Chefredakteur von MDR Thüringen holt nach 25 Jahren seine Gitarre aus der Verbannung

Matthias Gehler lässt seine alten Liedermacher-Zeiten wieder aufleben.
Erfurt: Michaeliskirche |

"Das hätte ich mir nicht träumen lassen", sagt Matthias Gehler über das, was gerade geschieht. Matthias Gehler ist stellvertretender Direktor des MDR-Landesfunkhauses, Chefredakteur und Hörfunkchef, war einst Sprecher der letzten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière (seine Stellvertreterin: Angela Merkel), außerdem EDV-Techniker, Journalist, Theologe und Liedermacher. Von der Liedermacherei hatte er sich 1990 losgesagt, 25 Jahre lang stand die Gitarre in der Ecke. Doch inzwischen hat er sie wieder hervorgeholt, er tritt von Zeit zu Zeit mit seinen Songs auf, hat einige davon auf CD veröffentlicht und sein Buch „Wenn Gedanken Flügel hätten“ herausgebracht. Hier ist er im Interview:

Haben Sie Ihre Gitarre wirklich 25 Jahre nicht angesehen? Warum?


Weil ich einen völlig anderen Job mache. Der Ausgangspunkt war, dass ich damals in die De-Maizière-Regierung als Regierungssprecher und Staatssekretär berufen wurde. Danach bin ich immer journalistisch und organisatorisch im Management gewesen und habe fürs Liedermachen keine Zeit mehr gehabt. Außerdem habe ich geglaubt, dass die Zeit der Liedermacher vorbei sei. Wobei ich ja jetzt erlebe, dass Lieder, die ich vor mehr als 30 Jahren geschrieben habe, noch aktuell sind. Das ist eine neue Erfahrung für mich, für die ich sehr dankbar bin.


Warum haben Sie die Gitarre wieder vorgeholt?


Ein Kollege von mir, Willi Wild, hatte mich im Auto auf der Rückfahrt vom Deutschen Radiopreis darauf angesprochen. Er hat nicht lockergelassen, von wegen 'du warst doch mal Liedermacher, wie war das...?'. Und plötzlich fielen mir wieder Textpassagen ein, Sprüche, Gedichte und auch, wie es dazu gekommen ist. Willi sagte zum Schluss: Das musst du aufschreiben! Ich wollte mich rausreden, ich hätte keine Zeit dafür. Aber er hat das ganze Organisatorische übernommen. So ist also das Buch entstanden, und wir haben sogar eine CD aufgenommen, um ein bisschen davon hörbar zu machen.


Brauchten Sie die lange Zeit des Abstands?


Ich habe dabei einiges entdeckt. Zum Beispiel, dass ich mir ziemlich treu geblieben bin. Wenn ich zurückblicke - ich bin jetzt 61 - sind die Lieder ein halbes Leben. Heute, 30 Jahre später, kann ich vergleichen, fragen, ob die Aussagen noch stimmen. Gibt es vielleicht etwas, das über die Momentaufnahme von damals hinaus geht? Und dann stelle ich fest: Ja! Und andere stellen das bei den Konzerten auch fest. Es gibt so viele positive Reaktionen auf alles, ich erlebe Dinge, die hätte ich mir nicht träumen lassen.


Zum Beispiel?


Eine Frau sprach mich in Jena auf ein Lied an und erzählte, dass sie das früher auf Kassette hatte. Sie sprach davon, dass es ein Stück ihres Lebens ausgemacht habe. Da denkt man schon darüber nach, was man einst mit der Musik bewirken konnte, wie viel Verantwortung man eigentlich getragen hat. Das war mir damals gar nicht so bewusst. Das ist ein gutes Gefühl, auch, jemandem nach so langer Zeit gegenüberzustehen und davon zu hören.


Funktionieren heute Ihre Lieder und das Buch nur gemeinsam?


Schwer zu sagen. In den Konzertlesungen nutze ich beides, es funktioniert gut zusammen, aber auch jedes für sich.


Kannten Sie nach den vielen Jahren Ihre Texte noch?


Zum großen Teil schon, das war auch eine Überraschung. Das Gitarrenspielen war etwas schwieriger. Dabei hatte ich mal Konzertgitarre gelernt und später Rhythmusgitarre gespielt, aber wenn man 25 Jahre kein Instrument mehr in der Hand gehabt hat, dann ist das etwas, das man nur zu einem gewissen Grad wieder beherrscht. Ich hatte nur vier Monate zum Üben und musste schließlich mit Sehnenscheidenentzündung spielen. Das war sehr schwierig. Aber inzwischen geht es schon wieder ganz gut.


Verstehen nur ehemalige DDR-Bürger die Texte?


Nein. In den Liedern ist vieles drin, was nicht an eine Region, an eine Kultur, an eine Geschichte gebunden ist. Vieles, das neu verstanden werden kann und heute eine ganz andere Gültigkeit hat. Das war für mich auch sehr überraschend. Damals, bevor ich aufgehört habe, durfte ich das schon einmal erleben, als ich zum ersten Mal im Westen aufgetreten bin. Da habe ich mitbekommen, dass es nicht nur den DDR-Blick auf die Lieder gibt, sondern dass in ihnen ein Stück Allgemeingültigkeit liegt.


Würden Sie heute ein Lied schreiben, handelte es von...?


Es passiert mir schon mal, dass ich wieder ein Lied schreibe, so nebenbei. Es gibt vier neue Lieder, die einfach mit entstanden sind. Dabei habe ich mich auch zuvor gefragt: Kann ich das noch? Ja, es ist nicht weg, das bin immer noch ich. Es ist neu, aus der Jetzt-Zeit. In dem einen Lied geht es um meine Heimatstadt Crimmitschau. Es geht auch um das Alter, es geht um Liebe, das, was einem heute noch manchmal zustößt. Es geht ebenso um Rückblick, auch um aktuelle Dinge. Ich kann gar nicht losgelöst von allem etwas schreiben, wenn man Tag für Tag als Journalist mit allem Möglichen konfrontiert wird, arbeitet man das mit ein.


Haben Sie noch Kontakt zu Angela Merkel?


Sie ruft mich jeden Morgen an und fragt, was sie tun soll, sie macht es aber nicht. Nein, Spaß beiseite: Hin und wieder sehen wir uns bei Veranstaltungen und reden miteinander, manchmal auch etwas länger. Der Kontakt ist lose da.


Sie waren bzw. sind EDV-Techniker, Pfarrer, Psychologe, Liedermacher, Journalist... Was kommt noch?


In fünf Jahren soll ich in den Ruhestand geschickt werden. Ruhestand ist kein schönes Wort, ist Stillstand und Stillstand ist Rückgang. Es gibt eine amerikanische Studie, die besagt, dass Menschen, die länger arbeiten, auch länger leben. Und ich möchte so lange wie möglich leben, so bis 96, wenn der liebe Gott es will. Ich bin so neugierig auf das Leben, möchte immer wissen, was passiert, möchte nichts verpassen bis zum letzten Atemzug.

Termin:



Benefizkonzert für die Erfurter Stadtmission mit Matthias Gehler: Dienstag, 8. September, 19 Uhr, Michaeliskirche Erfurt.


Weitere Konzerte: 11.09., Theater Crimmitschau / 17.10. Kirche Holzhausen / 9.11. Haus der Geschichte, Bonn / 11. und 12.11. im Eichsfeld / 13.11. Apolda / 14.11. Kabarett Pfeffermühle Leipzig



Sehen Sie hier eine Rezension zu Gehlers Buch und CD: https://www.youtube.com/watch?v=5Oi9qf3FSzE
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige