Der Unbequeme: Rhönrad-Mann Günther Wagner wird 90

Dass er aus dem Rahmen fällt, wurde ihm schon als Erstklässler schriftlich bescheinigt. Auch mit 90 Jahren ist sich Günther Wagner, der stets Hinterfragende, Aufmüpfige, noch immer treu.
 
Günther Wagner in seinem Garten.
Günther Wagner, der Gründer der Thüringer Rhönradmäuse, ist auch mit 90 noch immer mittendrin, ein bisschen aufmüpfig und lebenshungrig.


Der Lehrer hat es gleich gewusst. "Er fällt durch sein altkluges Wesen aus dem Rahmen...", ist in seiner Beurteilung zu lesen. Schon in der ersten Klasse. Manche mögen ihn altklug nennen, andere einen Aufmüpfigen, einen, der gern mitredet, sich einmischt, fordert. "Ja, bestimmte Sachen spricht keiner aus, ich schon", gibt Günther Wagner zu. "Und manchmal stänkere ich auch gern." Seine Augen blitzen dabei, sie können den Schalk kaum im Zaum halten. Fast, als wäre er noch immer der Lausbub' von damals. Günther Wagner wird am 29. September 90 Jahre alt.


Irgendwie muss er immer auffallen. Schon, wenn andere von ihrer Geburt reden, heißt das bei Günther Wagner Stapellauf. Obwohl die Kiellegung und der Stand der Sterne dabei viel bedeutsamer seien, neun Monate zuvor. Da kommt der alte Seebär durch. Er war auch Pilot und Kriegsgefangener lange Zeit zuvor, wurde Ingenieur, Dolmetscher, Pädagoge, Ehemann, dreifacher Vater, der, der es erreichte, dass Erfurt eine Bahn fürs Eisschnelllaufen bekam, Gründer und Trainer der Thüringer Rhönradmäuse. Vor allem als letzteren kennen ihn die Leute in der Stadt, der Verein war in seinen besten Tagen die größte deutsche Rhönrad-Sektion. Allerdings eine ungewöhnliche, ohne Wettkämpfe. Das war Günther Wagners Prinzip. Jede seiner Turnerinnen sollte sich als Könnerin fühlen, hinzulernen, sich etwas zutrauen, Gemeinschaft leben. Seine Mädchen liebten ihn dafür. Sie sind noch immer traurig, dass ein Schlaganfall ihres Trainers vor sieben Jahren das Vereinsleben beendete. Schade auch, dass es vor drei Jahren nicht gelang, den Verein wiederzubeleben. Aber selbst einem für die Sache brennenden Günther Wagner gelingt es nicht, nun von seinem Rollstuhl aus große Steine aus dem Weg zu räumen.

Im Hier und Jetzt


Er ist keiner, der resigniert. Günther Wagner lebt ganz im Hier und Jetzt. Manch Junger, Interessierter, kennt sich nicht halb so gut aus wie er. Günther Wagner will alles wissen, er liest, befasst sich mit wissenschaftlichen Themen, kann aus dem Stegreif lange Goethe-Texte zitieren, Er sieht genau hin, was die Politiker tun, kommentiert das gern, lobt auch einmal, fragt immer wieder nach. "Ich muss den Mund aufmachen, kann eben nicht anders", sagt er, wieder lächelnd. "Er beliebte, sich über die Politik von Partei und Regierung lustig zu machen", stellte ihm schon vor Jahrzehnten die Seerederei ein treffliches Zeugnis aus. Heute würde das bestimmt genau so klingen.

Fast ein Jahrhundert


"Da habe ich mich wohl nicht so sehr verändert", zieht Günther Wagner kurz vor seinem Geburtstag ein Resüme. 90 Jahre sind eine lange Zeit. "Ich bin Zeitzeuge fast eines ganzen Jahrhunderts", gestattet er sich auch gern Blicke in die Vergangenheit. Ganze Bücher könnte er mit seinen vielen Erlebnissen, den Geschichten und Begegnungen seines Lebens füllen. Allein von seinen Großeltern und den Eltern gibt es so viel zu erzählen. Von ihnen, denen er für ihre Liebe und dafür, dass ihnen die Bildung des Jungen so sehr am Herzen lag, noch immer dankbar ist. Dann die Zeit bei der Luftwaffe und die Kriegsgefangenschaft, in der er so gut Russisch zu sprechen lernte, dass er sogar perfekt in der fremden Sprache fluchen konnte und ihn mancher für einen Einheimischen hielt. Später die Arbeit und Studien, nächtliche Übersetzungen nebenbei, die vielen Jahre im Elternbeirat, die Ausbildung junger Kubaner, weil er auch Spanisch sprach, sein selbst an der Universität gefragtes Wissen als Pädagoge und Trainer, die Familie, im Jahr 2009 dann der Schlaganfall, der ihn vom Krankenhaus unfreiwillig ins Heim verfrachtete, aus dem er sich wieder herauskämpfte - Günther Wagner hätte bändeweise zu erzählen.


Die letzte Seite ist noch lange nicht beschrieben. Beinahe täglich sieht man den liebenswert Aufmüpfigen irgendwo in der Stadt. In der Predigerkirche bei seinem verehrten Meister Eckhart, beim Einkaufen, in der Buchhandlung, am Rande einer Demonstration, um sich selbst ein Bild zu machen. "Was soll wohl aus mir werden, wenn ich mal alt bin?", fragt er sich und lässt den Schalk gewähren. Ach, winkt er ab, darüber müsse er nicht nachdenken, das habe noch viel Zeit.



Zur Person:


- Günther Wagner wurde am 29. September 1926 geboren

- Er war im Zweiten Weltkrieg Segelflieger, Luftwaffenhelfer und -pilot

- Nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft holte er 1949 das Abitur nach, absolvierte eine Ausbildung zum Starkstrommonteur

- Studium an der Technischen Hochschule Dresden und in Moskau

- Er war Monteur auf der Warnow-Werft, außerdem Chef-Dolmetscher und nach externem Studium Ingenieur

- Als Schiffs-Elektro-Ingenieur der Handelsflotte war er in 45 Ländern und 61 Häfen

- 1965: Rückkehr nach Erfurt und Tätigkeit im Starkstrom-Anlagenbau

- Neben der Arbeit: Staatsexamen als Dolmetscher, Pädagogik-Studium (Staatliches Lehramt)

- Nach der Wende: Gründung der Thüringer Rhönradmäuse e.V.

- Er war zweimal Gewinner des Weltcups im Eisschnelllauf-Vierkampf der Senioren
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