Der Ring - MiG-19 jagen US-Flieger, drei tote Piloten und 50 Jahre Ungewissheit - in den USA, in Vogelsberg, in Berlin und Thüringen

 
Manfred Wächter aus Vogelsberg - der Finder des Pilotenringes.
Vogelsberg: Kirschberg |

Manfred Wächter findet 1964 nach einem Flugzeugabschuss einen amerikanischen Pilotenring und weiß 50 Jahre lang nicht, ob sein Fundstück in die richtigen Hände kam


E
s ist ein nasskalter Nachmittag. Manfred Wächter aus Vogelsberg nahe Sömmerda ist nahe dem Ort unterwegs. Die friedliche Stille wird jäh von einer Explosion gestört. Ein Flugzeug trudelt brennend gen Boden. Verstört läuft der Dreizehnjährige in Richtung der mutmaßlichen Absturzstelle. Doch die anbrechende Dunkelheit hindert ihn daran, auf halber Strecke weiter zu forschen. In der folgenden Zeit überschlagen sich die Ereignisse in der beschaulichen Gemeinde. Und keiner hat eine fundierte Erklärung für das Geschehen. Noch nicht - am Nachmittag des 28. Januar 1964.

Die Russen kommen

Die Feuerwehr ist zu hören, Polizei und NVA fahren auf, später kommen "die Russen". Hubschrauber kreisen. So viel Betrieb auf den Straßen von Vogelsberg hatte keiner zuvor erlebt. Es liegt etwas Mystisches in der Luft, Manfred Wächter rätselt. Erst Stunden später bringt eine Meldung in der 20-Uhr-Tagesschau Licht ins Dunkel: ein amerikanisches Flugzeug sei nahe Sprötau von einer sowjetischen MiG abgeschossen worden. "Da erfuhren wir erst, was los ist", sagt Wächter heute. Die drei Piloten mit Kampferfahrung aus dem Koreakrieg kamen ums Leben. Der Kalte Krieg wird plötzlich - drei Jahre nach dem Mauerbau - etwas heißer.

Tagelang herrscht Ausnahmezustand. Die Absturzstelle um den Kirschberg ist weiträumig abgesperrt. "Nach drei oder vier Tagen rückten amerikanische Fahrzeuge an. Ich glaube, mich erinnern zu können, dass auf drei Pritschen- Lkw mittels Kran die Wrackteile verladen wurden", sagt Manfred Wächter.

Das Trümmerfeld

Als es ruhiger war, erklimmen die Vogelsberger den Kirschberg, auch Manfred Wächter und Freunde. "Vor uns lag ein riesiges Trümmerfeld mit zig kleinen Teilen. Der Berg war übersät mit Bruchstücken der Alu-Haut des Flugzeuges. Armaturen verschmolzen mit Plexiglas, Griffe, Schalter, Knöpfe lagen herum", erinnert sich Wächter. Tagelang wird zu der rund zwei Kilometer entfernten Absturzstelle gepilgert. "Alles Spannende, Fremde, Exotische haben wir mitgenommen. So verstaute ich auch ein tellergroßes, zwei Zentimeter starkes Stück Plexiglas der Flugzeugkanzel im Schuppen."

Der sagenhafte Fund

Nach Wochen kommt der Cousin Michael aus Sömmerda. Gemeinsam mit ihm und Freund Achim geht Manfred Wächter auf den Kirschberg. Wrack-Reste gibt es noch reichlich. "Dann lag ein wie eine Schüssel gewölbtes Aluteil vor mir. Ich stieß es mit dem Fuß um und entdeckte einen von Aluminium umschlossenen Ring funkeln", sagt Wächter. Die drei legen den Ring frei und erkennen die Inschrift "US Air Force" und einen Namen. "Uns war klar, das ist der goldene Ring mit rotem Stein eines US-Piloten. Nur schnell weg", so Wächter.

Die Angst

Er zeigt das Fundstück seiner Mutter. Die ist nicht begeistert: "Um Gottes Willen, wenn das rauskommt, ist die Polizei im Haus." - "Ich behielt den Ring, vorerst", so Wächter. Nach einer heimlichen Expertise eines Juweliers stand fest: Gold + Edelstein = wertvoll und verboten. Der Ring soll zurück in die Staaten. Nur wie?


Der Geheimdienstdeal

Cousin Michael hat über einen Kollegen in der Optima Kontakt zu einem Mittelsmann im Erfurter Hof. Dort steigen die Amerikaner der US-Militär-Verbindungsmission (USMLM) stetig ab. Der Ring wechselt heimlich den Besitzer. "Dafür erhielt mein Cousin 30 Schachteln Zigaretten", sagt Wächter. Die Sache verwächst sich dann im Leben.

F
ünzig Jahre später: Der Freundeskreis Fliegerdenkmal Vogelsberg lädt 2014 zur Gedenkfeier auch Angehörige der getöteten Piloten ein. Unter ihnen sind Brian und Brucé Lorraine, die Söhne von Capt. John F. Lorrain, dessen Ring Manfred Wächter fand. Einer der beiden greift in die Hosentasche und reicht den Pilotenring dem Finder. Nach Jahrzehnten im Ungewissen erfährt Manfred Wächter: die Mission glückte. "Ich war ganz schön angetan. Ich hätte doch nie gedacht, dass ich den Ring noch mal wiedersehen werde und die Söhne des Piloten kennenlerne."

Das Wiedersehen

Und es gab kürzlich noch eine Überraschung für Manfred Wächter. Wolfgang Preisler, damals "Airman First Class" (Gefreiter) bei der Verbindungsmission (USMLM), war nach 50 Jahren wieder in Vogelsberg. Der Weimarer Heimatforscher Bernd Schmidt stellte zu ihm, wie zuvor zu den Nachkommen der Piloten, den Kontakt her. Preisler raste 1964 mit Oberst Schneider von Potsdam nach Thüringen, um Beweise für den Abschuss zu sammeln. Ein Jahr später war er dabei, als der Ring im Erfurter Hof übergeben wurde. Der Kreis schließt sich. Manfred Wächter weiß heute, die Aufregungen, die Ungewissheiten und Ängste von 1964 waren nicht umsonst.



ZUR SACHE

• Das amerikanische Aufklärungsflugzeug - CT-39A Sabreliner - wurde am 28. Januar 1964 von zwei sowjetischen MiG-19 nahe Vogelsberg abgeschossen.
• Das Flugzeug war unbewaffnet und verfügte weder über Schleudersitze noch über Fallschirme.
• Auf Funkkontakt reagierte die Crew damals nicht.
• Bis heute wird über die Hintergründe des Fluges und des Abschusses von beiden Seiten geschwiegen.
• Beim Abschuss kamen Colonel Gerald K. Hannaford (41), Captain John F. Lorraine Jr. (34) und Captain Donald G. Millard (33) ums Leben.
• Heute steht ein Denkmal an der Absturzstelle.


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12 Kommentare
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Jürgen Wesiger aus Nordhausen | 14.11.2014 | 19:43  
Thomas Gräser aus Erfurt | 14.11.2014 | 19:57  
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Jürgen Wesiger aus Nordhausen | 14.11.2014 | 20:11  
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Hannelore Grünler aus Artern | 14.11.2014 | 20:43  
Thomas Gräser aus Erfurt | 14.11.2014 | 21:06  
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Jürgen Wesiger aus Nordhausen | 14.11.2014 | 23:43  
Thomas Gräser aus Erfurt | 15.11.2014 | 08:55  
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Ronald Koch aus Ilmenau | 10.12.2014 | 03:38  
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Jürgen Wesiger aus Nordhausen | 10.12.2014 | 15:56  
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