Burnout oder Depression? Dr. Ingrid Bräunlich im Interview

Dr. Ingrid Bräunlich, Vorsitzende des Thüringer Landesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker. Foto: Marco Kneise/TA (Foto: Marco Kneise/TA)
Burnout im Vergleich mit Depression
Fragen an Dr. Ingrid Bräunlich aus Jena, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie

Was genau ist das Burnout-Syndrom?
Burnout ist quasi ein modernes Wort für einen körperlichen und seelischen Zusammenbruch oder Erschöpfungszustand. Er entwickelt sich langsam zunehmend mit Konzentrationsschwierigkeiten, Leistungsproblemen in der üblichen Zeit, der Druck erhöht sich, Stress ist die Folge. Abschalten gelingt nicht mehr. Es kommt zu Rückzug, Motivationsverlust, Leistungs- und Kräfteabfall bis hin zu völliger Verausgabung und Zusammenbruch.
Ursachen sind eigene und Fremdüberforderung, unangemessenes Leistungsstreben mit Überschreitung der körperlichen und psychischen Leistungsgrenze.

Ist Burnout eine Art Depression?
Eine Depression ist etwas anderes, sie kommt als sogenannte Endogene Erkrankung ohne Anlass, relativ schnell und massiv mit Stimmungstief, trauriger Grundstimmung, Grübelzwang, Gefühllosigkeit beziehungsweise dem Gefühl, nichts mehr fühlen zu können, Schuldgefühlen, Lebens-Sinnverlust bis zu Lebensüberdruss und letztlich Selbsttötungsgedanken. Dann wird sie lebensbedrohend. Nach Suicidgedanken muss zumeist deutlich gefragt werden, weil sie oft verschwiegen werden. Etwa 10 Prozent der depressiv Erkrankten begehen Selbstmord. Sehr schwierig ist auch der Umgang mit den Antriebsstörungen, es geht praktisch nichts mehr ohne schwere Kraftanstrengung. Es kann zum Verlust aller Bindungen, Rückzug und Verlust aller sozialen „Auffangnetze“ führen.

Auch reaktive Depressionen sind ernst zu nehmen, die bei traumatischen Erlebnissen, Verlust von engen Bezugspersonen, auch bei Hirnschädigungen wie bei Demenzen, Alkohol- und Drogenfolgen auftreten können. Auch die hormonelle Umstellung des Körpers nach einer Geburt kann eine reaktiv-depressive Störung hervorrufen, die oft verkannt und als Folge der Betreuung eines Neugeborenen mit entsprechender Belastung gedeutet wird.

Wie unterscheidet sich die Therapie?
Depressionen gehören in fachärztliche Behandlung, besonders im akuten Stadium, da ist Reden beispielsweise wegen des Grübelzwanges oft nicht möglich. Danach und wenn die Medikamentte ihre Wirkung tun, ist Psychotherapie sehr hilfreich. Bemühungen um Abschalten sind anfangs ohne Erfolg, später können sie wie bei jedem Menschen Gutes bewirken. Entspannen können auch ausdauernde Wanderungen. Dazu muss aber eine vertraute Person den Kranken überreden oder einfach mitnehmen - allein ist der mangelnde Antrieb nicht überwindbar.
Hier wäre die Soziotherapie, auf die seit 2001 gesetzlich ein Anspruch besteht, eine sehr hilfreiche Behandlungsoption. Erfahrene Soziotherapeuten können motivieren und aktivieren und Vertrauter Ansprechpartner in der vertrauten Umgebung zu Hause sein.

Und der Burnout-Betroffene?
Ein Burnout-Betroffener ist auch schwer krank, seine Beschwerden haben Krankheitswert, obwohl die Krankheit als solche noch nicht im Diagnosebereich aufgenommen ist.
Mit einem Burnout-Betroffenen kann man reden, ihn motivieren nachzudenken, was zum Burnout geführt haben könnte, den eigenen Anteil zu erkennen, die Selbstüberforderung - zum Beispiel das Karrierestreben und die Vernachlässigung der eigenen Leistungsgrenzen. Das Wort von der Psychohygiene beziehungsweise der achtsame Umgang mit sich selbst hat hier seine dringende Berechtigung. Abschalten lernen, eventuell die Lebensplanung verändern, Pausen und Hobbys, insbesondere auch körperliche Ausgleiche sind einzuplanen, um nach überstandenem akuten Zustand ähnliche Entwicklungen zu vermeiden.

Ist Burnout ein Ergenis der heutigen Zeit oder gab es das Syndrom schon immer?
Den Zustand Burnout hat es sicher immer gegeben, nur nicht unter dieser Bezeichnung. Für uns sind die Arbeitsumstände mit ihrem Leistungs- und Zeitdruck sehr belastend, insbesondere weil Ängste hinzukommen - zum Beispiel vor Verlust des Arbeitsplatzes, nachdem ein sozialer Abstieg droht - einschließlich Vereinsamung und Obdachlosigkeit. Übrigens befinden sich unter den Obdachlosen auch sehr viele chronisch psychisch Kranke.

Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Man sollte zum Arzt gehen, wenn man sich krank fühlt. Festzustellen was vorliegt, ist Sache des Arztes. Wir sollten genau erfragen, welche Erkrankung vorliegt und was zur Gesundung beigetragen werden kann. Der persönliche Anteil daran ist oft nicht unwesentlich.

Sind vor allem Frauen betroffen?
Frauen sind in etwa gleich betroffen wie Männer. Sie legen an sich einen hohen Maßstab an und wollen eher besser sein als die Männer, gehen aber zumeist achtsamer mit sich um.

Worin sehen Sie die Ursachen für den Burnout-Anstieg? Im 20. Jahrhundert gab es zwei Weltkriege. Im 19. Jahrhundert arbeitete man zwölf Stunden am Tag ohne Urlaub. Man kann nicht pauschal sagen, dass die Belastung heute größer geworden ist.
Sogenannte „Nervenzusammenbrüche“ gab es schon immer, besonders in Kriegszeiten und Krisen, die alle betrafen. Aber die gegenseitige Fürsorge und Solidarität untereinander halfen vielmals. Heute ist ein psychisch kranker Mensch ein Außenseiter. Er wird diskriminiert und gemieden, oft seine ganze Familie gleich mit.

Erwarten wir zuviel, wenn wir auf Arbeit glücklich sein wollen?
Was wir erwarten, ist oft unrealistisch und Wunschdenken. Aber eine Art innerer Erfüllung und Anerkennung sollte die Arbeit uns doch bringen, schließlich ist sie die längste Zeit unseres Lebens unsere Haupttätigkeit.

Was ist die beste Burnout-Vorsorge? Wie kann ich rechtzeitig gegensteuern?
Wir können etliches tun, um uns gesund und leistungsfähig und damit lebensfroh zu erhalten. Es empfiehlt sich, besser auf uns zu achten, ab und zu unsere Lebenssituation wie von außen zu betrachten, unsere Grenzen zu erkennen und einzuhalten. Wir sollten Bewältigungsstrategien für „das Leben“ erlernen, Entspannungsmethoden anwenden und uns fit halten durch körperliche Bewegung und Sport. Erholungsphasen halten auch die Psyche fit. Man spricht auch von Psychohygiene.

Im gesunden Intervall einer Depression kann ich auch alles tun - wie alle Menschen. Nur in der akuten Phase sollte eine gezielte fachärztliche und psychotherapeutische Betreuung Vorrang haben. Eine frühzeitige und ausreichende Therapie ist entscheidend für den Ausgang einer Depression.

Heute wird gern ein Burnout.-Syndrom stellvertretend für eine Depression angegeben, um der Diskriminierung zu entgehen. Aber die Vermengung der Begriffe birgt die Gefahr der Verharmlosung der Depression und damit ungeeigneter und erfolgloser Therapie und möglicherweise fatalen, nämlich tödlichen Folgen.
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1 Kommentar
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Claus F. Dieterle aus Apolda | 11.04.2013 | 01:59  
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