flügels hat schon lange niemand mehr gespielt.

Diese Orte sind verlassen und vergessen. Doch nicht für alle: Immer mehr Thüringer suchen und entdecken für ihre ungewöhnlichen Fotos die „Lost Places“. Sie lieben das Abenteuer, den Nervenkitzel, den Charme des Verfalls. Noch am Anfang und doch schon sehr im Netz erfolgreich unterwegs sind „Urbex ThueVaria“. Sie berichten von angsteinflößenden Wildschweinen, maroden Fußböden und Reisen in vergangene Zeiten.

Nur ein Foto durchs vergitterte Fenster ist Felix (Name von der Redaktion geändert) diesmal vergönnt. Sein Blick fällt auf Chaos und verkohltes Holz - die ehemalige Erfurter Sport-Gaststätte ist einsturzgefährdet. „Das ist das Problem“, konstatiert Felix. „Es kann sein, dass wir 200 Kilometer weit fahren und dann ist das Gebäude verschlossen. Dann stehen wir da, machen ein paar schöne Bilder von außen und fahren wieder nach Hause.“

Verfallene Fabriken, alte Militäranlagen, ehemalige Krankenhäuser: Diese Orte wurden verlassen und vergessen. Zur Freude der „Urban Exploration“-Anhänger, kurz Urbex. Denn sie entdecken diese „Lost Places“ aufs Neue. Wie die Thüringer Gruppe „Urbex ThueVaria“, die mit ihren Fotos innerhalb kurzer Zeit sehr erfolgreich im Netz unterwegs ist. Seit Gründung im Dezember verfolgen bereits rund 1300 Instagram-Abonnenten die bisher 200 Beiträge.

„Wir nehmen nichts mit außer Bildern und hinterlassen nichts außer Fußspuren.“



Weil Felix und seine Freunde die „Betreten verboten“-Schilder gerne mal übersehen, bleiben sie lieber anonym. „Man bekommt nicht immer eine Genehmigung - so will ich es mal ausdrücken.“ Die Sorgen der Eigentümer kann der 31-Jährige nachvollziehen. „Alle denken gleich an Randalierer. Doch das sind wir absolut gar nicht. Wir nehmen nichts mit außer Bildern und hinterlassen nichts außer Fußspuren. Das ist unser Leitspruch. Deshalb geben wir auch nie die Orte zu unseren Fotos preis.“

Nur vielleicht 200 Schritte weiter steht ein verfallenes Haus mit Regenplane auf dem löcherigen Dach. Auch hier gibt es kein Herein. Denn gewaltsam würden sich die Entdecker niemals Zutritt verschaffen. „Es wird nichts zerstört, nichts aufgebrochen“, betont Felix. Gibt es eine Möglichkeit hereinzukommen, nutzen sie diese, um den Verfall zu dokumentieren. „Doch wir schlagen niemals eine Scheibe ein oder entfernen gar ein Brett vor dem Fenster.“ Auch kein Möbelstück wird verrückt, keine Kerzen angezündet, nichts inszeniert. „Es gibt Urbexer, die mit Requisiten arbeiten. Das ist nicht unsere Art.“ Der Raum ist, wie er ist: schön oder eben zugemüllt. „Es ist der Höhepunkt, einen Ort zu finden, der noch unberührt ist. Aber das ist nahezu unmöglich.“


Ein Knacken hier, ein Schatten dort, sogar Schritte.


In kleinen Gruppen sind die Thüringer unterwegs, immer mindestens zu zweit und immer auf der Hut, dass ihnen in den verwitterten Gebäuden nichts auf den Kopf fällt. „Uns ist schon der Boden unter den Füßen weggebrochen.“ Zur Ausrüstung gehören immer Handschuhe, feste Schuhe und Taschenlampen, denn mit Rost, Dreck und Glasscherben müssen die Urbexer immer rechnen. Den Verbandskasten im Auto haben sie zum Glück noch nie gebraucht.

Je nach Gebäude kann der Ausflug fünf Minuten oder fünf Stunden dauern. Bisher sind „Urbex ThueVaria“ vor allem in Deutschland unterwegs, gerade im Osten, wo es mehr leer stehende Häuser und Kasernen gibt. Geplant sind aber mehr und mehr Auslandstouren. „Das sind ganz andere Hausnummern als hier in Deutschland. Dort gibt es dann verlassene Schlösser“, schwärmt Felix.

Dann ist der Gruselfaktor noch höher. Ein Knacken hier, ein Schatten dort, sogar Schritte. „Es gab schon oft Momente, in denen wir nicht alleine waren. Wer immer dort auch war. In der Urbexszene gilt: Wenn man was hört, versucht man, sich aus dem Weg zu gehen.“ Ob dann nur ein Spaziergänger lärmt, die Polizei oder der Sicherheitsdienst. Womöglich sogar ein Geist? Die Fantasie spielt einem gerne ein Schnippchen. „Es ist ein Nervenkitzel. Wir sind dann hochsensibel. Bei jedem Geräusch zucken wir zusammen. Das bringen die Orte mit sich.“

Gänsehaut-Momente waren beispielsweise, als die Thüringer in einer Ruine bei Bad Berka eine Puppe im Fenster entdeckten. Ein anderes Mal ertönte lautes Schnarchen aus einem Zimmer. Auf Platz eins der gruseligsten Momente steht aber eine ganz andere Begegnung. Felix erinnert sich: „Wir waren nachts im Wald unterwegs, als es raschelte. Wie in einem schlechten Horrorfilm haben wir mit der Taschenlampe zum Geräusch geleuchtet und sind mit dem Lichtkegel auf einem Wildschwein hängengeblieben. Es rannte auf uns zu, bog aber kurz vorher ab. Das war keine schöne Situation. Ich habe mich noch nie so erschreckt.“

Was ist hier passiert? Warum haben sie alles zurückgelassen?


Meist sind es aber schöne Erlebnisse. „Wir wissen nie, was wir entdecken, was uns hinter der nächsten Tür erwartet: eine alte Turnhalle, ein leerer Pool oder das tollste Wandgemälde.“ In der Regel sind die Wände nur mit Schmierereien besprüht. „Teilweise sind aber echt coole Graffiti dabei, echte Kunstwerke“, begeistert sich Felix.

„Manche Wohnungen sind noch komplett eingerichtet. Dann fragen wir uns: Was ist hier passiert? Warum haben sie alles zurückgelassen?“ Die Historie zu recherchieren, in vergangene Zeiten einzutauchen, dem früheren Leben nachzuspüren, macht ebenfalls einen Reiz des ungewöhnlichen Hobbys aus. „Wir waren in einem sowjetischen Krankenhaus aus der Zeit des Kalten Krieges, in dem noch die Liegen standen. Oder in einem Altenheim lagen noch Papiere rum, das Arztzimmer war komplett eingerichtet. Da machen wir und schon unsere Gedanken.“

Bisher ist die Gruppe nur mit ihren Handys unterwegs. „Was die Fotografie angeht, stehen wir noch am Anfang.“ Tipps holen sie sich von befreundeten Urbexern aus Gotha oder Weimar. Wie schon Regisseur Alfred Hitchcock in seinen Filmen haben sie kleine Auftritte auf ihren Fotos. Für je 100 neue Instagram-Abonnenten lassen sie sich von hinten fotografieren. Zum einen, damit ihnen keine Anzeige wegen Hausfriedensbruch droht. Zum anderen wollen sie dadurch mysteriöser erscheinen. „Das macht es auch interessant, dass man nicht weiß, wer dahintersteckt.“ Auch sonst gibt es lustige Events wie den Black-And-White-Monday, an dem ausschließlich Schwarz-Weiß-Fotos veröffentlicht werden. „Uns ist wichtig, dass die Leute Spaß an unseren Bildern haben und ihnen gefällt, was wir zeigen.“

Kontakt:

www.facebook.com/UrbDiscThueVaria
Instagram: Urbex_ThueVaria

Mehr Urbex:

urbex-thuringia.de
marodes.de
www.page-x.de
www.facebook.com/urban.explorer.suedthueringen.de/
www.noise-fotografie.de/foto-blog/urbex/
www.urbex-explorer.net
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