Der Beschwerdeführer - "Ich wollte etwas verändern."

Der Beschwerdeführer Wilfired Gärtner.

Er beschäftigte über drei Jahrzehnte die Behördenstuben – Wilfried Gärtner aus Weimar beschwerte sich am laufenden Band

Nein, ein notorischer Nörgler ist Wilfried Gärtner (86) aus Weimar nicht. Doch er wollte sich einmischen, sprach Unzulänglichkeiten aus seiner Sicht an. Dabei nahm er kein Blatt vor dem Mund, sondern beschrieb es. In 34 Jahren brachte er es auf nahezu 100 Beschwerdebriefe. Die gingen an Parteien, Ministerien und Behörden. "Ich wollte etwas verändern", sagt Gärtner.

Die Antworten befriedigten ihn nicht immer. So auch am 2. September 1980 auf seine erste Eingabe an den Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb Weimar. Es ging um das Spritzen von Herbiziden im Wald. In der Antwort hieß es: Der Forst setzt das seltener ein, als die Landwirtschaft.

"Ich bin ein naturinteressierter Mensch, groß geworden auf dem Bauernhof", sagt Gärtner. Er ist heute noch mehr der Ansicht, dass auf den Feldern massig gespritzt wird. "Das ist zu viel Chemie."

Zu DDR-Zeiten erhielt Wilfried Gärtner allerdings "stets Antwort und ausführlich" und wurde auch zu Gesprächen eingeladen. Doch einmal wollte er sogar vergebens warten, da setzte sich "die Schere im Kopf" durch: "Ich forderte Mitte der 80iger-Jahre die Absetzung eines Ministers, weil der so viele Fehlentscheidungen getroffen hatte. Das allerdings anonym." Das war ihm dann doch zu heiß, "aber es musste aus mir raus", sagt Gärtner.

Nach der Wende wurde es ruhiger - mit den Antworten, aber nicht mit der Schreibwut des Rentners. Das bekamen Bundeskanzleramt, Landratsämter, Stadtverwaltungen, Handwerkskammer und Fernsehsender zu spüren. "Heute fühle ich mich nicht mehr ernst genommen. Posten und Geld sind wichtiger, aber es kümmert sich keiner mehr", sagt Gärtner. Sein Resümee: "Es hat sich wenig geändert. Selten wurden meine Ratschläge angenommen." Doch ein Meliorationsbetrieb bedankte sich einmal aufrichtig und wollte die Begradigung der Bäche absetzen.

"Ich bin aufmerksam durch die Welt gegangen, habe mich immer für Politik interessiert", sagt Gärtner. "Viele wählen nicht, weil sie enttäuscht sind." Dabei wünscht sich der Haderer: "Es müssten sich mehr einbringen und Missstände anprangern." Ihn hat es immer gestört, wenn andere nur herumnörgelten. Er forderte solche Murrköpfe auf, aktiv zu werden. "Doch viele hatten wohl Angst. Das Nörgeln war eben einfacher und bequemer. Doch dadurch ändert sich nichts", sagt Gärtner.

Selbst das Wissen, dass die meisten seiner Briefe nur im Vorzimmer beantwortet wurden, konnte ihn nicht davon abhalten nachzulegen. Er blieb dreieinhalb Jahrzehnte dran. "Die Welt habe ich nicht verändert, aber ich konnte nicht anders", beschreibt der 86-Jährige seine Beschwerdeflut.

In Institutionen könnte in Zukunft der Postsack etwas leichter ausfallen. Doch sicher kann sich keiner sein: "Wenn ich noch könnte" - so Wilfried Gärtner - "würde ich weiter schreiben".
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5 Kommentare
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Joachim Kerst aus Erfurt | 13.08.2014 | 09:34  
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Renate Jung aus Erfurt | 15.08.2014 | 00:49  
Wolfgang Rewicki aus Eisenach | 18.08.2014 | 14:41  
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Harald Schnöde aus Apolda | 18.08.2014 | 19:55  
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Mike Picolin aus Gera | 19.08.2014 | 21:37  
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