Der Hundeflüsterer

Fino (vorn) ist ein lieber Kerl, seit er bei Hartmut Esch ist, hat er auch ein Zuhause gefunden.
  „Nein, jetzt wird nicht geschrieben, erst einmal musst du mich weiter streicheln, am besten ganz lange“, versucht Fino mit einem wiederholten Stups mit der nassen Hundeschnauze seinem Sofanachbarn eindringlich klarzumachen. Dazu legt er die Hundepfote sanft auf die Hand mit dem Stift. Schon gut, er hat gewonnen.

Herrchen Hartmut Esch kann sich angesichts dieser Charme-Attacke das Lächeln kaum verkneifen: „Der Hund ist inzwischen ein ganz schöner Schmuser geworden.“ Dabei hätte bis vor kurzem niemand auch nur im Traum daran gedacht, die Worte „Fino“ und „Schmusen“ in einem Atemzug zu erwähnen.

Der Mischling mit dem schwarz-braunen Fell hat einen langen Weg hinter sich. Manchmal blitzt noch die Angst aus seinen Augen. Erinnerungen, die mehr und mehr verblassen. In Rumänien lebte der heute zweijährige Fino auf der Straße. Es war nur eine Frage der Zeit, dass die Hundefänger ihn schnappen und töten würden. Doch der Hund landete in Deutschland, im Stedtener Tierheim. Schon bald sollte er sein neues Zuhause bei einer Erfurter Familie beziehen. Doch mehr als drei Tage hält es den jungen Wilden nicht bei den Menschen – er läuft davon.

Auf den Straßen in Daberstedt scheint es ihm besser zu gefallen. Schnell gewöhnen sich die Bewohner an den neuen Nachbarn, stellen ihm Futter hin. Doch zu nahe kommen darf ihm niemand, Fino hat viel zu viel Angst. Das geht über Monate so, seit Juni schon. „Ich hab‘ ihn immer in der Geraer Straße gesehen“, erinnert sich Hartmut Esch an die ersten Begegnungen. Er war dort jedesmal mit seiner Huskyhündin Akira unterwegs. Und Fino schließt sich den beiden ab und zu für eine Runde an. Noch immer scheu, noch immer nicht bereit, näheren Kontakt zuzulassen. Doch er wird zunehmend aufmerksam, wenn Hartmut Esch leise auf ihn einredet. Futter gibt es von dem freundlichen Zweibeiner auch. Und die erfahrene Huskydame Akira, der ihr Herrchen eine beinahe magische Aura bescheinigt, hat von der ersten Sekunde an bei Fino einen Stein im Brett.

Es wird trotzdem kein einfacher Weg, aus dem verängstigten Straßenhund einen Gefährten zu machen, der Nähe zulässt und sich zu benehmen weiß. Doch Hartmut Esch wagt den Versuch: „Ich habe sofort gesehen, dass in Fino ein ganz lieber Kerl steckt. Selbst in seiner Zeit auf der Straße war er niemals aggressiv“, sagt er und erinnert sich an die Annäherung. Immer wieder versucht er, eine Bindung zu dem Heimatlosen aufzubauen, redet mit ihm, füttert ihn, sie gehen spazieren. Irgendwann darf er Fino sogar durch das schwarz-braune Fell wuscheln.

Und als sich Hartmut Esch im Oktober ein paar Nächte lang – mit einem Schlafsack ausgestattet – zu ihm gesellt, hat er endgültig Finos Herz erobert. Er hat wohl das richtige Händchen für Hunde, hatte zuvor mit seiner besonderen Art bei seinen Pflegehunden schon manch schwierigen Fall kuriert. Er ist ein Hunde-flüsterer. In diesem Fall sind alles andere nur noch kleine, logische Schritte: Seit Novem-ber wohnt Fino bei Hartmut Esch und Akira, die drei sind ein harmonisches Gespann. Längst hat der einstige Stra-
ßenhund gelernt, an der Leine zu gehen, befolgt Kommandos und lernt viel von der älteren Hundedame. „Zu Hause sind beide ziemlich ruhig, ein bisschen verspielt natürlich, und manchmal muss ein Hausschuh dran glauben“, berichtet das Herrchen. Doch draußen, wenn sie toben dürfen, gibt es kein Halten mehr.

Die Nachbarn freuen sich, dass Fino ein Zuhause gefun-den hat, dass es ihm gut geht. Sie nehmen Anteil, bringen immer mal etwas Futter, wofür Hartmut Esch herzlich Danke sagen möchte. Und wenn sie die drei sehen, lächeln sie. Ach ja, da ist ja wieder der Fino...
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2 Kommentare
Thomas Gräser aus Erfurt | 08.02.2012 | 09:31  
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Kerstin Kehr aus Erfurt | 28.01.2015 | 23:24  
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