Der „Rasselbock der Furche“ - Dr. Frankenstein lässt grüßen

Reiner Wagner aus Eichelborn hat sich 1984 einen bunten Trecker zusammengestoppelt.
 
Reiner Wagner (67), Eichelborn, Traktor-Eigenbau
Mönchenholzhausen: Maik Bürger |

Melange aus Altteilen tuckert auf Eichelborner Wiesen und Äcker – Reiner Wagner schuf ein Unikat auf Rädern – eine Art Puzzle-Trecker



Ein Fabelwesen ist der Trecker von Reiner Wagner aus Eichelborn nicht. Furchteinflößend schon gar nicht. Auch wenn die zig verbauten "Körperteile" aus Eisen, die Zick-Zack-OP-Schweißnähte und die eingekürzte Spurstange schon Assoziationen zu Dr. Frankenstein auslösen. Doch wir sind nicht in der Schweiz oder in Hollywood, sondern in Thüringen. Und da ist der Name "Rasselbock der Furche" treffender. Dieses Fabeltier ist ja auch aus Teilen verschiedener Artgenossen zusammengesetzt. Doch die bunte Zugmaschine ist wohl eher sozialistische Realität. Wir hatten doch nischt! Und wenn doch, musste es passend gemacht werden. So waren Fantasie und Kreativität auch in Werkstätten heimisch.

Reiner Wagners Kleinschlepper ziert eine verbeulte Motorhaube vom Belarus. Motor, Getriebe und Fahrgestell sind vom Famulus (Baujahr 1963) und die Vorderachse stammt von einem Stapellader T180 aus Schönebecker Produktion. Damit nicht genug: Die bereits "leicht" angeschlagenen Hinterräder steuerte ein Lanz 1530 bei, die Kupplung und die Blinker entbehrte ein Multicar, die Kotflügel und Vorderräder zierten einst einen Radschlepper RS 09 (Geräteträger, der auch Maulwurf genannt wurde). Und der 67-jährige gelernte Motorenschlosser sitzt auf einem W50-Lkw-Sitz. Bunter geht’s kaum. Und die Überraschung: die Melange aus Altteilen - 3200 Kubikzentimeter, luftgekühlt, 36 Stundenkilometer schnell - fährt seit Mitte der 1980er- Jahre und leistet zuverlässig ihre Dienste. Und mittels Lenkbremse kann sich das Gefährt sogar auf der Stelle drehen - wendig wie einst sein Schöpfer.

"Den Motor, der total zerfroren war, habe ich 1984 erstanden und wieder aufgebaut", sagt Reiner Wagner. "Die Motorhaube habe ich aus Isseroda und gegen anderen Schrott eingetauscht." Zwei Jahre werkelt der Eichelborner, dann ist das Gefährt einsatzbereit. Alles geübte Handgriffe für den Schlosser. Und er erinnert sich noch an seine Lehre 1966 bis 68 in der Erfurter Mittelhäuser Straße. "Zweieinhalb Stunden war die Prüfungszeit für den Motoraufbau." Die für seinen Trecker-Mix aber doch etwas länger. Zehn Jahre arbeitet er dort. Dann wird er LPG-Schlosser in Obernissa und macht 1986 noch seinen Meister.

Viele Generationen Landwirtschaft prägen die Wagner- Geschichte. "Mein Vater hat immer Traktoren gehabt, auch einen Deutz", erzählt Reiner. "Und klar, bin ich als Kind schon Trecker gefahren." Im Nebenerwerb betreibt die Familie lange Landwirtschaft. Einst nannte sie fünf Hektar ihr Eigen. Mit dem Ausbau der Autobahn 4 Mitte der 1990er-Jahre schrumpft der Acker auf gerademal einen halben Hektar. Genug für den "Rasselbock". Von wegen. "Sechs, sieben historische Traktoren habe ich", sagt Reiner Wagner. Auf Nachfrage wurden es dann acht und nach einem Hofrundgang plötzlich neun. Denn ein kleiner schmucker neuzeitlicher Spaßtrecker für die "Sonntagsausfahrt" kommt auch zum Vorschein. Und als sich das dritte blaue Blechtor öffnet, stehen dahinter noch ein Mähdrescher Claas (Baujahr 1967) und viele Anbaugerätschaften. Ein ganz schönes Gedränge auf 0,5 Hektar. "Zum Verschrotten sind mir die landwirtschaftlichen Maschinen zu schade", sagt der Landwirt. Und schließlich sind sie alle einsatzbereit, werden gepflegt und stehen im Trockenen. "Das ist mir wichtig", betont Wagner.

Dann werden Überrollbügel, Fahrersitz und Funkenfang (Auspuff-Esse) des Eigenbau-Treckers umgeklappt. Das verbeulte Gefährt mit Charme, schiefen Schweißnähten und neuem Kleid in Olympiablau - Reiner Wagner ließ es sich nicht nehmen, sein Ostalgie- Schätzchen noch am Vortag mit Hilfe seiner Frau neu zu lackieren - passt sonst nicht in die für Pkw gebaute Garage.

Zu bestaunen unter rund 100 historischen Gefährten ist der "Rasselbock der Furche" beim 13. Traktoren- und Oldtimertreffen in Eichelborn. Und Reiner Wagner sowie Gleichgesinnte haben bestimmt noch so manche Geschichte auf Lager, die sie beim Bau oder mit ihren Treckern erlebten.

TERMIN

13. Traktoren- und Oldtimertreffen in Eichelborn am 1. Oktober, ab 12 Uhr.

° Festgelände am Kfz.-Service Maik Bürger, Herbstfest, Tag der offenen Kfz-Werkstatt
° Kaffee, selbstgebackener Kuchen
° Live-Musik, Moderation: Big-George, big-george-erfurt.de
° Staffelspiele: Gummistiefel-Weitwurf, Trecker-Reifen rollen, Schubkarre schieben
° Bogenschießen für Erwachsene und Kinder
° Traktormitfahrten für Kinder
° Kinderschminken
° Holzspalt-Vorführungen
° Tipps vom TÜV-Mann
° Prämierungen: "Schönster Traktor", "Weiteste Anreise"

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Trecker im Konzert

Lanz 1530

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2 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 28.09.2016 | 08:17  
Thomas Gräser aus Erfurt | 28.09.2016 | 22:45  
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