Der Fluch alt werden zu wollen ohne dann auch alt zu sein!

Vor ein paar Tagen war mal wieder ein Besuch bei betagten Bekannten angesagt. Zugegeben, nicht gerade ein freiwilliger Wunschbesuch, sondern mehr ein Besuch, der mal wieder dran war. So verlief er dann auch mit Gesprächen, deren Themen nichts mit unserer Lebensrealität gemeinsam hatten. Über Krankheiten, Arztbesuche, wie viele Tropfen und Tabletten für welche Art von Krankheit zu nehmen sind, ging der Themenbereich zu den Nachbarn, wer was wann wie getan und gesagt hat, wobei besonders wichtig war, was die Leute wohl tatsächlich gewollt und gemeint hätten.
Eine einzige Anstrengung, da man bei dererlei Gesprächen auch kaum eine Möglichkeit hat, tatsächlich miteinander ins Gespräch zu kommen. Die beiden Betagten wollten einfach alles schnell und möglichst vollständig loswerden, was für sie so in ihrem Lebensalltag alles zu bewältigen ist.
Nach dem Kaffee zog die Dame des Hauses meine Frau mit in einen Raum,, um mit ihr die Dinge zu besprechen, die Frauen untereinander austauschen.

In dieser Zeit war ich mit dem Hausherren allein und wir kamen in ein sehr bemerkenswertes Gespräch. Er erzählte mir, dass er nun oft daran denken müsse, dass er sterben würde und wie es wohl seiner Frau ergehen würde, wenn er stirbt. Der Tod ist in ihrem Leben durch den ständigen Verlust von Freunden und Bekannten zu einem hartnäckigen Begleiter geworden, der sich nicht wieder abschütteln lässt. Es ist auch schwerer für sie Freunde zu finden, da der Kontakt zu fremden Menschen immer schwerer fällt und die alten langsam wegsterben.
Dann sagte er: „ich weiß noch, wie mein Vater starb. Er lebte bis zu seinem letzten Tag in diesem Zimmer hier. Sein Bett stand genau da drüben“, wobei er auf eine Ecke im Zimmer wies. „Er war bis zum letzten Atemzug geistig voll da, hat noch alles mitbekommen. Ich dagegen, kann mich jetzt manchmal nicht einmal mehr erinnern, wo ich bin und wo ich hin will.“
Ich hörte ihm sehr angestrengt zu.
„Neulich, da war ich wieder einkaufen und du glaubst es nicht, ich bin die Straße schon tausend mal gefahren, aber ich wusste einfach nicht mehr, wo ich bin und wie ich zum Markt komme. Das war schrecklich für mich und machte mir große Angst.“
Ich versuchte ihn zu beruhigen, dass das vielen Menschen so geht, dass man etwas vergisst, doch er entgegnete: „Eines Tages habe ich gemerkt, dass ich alt bin. Die Menschen akzeptierten mich plötzlich nicht mehr. Ich war einfach nur noch alt, mehr nicht. Das war sehr bitter!“
Dann sprach er wieder vom Tod des Vaters: „ Ich war bei ihm und eines Tages sagte er, dass es mit ihm zu Ende ginge. Ich holte den Pfarrer, auch wenn ich nicht an einen Gott glaube, bis heute nicht, und sagte meinem Vater, der sehr streng gläubig war, dass ihm der liebe Gott helfen und ihm beistehen werde, um diesen letzten Weg zu gehen. Ich tat es für ihn, dass er die nötige Kraft zum Sterben hatte.“
In diesem Augenblick spürte ich seinen tiefen Schmerz, obwohl der Verlust seines Vaters bereits vielen Jahre zurück lag. Es gibt keine Worte für diesen Moment, die man sagen könnte. Es bleibt nur die Leere des Verlustes.
Dann redeten wir noch über die Dinge, die die beiden Eheleute miteinander besprechen sollten, für den Fall aller Fälle, wobei ich ihn ermutigte, alles zu klären, damit der, der zurück bleibt, nicht vor einem riesigen Loch steht, dass man nie wieder füllen kann.

Auf dem Weg nach Hause sprach ich mit meiner Frau darüber, wie schwer es doch für die alten Menschen sein kann, wenn sie, aus welchen Gründen auch immer es nicht schaffen, ihrem Leben im Alter ein Ziel und einen erfüllenden Sinn zu geben. Oft gelingt dies durch die zahlreichen Krankheiten auch gar nicht mehr.

Ist es wirklich ein Segen alt werden zu wollen oder eher ein Fluch, dann so alt sein zu müssen?
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4 Kommentare
Jana Scheiding aus Arnstadt | 02.03.2012 | 12:43  
295
Wolfram Treydte aus Erfurt | 02.03.2012 | 15:21  
Jana Scheiding aus Arnstadt | 02.03.2012 | 15:36  
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Hannelore Grünler aus Artern | 04.04.2012 | 03:24  
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